Gespräch mit Karsten Bödeker

Warum ehrenamtliche Kommunalpolitik eine undankbare Aufgabe ist

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Mal eben zwischendurch noch ein paar Sitzungsunterlagen durchsehen – bei Karsten Bödeker passiert das auch schon mal im Café beim Warten auf die Bestellung.

Syke - Von Michael Walter. Man muss vielleicht nicht verrückt sein, um in seiner Freizeit Kommunalpolitik zu machen, aber es erleichtert die Sache ungemein. Karsten Bödeker würde diese Variation eines alten Sponti-Spruchs bestimmt nicht zu seiner Maxime erheben. Dazu ist dem Syker Ratsvorsitzenden die Sache zu wichtig. Doch ein Körnchen Wahrheit ist dran. Denn ehrenamtliche Kommunalpolitik ist eine undankbare Aufgabe.

Sie erfordert sehr viel Zeit, macht eine Menge Arbeit und umfasst eine unüberschaubare Themenvielfalt. Und Menschen, die sich dieser Aufgabe in ihrer Freizeit stellen, dürfen sich dann hinterher anpöbeln lassen, wenn sie im Rat an der falschen Stelle die Hand gehoben haben. Wertschätzung für das, was sie leisten, erfahren sie hingegen kaum.

Parteiübergreifend bricht Bödeker eine Lanze für seine Ratskollegen: „Schon in einer kleinen Stadt wie Syke ist die thematische Bandbreite so groß, dass es für den Einzelnen sehr schwer ist, alles so zu erfassen, dass er überall im Thema ist.“

Die strukturierte Vorarbeit in den einzelnen Fraktionen erleichtert das zwar, bedeutet aber viel Arbeit für die Mitglieder.

Manche Fachausschüsse treffen sich nahezu jeden Monat

Bödeker zählt auf: „Fraktionssitzungen sind im Schnitt alle zwei Wochen und dauern jeweils locker zwei Stunden. Wir sprechen da über die Vorlagen und Inhalte der nächsten Sitzungen und versuchen, uns zu den Themen eine Meinung zu bilden.“ 

Die Vorlagen der Stadtverwaltung sollte man dazu mindestens grob überflogen haben. „Und wer im zuständigen Fachausschuss sitzt, hat sie idealerweise vorher intensiv studiert, um alle anderen auf den gleichen Wissensstand bringen zu können.“

Die erwähnten Fachausschüsse tagen unterschiedlich oft, manche bis zu zehnmal im Jahr. Die eigentlichen Entscheidungen fallen auf den Ratssitzungen – im Schnitt einmal pro Monat. Hinzu kommen Arbeitskreise und weitere Gremien, in denen Ratsmitglieder vertreten sind. Zum Beispiel Kuratorien oder Zweckverbände.

Etwa 1500 Seiten muss ein Ratsmitglied im Jahr lesen

Der Arbeitsaufwand für jeden Einzelnen ist kaum zu vereinheitlichen. Bödeker: „Manche Ratsmitglieder sind in vielen Gremien, andere nur in wenigen.“ Er schätzt: Ein Ratsmitglied muss sich pro Jahr mit etwa 200 Beschluss- und Informationsvorlagen auseinandersetzen. „Das sind für jeden etwa 1500 Seiten im Jahr.“ Die in der Regel mehrfach in die Hand genommen, diskutiert und verändert werden.

Das bloße Lesen macht dabei noch die geringste Arbeit. „Ich muss mich über die Hintergründe informieren und ich muss darüber mit anderen Ratsmitgliedern sprechen“, erklärt Bödeker. „Wer das ordentlich machen will, muss jeden zweiten Tag schon ein, zwei Stunden Zeit investieren.“ Und dann kommen die erwähnten Sitzungen noch obendrauf.

Wer soll denn das alles bitteschön nebenbei leisten? „Da muss man sich ja nur mal die Zusammensetzung des Rats anschauen“, sagt Bödeker. „Da überwiegen Rentner, Selbstständige und Leute, die sich ihre Arbeitszeit flexibel einteilen können.“ Beamte wie er zum Beispiel. 

Eher selten findet man hingegen die klassischen Vollzeit-Angestellten mit festen Arbeitszeiten von acht bis fünf und einem Job in Bremen. „Das ist fast schon ein K.o.-Kriterium“, sagt Bödeker. Weil zeitlich kaum zu schaffen.

Bödeker will mitgestalten, deshalb nimmt er die Aufgabe an

Warum er und seine Ratskollegen sich diese viele Arbeit trotzdem freiwillig aufbürden, hat für Karsten Bödeker einen eigentlich ganz einfachen Grund: „Kommunalpolitik ist im Prinzip die einzige Möglichkeit, das Umfeld, in dem man wohnt und lebt und in dem die eigenen Kinder aufwachsen, selbst mitzugestalten“, sagt er. 

Oder anders ausgedrückt: „Die Antwort auf die Frage: Wie wollen wir in Zukunft in unserer Stadt leben? Zumindest ein Stück weit selbst zu geben, als sie anderen zu überlassen“, so Bödeker.

„Vom Charakter her machen wir das umsonst“, sagt er. Es gibt zwar Aufwandsentschädigungen und Sitzungsgelder. „Das ist aber kein Gehalt“, betont Bödeker. „Das soll lediglich den Aufwand abdecken.“ Dabei gilt das Prinzip: Wer mehr macht, bekommt auch ein bisschen mehr. 

Für das Geld macht es wirklich niemand

„Die meisten kriegen etwa 100 bis 150 Euro im Monat“, sagt Bödeker. „Davon bestreiten sie sozusagen ihre Bürokosten und führen einen Teil an ihre Fraktions- und Parteikassen ab.“ Bödeker selbst kommt als Ratsvorsitzender auf monatlich 375 Euro, von denen er einen Teil an den SPD-Ortsverein abgibt.

Das ist nicht wenig. Dennoch: Reich ist durch Ratsarbeit noch niemand geworden. „Andererseits: Niemand wird dazu gezwungen.“

Fazit: Man muss tatsächlich nicht verrückt sein, um in seiner Freizeit Kommunalpolitik zu machen. Allenfalls ein bisschen masochistisch.

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