Ferrid Hadj-Abo und Mohammad El-Choaib berichten über das Chaos in Syrien

Ein halbes Land auf der Flucht

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Mohammad El-Choaib

Syke - Von Frank Jaursch. Schwere Kost hat am Donnerstagabend das Erzähl-Café zu bieten gehabt. Dr. Ferrid Hadj-Abo und Mohammad El-Choaib, Flüchtlinge aus zwei Generationen, brachten rund 60 Zuhörern die Situation in Syrien näher. Ihre Schilderung dokumentierte anschaulich die Dramatik, aber auch die Ratlosigkeit, mit der sie dem Chaos in ihrem Heimatland gegenüberstehen.

Dr. Ferrid Hadj-Abo erläutert die aktuellen Entwicklungen und Machtverschiebungen in Syrien anhand einer Landkarte, auf der die Machtverteilung farbig illustriert wird.

Aufgrund des großen Interesses hatte Gastgeber Johannes Huljus die Veranstaltung kurzerhand ins benachbarte VHS-Gebäude verlegt. Und selbst in dem größeren Raum wurden Sitzplätze und Sauerstoff im Laufe des Abends knapp. Der Apotheker Hadj-Abo lebt seit 18 Jahren in Syke, war 1982 als politisch Verfolgter aus seiner syrischen Heimat in die DDR geflohen – „vor dem gleichen System, das noch heute an der Macht ist“. El-Choaib kam vor einem Jahr nach Deutschland – „zu Fuß von der Türkei bis an die deutsche Grenze“, so Hadj-Abo. Mehrfach war er als ziviler Widerständler in Gefangenschaft geraten, wurde gefoltert – mal durch das Assad-Regime, mal durch den IS. Er entging nur knapp der Hinrichtung, ehe ihm Ende 2014 die Flucht in Richtung Türkei gelang. Mohammad El-Choaib lebt heute in Bremen.

Die persönlichen Schicksale der Referenten – im Wesentlichen sprach Hadj-Abo für beide, da sein junger Landsmann noch nicht gut genug deutsch spricht – standen aber lange Zeit nicht im Fokus. Um die Situation zu verstehen, sei ein historischer Abriss über die Entwicklungen nötig, so Hadj-Abo.

Und der hatte es in sich. Rund eineinhalb Stunden lang erfuhren die Zuhörer etwas über das Chaos in dem vorderasiatischen Staat. Und über das verheerende Ausmaß dessen, was derzeit in Syrien passiert. „Wir haben 22 Millionen Einwohner“, erklärte Hadj-Abo, „und elf Millionen davon sind auf der Flucht.“

Die komplexen Zusammenhänge ethnischer und sprachlicher Gruppen und die Verschiebungen von der Machtergreifung durch Hafiz al-Assad 1970 bis heute veranschaulichte der Syker Apotheker ausführlich.

Als im Jahr 2000 nach Assads Tod dessen Sohn Baschar die Macht übernahm, keimte die Hoffnung auf eine Verbesserung: Es bildeten sich Komitees zur Wiederbelebung der zivilen Gesellschaft. Doch die Blüte währte nur kurz – im Jahr 2004 wurden die Bestrebungen niedergeschlagen. Stattdessen, so Hadj-Abo, habe das korrupt-sozialistische System seines Vaters in den folgenden Jahren kapitalistisch-mafiöse Strukturen entwickelt.

„Faktisch regieren in Syrien die Sicherheits-Institutionen“, betonte Hadj-Abo. Er schilderte die brutale Gewalt, mit der das Regime auf Protest reagierte, umriss den steilen Aufstieg von Isis (später IS). „Das sind keine Dumpfbacken“, warnte der Syker, „die haben Fachkräfte auf höchstem Niveau.“

Zwischen vielen konkurrierenden, brutalen Kräften blute das Land aus. Als größte Gefahr bezeichnet Hadj-Abo den „Verlust der Bildung“. Mohammad El-Choaib beschrieb, dass es in Kriegsgebieten keine Bildungseinrichtungen mehr gebe: „Ich lasse mein Volk ohne Schulen zurück.“

In der anschließenden Gesprächsrunde kam die Sprache auch auf die Probleme mit der Vereinbarkeit von Islam und zivilisierten Werten. Moderate Muslime könnten damit leben, „wenn man ihnen die Freiheiten lässt“, zeigte sich Hadj-Abo sicher. Er glaube, dass die Zeit der entscheidende Faktor für die Integration in die deutsche Gesellschaft sei. Hadj-Abo stellte aber auch klar: „Das Grundgesetz muss man respektieren, das muss man auch verlangen können.“

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