Kreismuseum und Bauernarchiv veröffentlichen Buch über Bauernhäuser

Fenster in die Vergangenheit zum Mitnehmen

Museumsleiter Dr. Ralf Vogeding, Heinz Riepshoff und Bernd Kunze sind stolz auf ihr gemeinsames Werk. - Fotos: Kreykenbohm

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Fritz Böse lehrt an der Staatsbauschule in Nienburg. Doch statt junge Menschen zu unterrichten, könnte der 58-Jährige schon bald an der Front stehen, denn das Wehrbezirkskommando beabsichtigt, ihn einzuziehen.

Es ist ein Schreiben vom Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung, welches ihn am 20. April 1943 erreicht, das ihn schließlich rettet: „SOFORT! Im Einvernehmen mit der zuständigen Dienststelle des Reichsministeriums Speer setze ich Sie bei der Aufnahme bemerkenswerter Bauernhäuser und dergl. ein, die wegen der Angriffe der feindlichen Luftwaffe beschleunigt durchzuführen ist.“

Sein Auftrag lautet also: Alte Bauernhäuser und -höfe in der Region zu fotografieren, bevor sie durch mögliche Bombenangriffe für immer zerstört werden. Böse packt seine Kamera ein und reist in den Jahren 1943 und 44 durch die Landkreise Nienburg, Diepholz und Verden. Dabei hat er vor allem das Fachwerk im Blick. Mit dem als „Fabrikarchitektur“ verpönten Backsteinbau, kann er nichts anfangen. Doch Böse fotografiert nicht einfach nur ein Haus nach dem anderen. Er möchte das „Gesamtkunstwerk“ einfangen. Sein offizieller Auftrag aus Berlin öffnet ihm dabei womöglich so manche Tür und er kann die Gebäude auch von Innen ablichten: Offene Herde, Rauchhäuser, Kieselsteinpflaster, alte Möbel, Waschorte – all das lässt sein Wissenschaftler-Herz höher schlagen.

Sogar Häuslingshäuser werden auf Bild gebannt, ebenso wie die Bewohner und Tiere der Höfe. Böse nimmt seine „Modelle“ mitten aus ihrem Arbeitsalltag, setzt sie gekonnt in Szene und vermerkt am Ende jedes Besuches genau, wo das Bild entstanden ist. Ganze 770 Fotografien trägt er zusammen, ein kleiner Schatz, der irgendwann im Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege in Hannover landete – und vergessen wurde.

Durch Zufall gefunden hat ihn Heinz Riepshoff, Leiter des Bauernhausarchivs in Syke. „Ich sagte mir, das kann doch nicht sein, dass diese Bilder dort einfach liegenbleiben. Solch eine ,Bauernhaus-Inventur’ wurde zwar auch in anderen Regionen gemacht, aber von kaum einer gibt es so gutes Material wie von unserer.“

Schnell sind Riepshoff und der Leiter des Kreismuseums, Dr. Ralf Vogeding, sich einig: Die Fotos müssen in einer Ausstellung präsentiert werden. Dazu soll es natürlich eine Info-Broschüre geben. Doch je länger sie durch die alten Bilder blättern, desto mehr wird ihnen klar: Eine Borschüre wird diesem „Schatz“ nicht gerecht. So entstand mithilfe von Bernd Kunze aus Martfeld das Buch „Bemerkenswerte Bauernhäuser in den Grafschaften Hoya und Diepholz“.

500 Bilder haben es in das Werk geschafft, und jede Seite ist wie ein kleines Fenster in die Vergangenheit zum Mitnehmen. Unter den Fotos steht jeweils der Ort, ein Kommentar der beiden Autoren und die Anmerkungen von Böse. Theoretisch können die Leser mit ihrem Buch also an die jeweiligen Orte fahren und den damaligen Anblick mit dem heutigen vergleichen. „Es gibt Bilder aus Rehden, da glaubt man nicht, dass das derselbe Ort ist“, schwärmt Vogeding. Auch Riepshoff hat schon einen Ort aus dem Buch besucht. Besonders fasziniert hat ihn die „Buchenscheune“ in Stocksdorf. Bei dieser Scheune wurde ein Weichsdach in eine stehende Buchenreihe eingehängt. „Die Allee steht noch und die Nägel des Daches sind ebenfalls noch erkennbar.“

Wer allerdings hofft, auch noch ein Haus so vorzufinden wie in dem Buch abgebildet, wird enttäuscht werden. „Böse hat in seinen Bildern eine Welt festgehalten, die zwar den Krieg überlebt hat, aber letztlich in den 50er-Jahren vom Wirtschaftswunder hinweggefegt wurde“, fasst Vogeding zusammen.

Das Buch gibt es ab Samstag, wenn die Ausstellung im Kreismuseum eröffnet wird, für 19 Euro dort zu kaufen. Wer es geschickt bekommen möchte, kann sich unter Telefon 04242/2527 melden.

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