Spitzelsystem, Parteidiktatur, Perspektivlosigkeit

Eritrea im Erzählcafé: „Wie früher in der DDR“

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Freuen sich schon auf das Erzählcafé am Donnerstag (von links): Friedrich Hagedorn und Johannes Huljus vom Verein Rund ums Syker Rathaus, Rena Ziegler und Johann Heiner Herholz.

Syke - Von Michael Walter. Unter dem Titel „Woher die Flüchtlinge kommen“ lädt der Verein Rund ums Syker Rathaus für Donnerstag ins Erzählcafé ein. Forum dafür ist ab 19.30 Uhr der Spieker an der Alten Posthalterei. Johann Heiner Herholz und Rena Ziegler erzählen an diesem Abend von einer Reise nach Eritrea.

Herholz und Ziegler gehören zu den Mitbegründern der Bassumer Flüchtlingshilfe. Im Oktober waren sie für zwei Wochen in dem ostafrikanischen Land, das zu den ärmsten der Welt gehört. „Unser Ziel war es, die Familien von vier jungen Männern zu besuchen, die wir in Bassum als Flüchtlinge betreuen“, erklärt Rena Ziegler. Keine ganz einfache Sache in einem totalitären Einparteien-Staat, der in Sachen Menschenrechte und politische Meinungsfreiheit ungefähr auf einer Stufe mit Nordkorea angesiedelt wird.

„Drei von vier Familien haben wir treffen können“, erzählt Johann Heiner Herholz. „Zwei Familien sind dazu in die Hauptstradt Asmara gereist.“ Unter für europäische Verhältnisse abenteuerlichen Umständen mit tagelangen Fußmärschen. „Die dritte haben wir im Süden des Landes besucht.“

Möglich gemacht hatte das ein örtliches Reisebüro, das auch einen Übersetzer auftreiben konnte. „Wobei wir nicht wissen, ob das womöglich ein staatlicher Spitzel gewesen ist“, sagt Rena Ziegler.

Innerhalb der Hauptstadt hätten sich beide frei bewegen können. „Für jede Fahrt nach außerhalb brauchten wir eine Genehmigung – die man entweder bekommt oder eben auch nicht“, sagt Ziegler. „Und wenn wir reisen durften, dann nur mit staatlichem Aufpasser.“

Fremden gegenüber vorsichtig

Entsprechend sind die Eindrücke, die beide sammeln konnten. „Die Menschen sind sehr freundlich und aufgeschlossen“, sagt Herholz. „Man kann mit ihnen reden. Aber man bekommt praktisch keine Informationen.“ Und Rena Ziegler ergänzt: Alle seien extrem vorsichtig mit dem, was sie Fremden gegenüber äußern. „In Cafés und Gaststätten wird zum Beispiel nur geflüstert. Wie früher in der DDR.“

Daher sei auch von den Familien der in Bassum lebenden Flüchtlinge im Grunde nur wenig zu erfahren gewesen. Deutlich hätten die beden Bassumer jedoch spüren können, wie dankbar die Familien jede Nachricht über ihre Angehörigen in Bassum aufgenommen hätten. Ziegler: „Wir haben ihnen Bilder gezeigt. Sie waren sehr angerührt und haben diese Fotos geküsst.“

Ebenso deutlich zu spüren bekommen haben die beiden laut Herholz auch die allgemeine Perspektivlosigkeit unter den jungen Menschen im Land. „Die jungen Leute haben mit diesem sozialistischen System nichts mehr am Hut“, sagt Herholz. „Die wollen nicht ihr ganzes Leben im Militär verbringen, die wollen etwas lernen und arbeiten.“

Laut Schätzungen flüchten jeden Monat 5000 Menschen aus Eritrea. Die meisten bleiben in den Nachbarländern.

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