Leiter des Bunker Valentin referiert über Gedenktage und ihren Nutzen für die Demokratie

„Erinnerung ist kein Allheilmittel“

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Blick durch den Stacheldraht auf das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Syke - Von Detlef Voges. Gedenktage sind Teil der Erinnerungskultur in Deutschland. Sind sie als ritualisierte Einrichtungen aber noch geeignet, nachfolgende Generationen gegen Willkür und für Demokratie zu motivieren? Dr. Marcus Meyer hat seine Zweifel.

Der wissenschaftliche Leiter am Denkort Bunker Valentin in Bremen referierte über die Zukunft der Erinnerung am Montagabend im Rathaus anlässlich des Holocaust-Gedenktags. Gastgeber war der Arbeitskreis 9. November.

Meyer bewegte etwas im Ratssaal, weil er das Ritual Gedenktag in Frage stellte.

„Erinnerung ist kein Allheilmittel für Demokratie“, erklärte der Wissenschaftler und räumte auch gleich mit einem weiteren Irrglauben auf: Die Demokratie werde nicht automatisch stark, wenn eine Schulklasse eine Gedenkstätte besucht habe. „Es geht nicht um Gedenken, sondern um Nachdenken“, betonte der Referent und warnte vor einer in Routine erstarrten Gedenkkultur. Damit hole man keinen Schüler hinter dem Ofen hervor, meinte der Gast mit Blick in die Erwachsenenrunde im Ratssaal. Erinnern dürfe nicht Zurücklehnen bedeuten.

Überraschte mit provokanten Thesen: Marcus Meyer, wissenschaftlicher Leiter am Denkort Bunker Valentin.

Für die nachfolgenden Generationen werde es ohnehin nicht einfacher, das Tun ihrer Vorväter zu bewerten. Zum einen stürben die Zeitzeugen aus, zum anderen wachse die zeitliche Distanz zwischen Gegenwart und der Nazi-Zeit. „Die moralische Instanz wird fehlen“, betonte Meyer mit einem Seitenhieb auf die Schulen. Er selbst habe als Schüler nie einen Zeitzeugen in der Schule gesehen. Viele andere Schüler ebenso nicht. Für die, die es erlebt hätten, wäre es wohl ein emotionales Erlebnis gewesen. Zur Erkenntnis hätte das aber in den seltensten Fällen geführt.

Erinnern sei moralisch wichtig, erklärt der Wissenschaftler, das inflationäre ritualisierte Erinnern mache aber müde. „Betroffenheit ist nicht zu verordnen“, ist sich Meyer sicher. Und sieht in der inneren Abschottung durch die jüngere Generation eine Gefahr der Gedenktage. Dabei seien die jungen Leute durchaus interessiert. Sie wollten aber nicht auf Kommando betroffen sein, sondern selbst aktiv werden.

Bunker „kein Denkmal, sondern ein Denkort“

Die aktive Auseinandersetzung ist für Meyer ein wesentlicher Schritt in eine Zukunft der Erinnerung. „Der Bunker Valentin ist deshalb kein Denkmal, sondern ein Denkort“, so der Gast. Der Bunker als authentischer Ort stifte Verwirrung und böte den Schülern so einen Zugang zur eigenen Geschichtsaufarbeitung. Meyer verwies auf positive Erfahrungen mit Schulklassen, die eigenen Projekte umgesetzt hätten. Schüler seien interessiert, wenn man ihnen nicht oberlehrerhaft etwas vorschriebe. „Wir wollen zum Nachdenken anregen“, so Meyer, der zur Reflexion der Gedenktage anregte.

In der Diskussion machten sich Besucher dennoch für Rituale stark. Karl Schneider sprach von notwendigen Brücken, Christiane Tesch von einem Stück Hoffnung gegen Dummheit, verbunden mit einem moralischen Kodex. Auch Christiane Palm-Hoffmeisters Sorgen drehen sich um das Erreichen der nachfolgenden Generationen. „Wir haben in Syke Stolpersteine und eine Gedenktafel. Jetzt habe ich aber irgendwie den Eindruck, dass wir am Ende sind.“

„Wir müssen neue Wege gehen und vielleicht Stolpersteine-Apps anbieten“, erklärte Meyer und riet dazu, das Erinnern auf einfache Alltagsdinge runterzubrechen. Für den Bunker Valentin hieße das, kein Technikmuseum einzurichten und wie bei Peenemünde eine Mär der Meisterleistung zu erschaffen. Valentin sei ein Ort der Kriegsverbrechen gewesen, in dem 10.000 Zwangsarbeiter ausgebeutet worden seien.

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