Elektroden im Gehirn

Wie Parkinson-Kranke ihre Beschwerden lindern können

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Professor Joachim Krauss klärt auf über die tiefe Hirnstimulation. Die Zuhörer haben den Blick auf die Leinwand gerichtet, auf der Fakten und Grafiken erscheinen.

Landkreis Diepholz - Von Anke Seidel. Der Oregano scheint seinen kräftigen Duft völlig verloren zu haben – eine scheinbar harmlose Geruchsstörung. Doch dahinter kann sich eine schicksalhafte Erkrankung verbergen: Parkinson.

Wie sie das Leben eines Menschen verändern und einschränken kann, wissen die rund 30 Mitglieder der Parkinson-Selbsthilfegruppe im Landkreis Diepholz aus leidvoller Erfahrung. Sie mussten die Diagnose akzeptieren – und lernen, mit dieser Krankheit zu leben, bei der Neuronen im Gehirn langsam untergehen. Ein schleichender Prozess mit tückischen Folgen.

Neben den Betroffenen leiden auch die Angehörigen

Etwa ein Prozent der mehr als 65-Jährigen leiden laut Professor Joachim Krauss, Direktor der Klinik für Neurochirurgie an der Medizinischen Hochschule Hannover, an dieser tückischen Krankheit – umgerechnet auf den Landkreis Diepholz wären das schätzungsweise weit mehr als 200 Menschen. Doch nicht nur sie, sondern auch ihre Angehörigen leiden, weil die Erkrankten immer stärker auf Hilfe angewiesen sind.

Muskelsteifheit, Zittern, Gang- und Haltungsstörungen können ihren Alltag beeinträchtigen – genauso wie der Kontrollverlust über Bewegungen. Medikamente können helfen, aber nicht heilen. Aufklären und Verständnis schaffen – das steht heute, am Welt-Parkinson-Tag, ganz besonders im Fokus. Unabhängig davon bietet die Gruppe im Landkreis regelmäßig die Möglichkeit zum Austausch unter Betroffenen sowie zur fundierten Information bei Vorträgen.

Medikamenten-Bedarf halbiert

Wie schnell die Erkrankung fortschreitet, ist individuell sehr unterschiedlich. Das stellt Professor Krauss während seines Besuchs in der Parkinson-Selbsthilfegruppe in Syke klar. Auf das Referat des Experten haben die Mitglieder lange gewartet, denn der erfahrene Mediziner stellt ihnen ein operatives Verfahren vor: die tiefe Hirnstimulation.

Rolf Bokelmann, Sprecher der Selbsthilfegruppe im Landkreis Diepholz und stellvertretender Landesbeauftragter der Deutschen Parkinson Vereinigung, kennt das Verfahren aus eigenem Erleben. Er selbst hat sich vor zwei Jahren dieser Operation unterzogen und sich zwei Elektroden in das Gehirn setzen lassen. Ergebnis: Kein Zittern mehr und keine Überbewegungen, die Betroffenen schwer zu schaffen machen. „Und Medikamente brauche ich weniger als die Hälfte“, beschreibt der Schwafördener den Effekt.

Hoffnung, Interesse, Skepsis

Es ist eine Mischung aus Hoffnung, brennendem Interesse und Skepsis, die sich an diesem Nachmittag auf den Gesichtern der Teilnehmer widerspiegelt. Denn es ist ein ganz großer persönlicher Schritt, sich auf diese Operation einzulassen.

Der Professor nennt zunächst die elementaren Kriterien, die vor einer solchen Hirnoperation erfüllt werden müssen. Im sogenannten Minimalinvasiv-Verfahren, also in einem möglichst kleinen Eingriff, öffnen die Chirurgen die Schädeldecke und setzen die Elektroden mit einem Durchmesser von 1,3 Millimetern ein. Sie sind mit einem Schrittmacher verbunden, der in der Regel unter dem Schlüsselbein implantiert wird und individuell einstellbar ist – mit einer Fernbedienung.

Zurück in ein selbstbestimmtes Leben

Es sind elektrische Impulse, die helfen und ganz auf die Beschwerden der Patienten ausgerichtet werden – mit dem Ziel, die Lebensqualität der Erkrankten so weit wie möglich zu verbessern. Professor Krauss macht seine Zuhörer in Wort und Bild mit einem 84-jährigen, leidenschaftlichen Briefmarkensammler bekannt, der sein Hobby wegen des starken Zitterns nicht mehr ausüben kann. Seit 20 Jahren leidet er unter Parkinson.

Die Zuhörer erfahren, dass solche und andere Funktionsstörungen durch die Elektroden etwa um die Hälfte reduziert werden können – und der Einsatz von Medikamenten bis zu 68 Prozent. Ein großer Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben.

Es wird leichter mit der Krankheit zu leben - Heilung gibt es nicht

Und die Komplikationen? „Im schwersten Fall kann es zu einer Hirnblutung kommen“, erklärt der Experte, „aber das ist extrem selten“. Die Kosten für das Verfahren betragen, so erfahren seine Zuhörer, je nach individuellem Krankheitsbild zwischen 40.000 und 60.000 Euro.

Etwa 50 solcher Operationen nehmen der Professor und seine Kollegen an der Medizinischen Hochschule in Hannover vor. Ob sich auch Parkinson-Patienten aus dem Landkreis Diepholz diese Elektroden implantieren lassen, bleibt an diesem Nachmittag offen.

Denn eines steht völlig außer Zweifel: Die tiefe Hirnstimulation kann die Lebensqualität der Betroffenen entscheidend verbessern – aber eines kann sie nicht: Parkinson heilen.

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