Einfühlsame Erinnerung

Gemeinsame Holocaust-Gedenkveranstaltung Sykes und Weyhes berührt

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Die Schülerinnen der Realschule haben eine szenische Lesung beigetragen.

Syke - Von Ilse-Marie Voges. Eine Fahrradtour hat Sykes Bürgermeisterin Suse Laue und ihren Mann 2017 während eines Urlaubs nach Theresienstadt (Tschechische Republik) geführt. Sie hat aufmerksam die Umgebung, Ausstellungen und das Mädchenheim, eingerichtet von den Nationalsozialisten, aufgenommen. Für sich und die Stadt Syke entschied Laue den 27. Januar 2018 (Gedenktag nach der Befreiung der Menschen aus dem Lager Auschwitz) zum Anlass zu nehmen, in diesem Jahr die notwendige Erinnerung der Erlebnisse von Menschen, deren Ängste und Leiden, nicht nur zu thematisieren, sondern am Samstag mit dem Ensemble Zwockhaus ein Zeichen zu setzen.

Im voll besetzten Ratssaal war als Vertreter der Gemeinde Weyhe, Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte mit im Boot. Das Berliner Ensemble Zwockhaus begleitete Syker Realschüler. Deren von Musiklehrer Tobias Apel und Klassenlehrer Yvo Warmers geleiteter Chor war auf die sensiblen Texte gut vorbereitet. Im Mittelpunkt standen die Tagebucheinträge von Helga Pollak, die mit zwölf Jahren gemeinsam mit ihrem Vater Otto Pollak in das Ghetto Theresienstadt deportiert wurde.

Die Tagebuchaufzeichnungen Helgas und ihres Vaters stellte Herausgeberin Hannelore Brenner mit viel Einfühlungsvermögen vor. Suse Laue erinnerte mit warmherzigen Worten an die Menschen im Ghetto. „Wir gedenken der Menschen, der Künstler, die anderen Mut machten mit ihren Texten, Malwerken und Musik!“

„Schreib auf, was dich hier bewegt ...“

Zwockhaus trug die Musik auf berührende Weise vor. Sängerin Maria Tomaschke, der ehemalige Neuköllner Opernsänger Andreas Jocksch und Winfried Radeke am Klavier boten unter anderem die Werke „Dobry“, ein Gebet, und „Der Regen rinnt“ dar.

„Schreib auf, was dich hier bewegt ...“, riet der Vater der kleinen Tochter Helga. Die Worte, die sie als Kind für die Unterbringung im Heim fand, erschüttern. Ein Ort der Angst, das Eingesperrtsein, der Blick aus dem Fenster in eine schöne Landschaft und auf die Berge, Sonnenaufgänge und der Mond, bewegten sie. Helga träumte von ihrem Zuhause in Wien, davon, dass sie ins Ballett ging und die Mutter noch da war. Und schrieb in ihr kleines Buch: „Ich bin jetzt schon ein Jahr im Ghetto. Jeden Tag sterben Menschen oder werden weggebracht. Einst war ich ein Kind, jetzt nicht mehr!“ Sie war 13 Jahre alt!

Nie verraten und für immer befreundet

Den Raum zum Leben teilte sie mit 14 anderen Mädchen – „Die Mädchen von Zimmer 28“ heißt es in ihren Einträgen. Die jungen Leute versprachen einander, sich nie zu verraten, befreundet zu sein und zu bleiben. Die Aufzeichnungen Helgas und ihres Vaters sind ein wichtiges Zeitdokument, ergänzend still und leise mahnend.

Das Ensemble Zwockhaus widmet sich einem schwierigen Thema und meistert es auf berührende Art und Weise, ermordeter Künstler zu gedenken.

Immer wieder wurden Heimbewohner, darunter allein 15. 000 Kinder, in andere Lager, häufig Auschwitz, deportiert. „Mit Fritz und Marta verliere ich meine letzten Angehörigen“ schreibt Otto Pollak in sein Tagebuch. Seine Frau war nach England emigriert und schreibt: „Achte auf Helgalein.“

Eine solch einfühlsame Erinnerung noch nie erlebt

Freunde und Bekannte stiegen in die Viehwaggons, die sie in die KZ’s brachten. Pollaks Tagebuchseiten bleiben leer, als nun auch noch Helga schwer erkrankt, aber wenigstens die Selektion überlebt.

Das Ensemble singt einen Text von Leo Straus und von llse Weber, die mit den Kindern bis nach Auschwitz in den Tod ging das „Wiegala-Lied“. Hannelore Brenner sei Dank, dass sie die Erinnerung an die Mädchen aus Theresienstadt mit ihren Büchern wach hält und immer noch den Kontakt zu Helga Pollak, inzwischen 88 Jahre alt, pflegt.

Andreas Bovenschulte habe, so sagte er, eine solch einfühlsame Erinnerung für den 27. Januar bisher nicht erlebt. Ich auch nicht!

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