Ein Schicksal der Gastarbeit

Ausstellung erzählt Lebensgeschichte zum 60. Jahrestag vom Anwerbeabkommen

Die Lebensgeschichte von Kiymet Tasdelen (vorne, Mitte) erzählt die Ausstellung zum 60. Jahrestag des Anwerberabkommens zwischen Deutschland und der Türkei. Initiator Rahmi Tuncer (hinten, Mitte) lud zur Eröffnung mehrere Sykerinnen samt Nachkommen aus der Generation der Gastarbeiter ein.
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Die Lebensgeschichte von Kiymet Tasdelen (vorne, Mitte) erzählt die Ausstellung zum 60. Jahrestag des Anwerberabkommens zwischen Deutschland und der Türkei. Initiator Rahmi Tuncer (hinten, Mitte) lud zur Eröffnung mehrere Sykerinnen samt Nachkommen aus der Generation der Gastarbeiter ein.

Syke/Diepholz – Sie kam auf der Suche nach Arbeit. Was sie fand, war eine zweite Heimat. Wie der türkeistämmigen Sykerin Kiymet Tasdelen erging es Hunderttausenden. Zum 60. Jahrestag des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland macht jetzt eine Ausstellung mit dem Titel „Türkeistämmige aus dem Landkreis Diepholz erzählen von ihrem Leben“ vom Verein Mosaik in Syke und Diepholz auf das Schicksal und die Folgen des Vertrages von 1961 aufmerksam.

Die Lebensgeschichte von Kiymet Tasdelen begann 1942. In einem Dorf bei Osmaniye in der Südtürkei wurde sie geboren. Mit 13 Jahren zog Kiymet nach Istanbul, wo sie bis zu ihrer Heirat 1964 lebte. In dieser Zeit war sie Hausfrau und hat ihrer Familie in der Landwirtschaft geholfen. Zu ihrer Anwerbungszeit 1973 hatten deutsche Unternehmen vermehrt Frauen als Arbeitskraft angefordert. Auf „Einladung“ der Firma Weser Feinkost (Fischfabrik) landete die junge Türkin mit dem Flugzeug in Hamburg. Die Weiterreise mit dem Zug in die Stadt Syke musste sie selber organisieren. Zu dieser Zeit war Kiymet 31 Jahre alt.

Erinnerungen an die „ärztliche Untersuchung“

Sie erinnert sich heute an die „ärztliche Untersuchung“ in Istanbul zurück. Bei dieser musste sich die Türkin nackt ausziehen. Die Ärzte untersuchten Arme und Hände auf Beweglichkeit, schauten sich ihre Zähne an und prüften ihren Urin. Krankheiten und Schwangerschaft waren strikte Ausschlusskriterien.

Die Unterbringung und Lebensverhältnisse waren am Anfang hart

Kiymet Tasdelen über ihre Ankunft in Deutschland

Bei den Untersuchungen in Istanbul lernte Kiymet vier Frauen kennen, die ebenfalls nach Syke wollten. Diese Bekanntschaften aus dem Jahr 1973 dauern bis heute an. Alle leben auch heute noch in der Stadt Syke, haben in derselben Firma zusammengearbeitet und sind nahezu zeitgleich in Rente gegangen. Die Frauen, deren Schicksal sie verbindet, haben ihre Kinder in Syke großgezogen, haben inzwischen Enkelkinder, die sich ebenfalls in der Hachestadt niedergelassen haben. Die türkeistämmige Gastarbeiterin erinnert sich noch heute daran, wie sie und die anderen Frauen am Bahnhof von einem türkeistämmigen Dolmetscher herzlich empfangen wurden.

Harte Lebensverhältnisse nach der Einreise

Wie die meisten Frauen, die als Gastarbeiterinnen in der Region angekommen waren, hat auch Kiymet Tasdelen zuerst in einem Frauenheim bei Albringhausen in Bassum gewohnt. „Die Unterbringung und Lebensverhältnisse waren am Anfang hart“, sagt sie. In jedem Zimmer des zweigeschossigen Wohnheims mussten zwei Frauen leben.

Die Bezahlung sei wie bei allen anderen Gastarbeiterinnen nicht gut gewesen. Für eine Stunde Arbeit bekam Kiymet 4,40 D-Mark. Monatlich hat sie bis zu 800 D-Mark verdient. Das hat dazu geführt, dass heute viele Türkeistämmige unter Armut leben. Der Grund: Sie haben stets weniger verdient, als die einheimschen Arbeiterinnen. So auch Kiymet Tasdelen. Sie ist heute auf die finanzielle Unterstützung ihrer Familie angewiesen.

Ehemann muss nachkommen

Ehemann Ismet Tasdelen hatte sich ebenfalls als Gastarbeiter um einen Arbeitsplatz in Deutschland beworben. Er bestand jedoch die erforderliche Gesundheitsprüfung der deutschen Ärzte in Istanbul nicht. Grund war sein hoher Blutdruck. Erst im Rahmen der Familienzusammenführung im Jahr 1974 konnte Ismet mit dem Flugzeug nach Deutschland nachkommen, um seine Frau Kiymet in Syke wieder in die Arme zu schließen. Im selben Jahr hat er angefangen, bei der metallverarbeitenden Firma Lentz zu arbeiten.

Noch immer zieht das „Heimweh“ die heute 77-jährige Sykerin in die Türkei. Mit dem Auto macht sie sich jeden Sommer auf den Weg zu Familienangehörigen nach Osmaniye. Sie pflegt den Kontakt zu ihnen und fühlt sich bei ihnen geborgen. Als „Deutsche“ werde Kiymet nicht abgestempelt. Auch in Deutschland fühlt sie sich heimisch, ist mit ihrem Leben in Syke zufrieden. Ihr gefallen die Ordnung und Disziplin.

Freizeit meist unter eigenen Landsleuten verbracht

Deutsch kann Kiymet Tasdelen heute nicht mehr. Von dem, was sie gelernt hatte, hat sie das meiste vergessen. In ihrer Freizeit war die Gastarbeiterin meist unter den eigenen Landsleuten. Gegenseitige Besuche, Ausflüge und Kinobesuche prägten die arbeitsfreie Zeit.

Politische Forderungen der türkeistämmigen Gastarbeiter

Es hieß damals: „Wir riefen Arbeitskräfte und es kamen Menschen“. Heute sprechen viele Gastarbeiter der ersten Generation allerdings von Ausgrenzung, die sie in Deutschland erfahren haben. Aus diesem Grund beinhaltet die Ausstellung in Syke politische Forderungen, mit denen diese Ausgrenzung ein Ende finden soll:

- Abschaffung der Visumpflicht für Türkeistämmige

- (kommunales) Wahlrecht

- Abschaffung der Sprachprüfungsregelung im Rahmen der Familienzusammenführung

- Vereinfachte Einbürgerungsmöglichkeit für Türkeistämmige und deren Familienangehörige

- Anerkennung der doppelten Staatsangehörigkeit auch für Türkeistämmige

- Ausweitung des Unterrichts für Türkisch als Muttersprache in allen Schulformen

- Keine Reise- und Aufenthaltsbeschränkungen für türkeistämmige Senioren

- Bekämpfung von Rassismus, Nationalismus und Diskriminierung

- Interkulturelle Öffnung aller öffentlichen Stellen

Negative Erfahrungen mit den deutschen Ämtern und Behörden – weder mit dem damaligen Arbeitsamt oder dem Sozialamt noch mit der Ausländerbehörde – hat die türkeistämmige Sykerin nie gemacht. Auch eine Türkeifeindlichkeit hat sie von der damaligen Gesellschaft nicht erfahren. Dies hätte sich erst in den 80er-Jahren zum Negativen entwickelt und spitze sich immer mehr zu.

Wunsch nach Würdigung und Erinnerung

Die Lebensgeschichte von Kiymet Tasdelen ist ein Teil der Ausstellung, die Integrations- und Migrationsberater Rahmi Tuncer initiierte. Mit Bildern, Statistiken und Original-Dokumenten wird das Schicksal mehrerer Syker Gastarbeiter sowie ihrer Nachkommen erzählt. „Unser größter Wunsch ist die Würdigung der ersten Gastarbeiter-Generation. Sowohl Deutschland als auch die Türkei profitierten von dem Abkommen. Wir wollen durch die Ausstellung in der Öffentlichkeit auf das Thema aufmerksam machen“, sagt Rahmi Tuncer.

Er bietet an, die Exponate Schulen aus dem Landkreis zur Verfügung zu stellen, damit sich Schüler in Form einer Projektarbeit mit dem Abkommen auseinandersetzen. Er spricht dabei von einer „Erinnerungskultur, die in Deutschland großgeschrieben werden soll“.

Ausstellung in Diepholz

Am 17. November von 10 bis 12 Uhr, sowie am 18. und 19. November in der Zeit von 14 bis 16 Uhr an der Moorstraße 59. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 01520/2955320 oder per Email an info@mosaik-transkulturell.de.

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