Erinnerung an die Schulzeit vor 70 Jahren

Ein Duett in Kriegszeiten

+
Ein neuer, engagierter Lehrer nahm die Klasse von Hannelore (3.v.l.) und Carla (4.v.l.) mit zum Hämelsee bei Hoya. Die Fahrt war ihr erster und einziger Ausflug im Klassenverband.

Syke - Von Robin Grulke. „Die Mädchen heiraten sowieso“, pflegte Carlas Vater zu sagen. Geld für Bildung hatte er 1945 nicht übrig, zumindest nicht für sie. Ihr Bruder durfte zur Realschule gehen, Carla blieb nur die Volksschule.

Und obwohl ihre Freundin Hannelore die bessere Bildung an der Realschule hätte genießen können, blieb sie aus Solidarität bei Carla. Rund 70 Jahre später blicken sie gemeinsam mit Bildern aus ihrer Schulzeit in eine längst vergangene Gesellschaft.

„Die kenne ich alle“, dachte Hannelore Brunhorn, als sie Donnerstag voriger Woche ein altes Foto von einem Schulausflug in der Kreiszeitung sah, und meldete sich bei uns in der Redaktion. „Das Bild zeigt einen Teil meiner Klasse. Leider fehlen die Mädchen darauf.“ Das Bild war 1946 beim einzigen Schulausflug entstanden, an dem Brunhorn jemals teilgenommen hat.

„Als Lehrer hatten wir ziemlich alte, die nicht mehr kriegstauglich waren, oder sehr junge ohne Erfahrung“, blickt Hannelore Brunhorn auf die Jahre davor zurück. In Kriegszeiten musste man nehmen, was man kriegt. Ein Lehrer, Henjes soll er geheißen haben, war eigentlich Landwirt und kein Pädagoge. Er habe die Mädchen gemocht, aber die Jungs regelmäßig vor der Klasse auf den blanken Hintern geschlagen.

Durch Fliegeralarm unterbrochen

„Der Unterricht wurde immer wieder durch Fliegeralarm unterbrochen“, berichtet Brunhorn weiter. Wer es in 15 bis 20 Minuten nach Hause schaffte, durfte die Schule verlassen. Der Rest kauerte sich auf den Boden. Am 8. Mai 1945 wurde die Schule schließlich geschlossen. Ehemalige Zwangsarbeiter aus Polen und Russen zogen dort ein.

Carla Fritsch (links) und Hannelore Brunhorn schwelgen gemeinsam in Erinnerungen. Vor rund 70 Jahren opferte Brunhorn eine bessere Bildung, um die Schulzeit mit Fritsch zu verbringen.

Im Frühjahr 1946 trafen sich Carla und Hannelore wieder in der Schule. Unter die bekannten Gesichter hatten sich nun auch Flüchtlinge und Vertriebene gemischt. Mit ihnen kam aber auch ein neuer Lehrer: Herr Böttcher. „Der machte den Unterricht wirklich interessant, vorher war das Gemmeln“, erzählt Brunhorn.

Der neue Lehrer organisierte auch einen Klassenausflug: Der Vater von Mitschüler Friedrich Kastens hatte ein Fuhrgeschäft und brachte Böttchers Klasse mit einem seiner Lkw an den Hämelsee bei Hoya. Bei Lagerfeuer, Schwimmen und anderen Spielen konnten die jungen Schüler das Chaos der Nachkriegszeit für einen Tag vergessen. Das war der erste und einzige Ausflug, den die beiden Mädels erlebten.

Vorzeitig weg von der Volksschule

Nach ein paar Jahren bekam Carla eine Lehrstelle angeboten und verließ die Volksschule vorzeitig. Ein Jahr später ging auch Hannelore Brunhorn. So verloren sich die die beiden wieder aus den Augen.

„Wir haben irgendwann beschlossen, uns regelmäßig zu treffen“, sagt Brunhorn. Mitschülerin Inge Meyer veranstaltet seit 1985 immer wieder Klassentreffen, bei dem sie sich über die alten Zeiten unterhalten können.

Wenn Carla Fritsch und Hannelore Brunhorn heute auf die Bilder vom Ausflug an den Hämelsee schauen, kommen all die Erinnerungen wieder hoch. „Das ist wie eine Schublade, die dann aufgeht“, sagt Brunhorn.

Die 82-Jährige ist in der Lage, zu fast jedem auf den Bildern noch die Namen zu nennen. Und auch, was aus ihnen geworden ist. Für viele ist die Zeit zum Feind geworden. „Der ist tot, der ist tot... was ist mit dem?“, fragt Carla. – „Ich glaube, der ist auch tot.“ Brunhorn und Fritsch sind lebendig. Und sie haben eine Menge zu erzählen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Amri-Ausschuss in NRW nimmt Rolle von V-Mann ins Visier

Amri-Ausschuss in NRW nimmt Rolle von V-Mann ins Visier

Fahrgeschäfte, Buden, Zelte: Das gefällt den Besuchern am besten 

Fahrgeschäfte, Buden, Zelte: Das gefällt den Besuchern am besten 

Das sind die zehn reichsten Menschen der Welt

Das sind die zehn reichsten Menschen der Welt

Werder-Ankunft in Köln

Werder-Ankunft in Köln

Meistgelesene Artikel

Intercity beschossen? Zug stoppt im Bahnhof Diepholz

Intercity beschossen? Zug stoppt im Bahnhof Diepholz

Ersatzhaltestelle wird aufgehoben

Ersatzhaltestelle wird aufgehoben

Wenn das Leben zum quälenden Rätsel wird

Wenn das Leben zum quälenden Rätsel wird

Für Erpressung fehlt der Gewalt-Nachweis

Für Erpressung fehlt der Gewalt-Nachweis

Kommentare