Versorger passen Arbeitspreise an

Gaspreis: „Die Bombe wird platzen“ - Mehrkosten bis zu 2.000 Euro

Gasflamme.
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Gasflamme an einem Gasherd.

Syke – „Aktuelle Informationen zu Ihrem Gaspreis“: So oder so ähnlich lautet die Betreffzeile in tausenden Mails oder Briefen, die in diesen Wochen in Syker Haushalten angekommen sind. Energieversorger passen ihre Arbeitspreise an. Wie im Beispiel von Erika Schütte von bislang 4,82 Cent auf 12,6 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

Welche Kostenexplosion hinter diesen kleinen Zahlen steckt, erkennt man erst, wenn man einen Blick auf die neu berechneten Abschlagszahlungen wirft. Erika Schüttes kalkulierter monatlicher Abschlag hat sich mit der Preissteigerung mehr als verdoppelt. Vergleicht man die bisherigen und die neuen Preise desselben Anbieters, so kämen auf die Barrier Familie (Jahresverbrauch: rund 24 000 kWh) Mehrkosten von gut 1900 Euro zu.

Gaspreis: Hiobsbotschaften der Gasversorger

„Die Leute müssen aufwachen und sich das Ausmaß der Energiekosten-Explosion bewusst machen“, sagt Christian Eilers. Er ist Geschäftsführer des Verbraucherdienstes VBD, der sich auf die Vermittlung von Strom- und Gasanbietern spezialisiert hat und allein in Syke mehrere tausend Haushaltskunden betreut.

Mittlerweile türmen sich dort die Hiobsbotschaften der Gasversorger. Für das Team von Eilers ist es das tägliche Brot – allerdings derzeit auch für ihn ein hartes. Denn: So günstig, wie die Gaskunden es in den vergangenen Jahren gewohnt waren, wird es nicht mehr. Für einen Anbieterwechsel gibt es derzeit kaum noch Alternativen auf dem Markt.

Für seine Bestandskunden hat der VBD einen „Rettungsplan“ erstellt, der die größten Preissteigerungen verhindern soll. Teurer werde es allerdings wohl für alle, ist sich Eilers sicher.

Der Barrier beobachtet das Treiben auf dem Energiemarkt genau. Mehr als 1000 Anbieter gibt es derzeit bundesweit – eine Zahl, die sich nach Eilers’ Beobachtungen in nächster Zeit verringern dürfte. So manches Unternehmen „mit lustigem Namen“ habe sein Konzept eher nach dem Schneeballsystem aufgebaut: Sie lockten Neukunden mit großen Bonuszahlungen und lebten dann von großen Preissteigerungen nach dem ersten Vertragsjahr. „Das ist kein solides Geschäftsmodell“, so Eilers. Die ersten Insolvenzen habe es bereits gegeben.

„Die Leute müssen aufwachen und sich das Ausmaß der Energiekosten-Explosion bewusst machen“

Christian Eilers, Geschäftsführer des Verbraucherdienstes VBD

Selbst große Anbieter kündigen derzeit Preiserhöhungen um 40 Prozent und mehr an. „Die Etablierten werden sicher nicht hopsgehen“, ist er sich sicher. Diese „Etablierten“ sind es im Übrigen auch, die die Grundversorgung übernehmen – also die Versorgung aller Kunden mit Gas sicherstellen, auch wenn ein Sondervertrag beendet ist.

Stichwort Grundversorgung: Dieser Tarif stellte in der Vergangenheit eher das obere Ende der Fahnenstange dar. Nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen allerdings hat sich der Tarif im Mittelfeld einsortiert – zum Teil deutlich unter den Mondpreisen einiger Anbieter. Wer also in die Grundversorgung fällt, hat – Stand jetzt – keine absurd hohen Mehrkosten zu erwarten. Vorerst. Denn auch die Grundversorgungstarife werden regelmäßig angepasst. Und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, in welche Richtung der neue Preis wohl schießen wird.

Was also kann ein Verbraucher tun? Zunächst mal: Den Umfang der Preissteigerungen nicht auf die leichte Schulter nehmen, sagt Eilers. Man sollte „den eigenen Gasverbrauch im Blick haben und entsprechende Rücklagen für mögliche Nachzahlungen bilden“ – etwa ausgezahlte Bonuszahlungen sollten also besser nicht ausgegeben werden. Wer sich nicht vorbereitet, könnte mit der Nachzahlung ein böses Erwachen erleben. „Die Bombe wird platzen“, ist Markus Wolf, zweiter Geschäftsführer bei VBD, sicher.

Wenn ein Wechsel zu einem neuen Anbieter möglich ist, sollte der neue Vertrag nur über eine kurze Laufzeit von zwölf Monaten laufen. „Dann hätte man die Möglichkeit, in einem Jahr vom Markt zu profitieren.“ Denn Eilers glaubt fest daran, dass die Preise wieder sinken werden – allerdings nicht mehr auf das Niveau, das man aus den vergangenen Jahren kannte.

Beim Blick über die Grenze ist zu erkennen, dass andere Länder anders mit den steigenden Preisen umgehen. In Frankreich etwa werde der Preis durch den Staat gedeckelt. Das funktioniere aber nur, weil es bei unseren westlichen Nachbarn nur wenige Anbieter gibt. Beim liberalisierten Markt in Deutschland mit seinen vielen Anbietern seien hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet – hier soll der Markt das selbst regeln. „Ob das gut oder schlecht ist, mag ich nicht beurteilen“, sagt Eilers.

Jene Kunden, die stabile Preise vereinbart haben, können sich freuen – und auf bessere Zeiten hoffen. Oder, wie Markus Wolf es umschreibt: „Du kannst nur zuschauen und abwarten, bis der Film vorbei ist.“

Drei Fragen an Christian Eilers vom Verbraucherdienst VBD

Warum können so viele Gasversorger ihre Preise nicht mehr halten?

Nahezu alle Energieversorger stehen jetzt vor dem Problem, dass der Gaspreis an der Energiebörse extrem stark gestiegen ist. Das bedeutet, dass die Versorger nicht mehr zu vertretbaren Preisen einkaufen können. Ein Großteil hat bereits das Neukundengeschäft eingestellt, ein einfacher Anbieterwechsel ist aktuell nicht mehr möglich.

Und warum haben jetzt auch Bestandkunden Probleme?

Versorger, die keine ausreichenden Kontingente eingekauft haben, können ihre versprochenen Preisgarantien nicht mehr erfüllen. Viele von ihnen haben darauf vertraut, dass sie während der Tariflaufzeit noch günstige Energie am Markt nachkaufen können. Gerade kleinere Versorger setzten auf diese Strategie und stellen nun fest, dass sie sozusagen „überbrucht“ sind und die Lieferverträge nicht mehr erfüllen können. Daher erhöhen sie massiv den Preis trotz noch geltender Garantie.

Was empfehlen Sie Gaskunden, die vom Versorger eine drastische Erhöhung erhalten?

Sie sollten nicht sofort das Sonderkündigungsrecht wahrnehmen, sondern die Preisänderungen genau prüfen und zurückweisen, wenn noch eine Preisgarantie gegeben ist. Einige Versorger drohen zwar mit der Kündigung des Vertrages, falls man die Erhöhung nicht akzeptiert. Verbraucher sollten sich aber hier nicht blenden oder unter Druck setzen lassen und ihre Rechte kennen. Sie können vom Recht auf Verbraucherbeschwerde nach Paragraf 111a des Energiewirtschaftsgesetzes Gebrauch machen oder sich an die Schlichtungsstelle Energie wenden. Die Kosten für das Anrufen der Schlichtungsstelle muss der Versorger voll tragen.

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