Detlef Decho ist ehrenamtliches Mitglied im Krankenkassen-Verwaltungsrat

„Mitbestimmung wird ja nicht an der Schule gelehrt“

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Detlef Decho engagiert sich ehrenamtlich im Verwaltungsrat der Techniker-Krankenkasse. In dieser Funktion kann der Syker als ganz normaler Versicherter über die Beiträge von mehr als neun Millionen Mitgliedern mitbestimmen.

Syke - Von Michael Walter. „Die Leute rufen immer nach mehr Mitbestimmung. Dabei wissen die meisten nicht mal, was sie heute schon alles mitbestimmen könnten, und nutzen ihre Möglichkeiten gar nicht.“ Detlef Decho weiß, wovon er redet. Der 58-jährige Syker ist seit 2011 eines von bundesweit 30 ehrenamtlichen Mitgliedern im Verwaltungsrat der Techniker-Krankenkasse.

Als ganz normaler Kunde einer gesetzlichen Krankenversicherung kann Decho somit über die Verwendung der Beiträge von mehr als neun Millionen Krankenversicherten mitentscheiden. Fast 30 Milliarden Euro.

„Wir können zwar das Rad nicht neu erfinden und sind an geltende Gesetze gebunden“, sagt er. „Aber an der einen oder anderen Stellschraube kann man da schon drehen.“

Gekommen ist Decho in diese Position vor vier Jahren über die Sozialwahlen. „Das sind die, an denen regelmäßig 90 Prozent der Stimmberechtigten gar nicht erst teilnehmen“, sagt er. „Weil sie nicht wissen, was das ist und was das soll, und weil sie die Kandidaten nicht kennen.“

Bei den Sozialwahlen werden alle sechs Jahre die Selbstverwaltungsorgane der gesetzlichen Kranken-, Renten- und Unfallversicherungen gewählt. Decho erklärt: „Jede gesetzliche Krankenkasse hat einen Verwaltungsrat. Das ist quasi das Parlament der Krankenkasse. Sämtliche relevanten Themen müssen da behandelt werden.“

Der ehrenamtliche Verwaltungsrat setzt zum Beispiel den hauptamtlichen Vorstand ein, legt den Haushalt fest und entscheidet über alle freiwilligen Leistungen. Etwa ob die Krankenkasse Akupunktur oder Osteopathie bezahlt, ob bestimmte Gesundheitskurse gefördert werden oder Bonusleistungen. Aber auch ob irgendwo eine neue Filiale gebaut wird oder nicht. Und wie ein politisches Parlament hat auch so ein Verwaltungsrat Fachausschüsse, die solche Entscheidungen vorbereiten.

„Das ist eine demokratische Kontrolle, was mit dem Geld der Versicherten passiert“, sagt Decho, „ob es auch im Sinn der Versicherten ausgegeben wird. Eine Krankenversicherung ist ja keine Firma, die Gewinne machen soll.“ Im Verwaltungsrat „sitzen Leute, die selbst Versicherte sind. Das ist eine ganz andere Perspektive, als wenn ein hauptberuflicher Vorstand ganz alleine entscheiden würde.“

Diese Mitbestimmung sieht Decho in Gefahr. Durch die Unwissenheit der Stimmberechtigten, die nicht an den Sozialwahlen teilnehmen. Und den Grund dafür sieht er im größten Pluspunkt des Systems, der gleichzeitig die größte Schwäche darin ist. Die Kandidaten sind ganz normale Versicherte. Das heißt: Niemand kennt sie. „Man kann auch gar nicht individuell wählen“, sagt Decho. „Man kann sich immer nur für eine Wahlliste entscheiden.“

Zwar könne man sich inzwischen über Kandidaten-Videos im Internet ganz gut über die Personen informieren, die da zur Wahl stehen. Dennoch hält er es für „eine Riesenherausforderung“, Menschen zu motivieren, zu einer Wahl zu gehen, deren Sinn sie kaum kennen, um dort andere Menschen zu wählen, von denen sie bis dahin noch nie etwas gehört haben. „Mitbestimmung wird ja nicht an der Schule gelehrt.“ Die zunehmende allgemeine Wahlmüdigkeit ist dabei auch nicht gerade hilfreich.

„Es gibt im Prinzip drei Gruppen in unserer Gesellschaft“, sagt Detlef Decho. „Der einen geht es extrem gut, die andere hat so ihr Auskommen, und die dritte hat keine Chance, aus ihrem Schlamassel wieder rauszukommen. Die Bürgerschaftswahlen in Bremen haben gezeigt: Da, wo es den Leuten gut geht, gehen sie auch wählen. Und da, wo es den Leuten schlecht geht, wählen sie nicht. Eigentlich müsste das genau andersrum sein. Aber wenn die Menschen keine Hoffnung haben, dass es besser für sie wird, sagen sie sich anscheinend: Was soll‘s?“

Und wie kann man das ändern? – „Das weiß ich auch nicht“, sagt Decho. „Vielleicht, wenn die Menschen wieder das Gefühl haben, dass sie ernst genommen werden?“

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