Covid-19-Schutzimpfung

Desinformationskampagne zielt auf Kinderärzte im Kreis Diepholz

Wirrwarr: Etliche Ärzte haben Schreiben mit unwissenschaftlichen Thesen erhalten.
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Wirrwarr: Etliche Ärzte haben Schreiben mit unwissenschaftlichen Thesen erhalten.

„Sehr geehrter Herr Badwan“, so beginnt das als medizinische Infosendung getarnte Schreiben an den Kinder- und Jugendarzt Dr. Nidal Badwan in der Gemeinde Weyhe. Der vermeintliche Absender, Theo Driemann aus Achim, will über scheinbare Gefahren in Zusammenhang mit der Bekämpfung der Coronapandemie informieren, nennt dafür Thesen, die im Internet verbreitet worden sind.

Landkreis Diepholz ‒ Ihnen allen ist gemeinsam: Sie wurden von Experten wiederlegt (siehe Infokasten). Mehrere Ärzte im Landkreis Diepholz bekamen die personalisierten Zusendungen zugeschickt.

Ärztekammer verurteilt Desinformationskampagne

In dem Schreiben wird unter anderem eine geplante Reduzierung der deutschen Bevölkerung um 56 Millionen Menschen bis 2025 prophezeit. Das habe so auf einer Internetseite gestanden, schreibt der Absender. Drei weitere ausgewählte Thesen:

  • Mit mRNA (Biontech/Pfizer und Moderna) geimpfte Menschen hätten laut nicht näher benannter „führender Wissenschaftler“ nur noch eine Lebenserwartung von ein bis drei Jahren.
  • Das längere Tragen von Atemschutzmasken sondere Graphen (ein Material aus Kohlenstoffatomen, Anm. d. Red.) ab, das der Körper aufnehme und später bei der Bevölkerungskontrolle durch 5G-Strahlen wichtig werde.
  • Viele Kinder seien bereits an Corona-Impfungen gestorben oder hätten bleibende Schäden davongetragen.

Dr. Angela Schütze-Buchholz aus Syke hält das alles für Quatsch. „Das entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage.“ Ideologien seien durch wissenschaftliche Belege kaum erreichbar.

Überprüfung der Behauptungen

Behauptung 1: Die Lebenserwartung von mRNA-Geimpften betrage noch etwa drei Jahre

Falsch: Die Behauptung wird dem ehemaligen Vizepräsidenten des Pharmaunternehmens Pfizer, Michael Yeadon, zugeschrieben. In einem Interview, welches im Internet als Quelle fungierte, ist kein entsprechendes Zitat zu finden. Die Deutsche Presse Agentur konnte in Rücksprache mit den Interviewern bestätigen, dass eine entsprechende Aussage im Interview nicht gefallen sei.

Behauptung 2: Atemschutzmasken sondern Graphen (ein Kohlenstoff-Material) ab, das vom Körper aufgenommen wird.

Falsch: Die Behauptung wird in einem viralen Internetvideo – primär auf der Plattform Telegram – erhoben. Hintergrund war der präventive Rückruf eines bestimmten Maskentyps durch eine kanadische Behörde. Diese konnte letztlich keine Risiken feststellen. Das bestätigte später auch die Spanische Gesellschaft für Neurologie der Presseagentur AFP.

Behauptung 3: Viele Kinder sind an Corona-Impfungen verstorben oder haben bleibende Schäden davongetragen.

Falsch: Die Europäische Arzneimittelbehörde hatte in ihrer Datenbank zwei Todesfälle von Kindern in Verbindung mit einer Covid-19-Impfung vermerkt. Nach Recherchen von Correctiv stellte sich heraus, dass das Alter der Betroffenen falsch eingetragen wurde. Die Fälle bezogen sich auf ältere Menschen. Zudem führt die Datenbank Verdachtsfälle auf, keine bestätigten Folgen.

„Die Ärztekammer Niedersachsen (ÄKN) verurteilt Desinformationskampagnen jeglicher Art auf das Schärfste“, betont Ministerialrat Thomas Spieker, Sprecher der ÄKN, angesprochen auf das Driemann-Schreiben. Die dadurch hervorgerufene Verunsicherung beeinträchtige laut Spieker das Arzt-Patienten-Verhältnis und erschwere den Ärzten ihre tägliche Arbeit. Schon gemäß Berufsordnung der Ärztekammer Niedersachsen sei nur die Beachtung des anerkannten Stands der medizinischen Erkenntnisse für alle Mediziner maßgeblich.

Absender der Kampagnenpost nennt nicht existierende Ärzte-Gruppierung

Theo Driemann gibt seinem Schreiben den seriösen Anstrich als Vertreter der „Internationalen Vereinigung unabhängiger politischer und medizinischer Forscher“. Jedoch: Die genannte Gruppierung ist weder der Ärztekammer Niedersachsen bekannt, noch existiert sie nach Recherchen der Kreiszeitung.

Zweifelhaft: Der Ärztekammer Niedersachsen ist eine Vereinigung mit diesem Namen nicht bekannt.

„Eine Arztpraxis ist kein Ort für politische Agitation“, stellt Kammersprecher-Spieker klar, „Ärztinnen und Ärzte, die Schreiben dieser Art erhalten, können sich jederzeit an die Kolleginnen und Kollegen der ÄKN-Bezirksstellen oder an die Landesgeschäftsstelle der ÄKN in Hannover wenden.“ Dr. Nidal Badwan von der Kinder- und Jugendarztpraxis Bassum hat sich für eine andere Alternative entschieden: er wirft die Schreiben in die Tonne.

Polizei berichtet von steigender Zahl von Desinformations-Post

Derweil verzeichnet die Ärztekammer laut Auskunft kein erhöhtes Aufkommen von Desinformationskampagnen gegen Ärzte. Thomas Gissing, Sprecher der Polizei im Landkreis Diepholz, bestätigt hingegen, dass solche Schreiben „mehr und heftiger werden“. Zudem sei „angedeutet worden, dass Drohungen ausgesprochen werden“. Entsprechende Vorfälle sind jedoch bislang nicht angezeigt worden, so Polizeisprecherin Tanja Weber.

Das entbehrt jeglicher wissenschaftlichen Grundlage.

Dr. Angela Schütze-Buchholz, Ärztin aus Syke

Möglicherweise steht das sogenannte Informationsschreiben in Zusammenhang mit einer Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) vom 19. August. Nach einer Risiko-Nutzen-Analyse empfiehlt diese seitdem eine Corona-Impfung auch für Jugendliche ab zwölf Jahren.

Ärzte reagieren alle ähnlich: Ab in Tonne und Schredder mit den Schreiben

In jedem Fall erreichen „etliche solcher Schreiben“ auch die Syker Praxis von Dr. Angela Schütze-Buchholz per E-Mail, und landen im Spam-Ordner, teilt die Ärztin mit.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Diepholz: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Das Desinformations-Schreiben hat auch die Leester Hausarztpraxis von Dr. Söhnke Hinz und Dr. Judith Hildebrandt erreicht. „Wir haben das schon zweimal erhalten, zuletzt vor den Herbstferien“, so Dr. Hinz, „doch so etwas nehme ich nicht ernst und werfe es direkt weg.“ Ebenso äußert sich Dr. Holger Theek, Kinder- und Jugendarzt aus Bassum. „Ich habe das Ganze ungelesen in den Schredder gesteckt, als ich gesehen habe, um was es sich handelt“, so der Arzt.

Der vermeintliche Absender, Theo Driemann, war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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