Eduard von Lütcken holt 1912 Silber im Vielseitigkeitsreiten – und fällt 1914 in Russland

Der tragische Olympionike aus Syke

Der russische Kavallerie-Leutnant Boris Genischta, offenbar ein Augenzeuge des Todes von Eduard von Lütcken, schickte diese Postkarte an die Angehörigen. Sie kam erst nach fünf Jahren an.
+
Der russische Kavallerie-Leutnant Boris Genischta, offenbar ein Augenzeuge des Todes von Eduard von Lütcken, schickte diese Postkarte an die Angehörigen. Sie kam erst nach fünf Jahren an.
  • Frank Jaursch
    vonFrank Jaursch
    schließen

Syke – Im Juli 1912 holen in Stockholm bei der Sommerolympiade die Vielseitigkeitsreiter für das deutsche Kaiserreich zweimal Edelmetall. Im Einzel belegt Harry von Rochow Platz zwei, und auch die Mannschaft erreicht die Silbermedaille. Oberleutnant Eduard von Lütcken, der mit seinem Pferd Blue Boy Teil der deutschen Equipe ist, ist ein echter „Syker Jung“.

Der außergewöhnlich talentierte Reiter wurde am 26.  Oktober 1882 in Syke als Sohn des Syker Amtsrichters Eduard Hermann von Lütcken und dessen Ehefrau Frida (geborene Meding) geboren. Sein Großvater Eduard Christian von Lütcken war von 1853 bis 1855 hannoverscher Ministerpräsident.

Der junge Eduard verbrachte in Syke einen Teil seiner Kindheit und seiner Jugend, ehe es ihn zum Studium nach Heidelberg verschlug.

Als der Sohn in der schwedischen Hauptstadt die Silbermedaille gewann, war allerdings auch Vater Eduard Hermann von Lütcken – der 1893 in Syke zum Amtsgerichtsrat befördert worden war – schon weg aus Syke: Er bekleidete ab 1907 das Amt des Senatspräsidenten im Oberlandgericht in Köln.

Der Weg von Sohn Eduard von Lütcken führte ihn nach Oschatz (bei Leipzig) – zum 1. Königlich-Sächsischen Ulanen-Regiment Nr. 17. Aus amtlichen Kriegsakten und Aufzeichnungen von Christian Wilkens aus dem Jahr 1931 zum 1. Königlich-Sächsischen Ulanen-Regiment Nr.17 ist zu ersehen, dass 1905 der Name Eduard von Lütcken erstmals im Oschatzer Regimentsverzeichnis auftaucht – zunächst als Fähnrich, 1910 als Leutnant, 1913 als Oberleutnant und im August 1914 als Oberleutnant des Ersatz-Eskadron.

Aufgrund seiner reiterlichen Fähigkeiten wurde er zunächst zur Kavalleriereitschule und später ins Olympiateam berufen. Im Jahr 1912 waren die Vielseitigkeitsreiter erstmals Bestandteil der Olympischen Spiele. Für das deutsche Kaiserreich ritten nur Offiziere. Mit Oberleutnant Eduard von Lütcken (Blue Boy), Rittmeister Carl von Moers (May Queen), Oberleutnant Harry von Rochow (Idealist) und Leutnant Richard Graf von Schaesberg-Tannheim (Grundsee) trat die Equipe im Juli in Stockholm an.

Die Disziplin Vielseitigkeitsreiten galt damals wie heute als die Krone des Reitsports. Die Mehrkämpfer zu Pferde absolvierten ihre Auftritte in den Disziplinen Geländeritt (55 Kilometer auf einer Querfeldein-Hindernisstrecke), Jagdspringen und Dressur.

Von Lütcken lag nach dem Geländeritt noch auf dem geteilten ersten Platz, fiel aber mit drei Abwürfen beim Jagdspringen auf den sechsten Platz zurück und verlor einen weiteren in der damals noch abschließenden Dressur. Das Mannschaftsergebnis ergab sich aus der Addition der jeweils besten drei Reiter im Einzelwettkampf. Olympiasieger im Mannschafts- und Einzelwettkampf wurden die gastgebenden Schweden.

Zwei Jahre nach seinem Olympiaerfolg starb Oberleutnant Eduard von Lütcken, kaum sechs Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, am 15. September 1914 bei Szumst (damals Russland, heute Litauen). Wie er zu Tode kam, wird in Auszügen aus „Das 1. Königlich Sächsische Ulanen-Regiment“ von 1929 beschrieben. Danach stürzte Eduard von Lütcken vom Pferd, als seine Patrouille vor einer russischen Übermacht bei Szumst den Rückzug antrat. Der Oberleutnant fand, wie es von Oberstleutnant Fleck beschrieben wird, trotzt heldenhafter Gegenwehr den Tod. Tage zuvor, so steht es in der Niederschrift, hatte von Lütcken bei einem Patrouillenritt den russischen General Alexander und dessen Adjutanten zu Gefangenen gemacht.

Mehr als fünf Jahre später erhielt die Familie von Lütcken über das Rote Kreuz eine bemerkenswerte Postkarte. Ein russischer Kavallerie-Leutnant hatte nach dem Vorfall, der zum Tod des deutschen Olympioniken geführt hatte, den Angehörigen geschrieben. „Oberleutnant von Lütcken fand den Todt den 2. September 1914. Kämpfte bis zum letzten Augenblick und starb mit den Waffen in der Hand, von uns bewundert durch seine Tapferkeit und Muth. Als Zeuge seines Todes fühle ich mich verpflichtet Ihnen vom Tode Ihres Verwandten mitzuteilen“.

Oberleutnant Eduard von Lütcken wird namentlich auf dem historischen Reiterdenkmal an der Trabrennbahn Karlshorst mit weiteren Kriegstoten der Militärreiter und den zivilen Sportreitern gedacht. Sein Vater Eduard Hermann von Lütcken starb 1926 in Wischhafen auf dem Gut der Familie.

Von Dieter Niederheide Und Frank Jaursch

Porträt von Eduard von Lütcken. Er hatte mehrere Narben auf der linken Wange, die von einem Studentenduell aus seiner Zeit bei der Verbindung Corps Vandalia Heidelberg herrührten.
Das Silbermedaillen-Team der deutschen Vielseitigkeitsreiter bei den Olympischen Spielen 1912 in Stockholm. In der Mitte Eduard von Lütcken.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Was hilft gegen Wespen?

Was hilft gegen Wespen?

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Livigno ist mehr als Benzin und Zigaretten

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Zwei Jahre nach Einsturz: Neue Brücke in Genua eingeweiht

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Das Pixel 4a hat mehr Power - aber noch kein 5G

Meistgelesene Artikel

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Vom Flüchtling zum Abgeordneten: „Jeder kann etwas gegen Ungerechtigkeit tun“

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Rohrschaden an Kladdinger Straße: Anwohner zeitweilig ohne Wasser

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Aus Strangmeyer wird Fuggerstädter

Die ersten Kabel sind verlegt

Die ersten Kabel sind verlegt

Kommentare