Der Suchscheinwerfer

Arnim Hermsmeyer ist als Schulpastor Ansprechpartner bei seelischen Notlagen in Syke

Pastor Arnim Hermsmeyer ist Schulseelsorger. Nach fünf Jahren in Verden ist er jetzt an den BBS in Syke. Seit diesem Sommer bildet er auch selber neue Schulseelsorger aus.
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Pastor Arnim Hermsmeyer ist Schulseelsorger. Nach fünf Jahren in Verden ist er jetzt an den BBS in Syke. Seit diesem Sommer bildet er auch selber neue Schulseelsorger aus.

Über Langeweile im Beruf kann sich Arnim Hermsmeyer ganz bestimmt nicht beklagen: Bei seiner Arbeit wird der 46-Jährige im Prinzip mit allen gesellschaftlichen Fragestellungen und Auseinandersetzungen konfrontiert, die wir allgemein und insgesamt auch erleben. Vom Clash der Kulturen bis zum Umgang mit Krankheit und Tod. Arnim Hermsmeyer ist Schulseelsorger an den Berufsbildenden Schulen.

Heiligenfelde – Schulseelsorger? – Damit verbinden viele höchstens noch ein altes Klischee: Den ausgedienten Pastor, der sich mit Religionsunterricht die Rente aufbessert und in den Pausen aufpasst, dass in den dunklen Ecken auf dem Schulhof niemand knutscht. Dieses Zerrbild ist von der Wirklichkeit weit entfernt. Richtig ist daran: Arnim Hermsmeyer gibt tatsächlich Religionsunterricht. Aber eben nicht nur. „Ich bin der Puffer, der in einer ernsten Krise dafür sorgt, dass die Klasse wieder normal miteinander sprechen kann“, sagt Arnim Hermsmeyer.

Er erklärt das System: „Gehst du als Pastor an die Schule, bist du automatisch auch Schulseelsorger. Lehrer, die Schulseelsorger werden wollen, brauchen dafür eine Zusatzausbildung. Um die zu bekommen, muss man zwingend Religionslehrer sein und eine Berufung von der Kirche haben. Weil das, womit es Schulseelsorger zu tun bekommen, unter das fällt, was man umgangssprachlich Beichtgeheimnis nennt.“

Bunte Palette vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur

Gehst du als Pastor an die Schule, bist du automatisch aber auch Religionslehrer, ohne Lehrer zu sein. „Ich mache in ganz verschiedenen Klassen Unterricht“, sagt Hermsmeyer. An den BBS Syke hat er es mit Berufseinstiegsklassen zu tun, mit einer Wirtschafts- und Logistikklasse und mit der Pflege-Ausbildung. „Ich bin bei den Maurern und Zimmerleuten und an der 11. Klasse im Beruflichen Gymnasium.“ Kurz: „Die bunte Palette vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur.“

Entsprechend bunt sind auch die Inhalte. In der Pflegeklasse hat Hermsmeyer zuletzt über die Würde des Alters gesprochen, über Sterben und Tod. Gespräche am Krankenbett üben. Eine Krankenschwester aus einem Hospiz über ihren Berufsalltag erzählen lassen. „In der Kfz-Klasse haben wir uns über autonom fahrende Autos unterhalten und wie man sie programmieren soll, wenn sie in eine ausweglose Notlage kommen. Wen sollen sie im Zweifelsfall umfahren: Tier oder Mensch? Alt oder jung?“

Reagieren auf konkrete Situationen

In der Erzieher-Ausbildung geht es oft um das Reagieren auf konkrete Situationen. „Das Meerschweinchen ist gestorben und das Kind bringt es mit in den Kindergarten. Wie gehe ich damit um?“ Anderes Beispiel: „Ein Kind sagt: Ich glaube an Gott. Das Zweite sagt: Es gibt keinen Gott außer Allah. Und das Dritte sagt: Ihr spinnt doch beide, es gibt überhaupt keinen Gott.“

Frage am Rande: Wie würde der Pastor Hermsmeyer da selbst reagieren? Für die Antwort muss er ein bisschen ausholen: „Gut ist, wenn ich in solchen Situationen selber weiß, was ich denke. Wichtiger ist, dass ich den anderen frage: Was ist dir daran wichtig? Und warum? Deswegen reden wir von Glauben, und nicht von Wissen. Ich kann nur sagen, was ich selber glaube und zu Kenntnis nehmen, dass andere etwas anderes glauben – und das auch so stehen lassen. Wir tun nicht gut daran, Religion und die Deutung der Welt in Konkurrenz zu sehen. Wir sollten kein Entweder-Oder daraus machen, sondern ein Sowohl-als-auch. Das gilt genauso für nichtreligiöse Menschen.“

Wenn es um Leben und Tod geht

Als Seelsorger ist Arnim Hermsmeyer an der Schule anders gefordert. Themen wie „es klappt nicht mit dem Lehrer“, „ich hab Schwierigkeiten zuhause“ oder „ich weiß nicht, wo ich hin will“ sind Dinge, die Schüler eher mit vertrauten Lehrern oder den Schulsozialarbeitern besprechen. „Wir Schulseelsorger werden angesprochen, wenn es um Leben und Tod geht“, weiß Hermsmeyer. Und das kommt tatsächlich häufiger vor. „Es gibt Unfälle. Schüler fahren sich tot. Es gibt Selbstmorde. Und es gibt Krankheiten. Auch junge Menschen können einfach so sterben. Das sind Situationen, die den Freundeskreis und die Klasse treffen. Natürlich auch die Lehrkräfte, die damit umgehen und die Klasse weiter unterrichten müssen.“

In Verden hat Arnim Hermsmeyer erlebt, wie eine Klasse nach dem Tod eines Mitschülers in Schockstarre verfiel und allen buchstäblich die Worte fehlten. „Diese schlimme Situation ist oft so groß, dass sie alles andere in den Hintergrund drückt.“ Es geht dann erst einmal darum, überhaupt wieder ins Gespräch zu kommen. Sich zu erinnern: Wie war der Tote eigentlich? Was hat ihn ausgemacht? „Das ist ein erster Schritt, wie ich wieder in die Normalität komme.“

Vieles lässt sich schon mit einem kurzen Gespräch in der Pause klären. Manches braucht längere Gespräche. Meistens zwei, aber ganz selten mehr als drei.

Arnim Hermsmeyer

Nicht immer ist die Situation derart extrem. Aber immer sind es Situationen, die die Schüler als extrem belastend und drückend empfinden. „Ich komme dann nicht mit Ratschlägen um die Ecke“, sagt Hermsmeyer. Eher vergleicht er sich mit einem Suchscheinwerfer, der das Terrain ausleuchtet, um einen Weg zu finden. Wichtig sei dabei, nicht in der Vergangenheit zu wühlen und die Situation wieder und wieder neu zu durchleben. „Wichtig ist: Was hilft dir jetzt gerade? Was ist für dich ein guter erster Schritt?“ Hermsmeyer weiter: „Vieles lässt sich schon mit einem kurzen Gespräch in der Pause klären. Manches braucht längere Gespräche. Meistens zwei, aber ganz selten mehr als drei. Weil die meisten mit einem konkreten ersten Schritt aus so einem Gespräch herausgehen. Und wenn sie erst mal in Fahrt kommen, fallen ihnen fast immer selber Ideen ein, wie es jetzt weitergehen könnte.“

Arnim Hermsmeyer im Kreis seiner Kollegen vom Religionspädagogsichen Institut in Loccum.

Das Schulseelsorger-Team ist gerade im Wandel. Es gibt großen Bedarf an neuen Mitarbeitern. Im Frühjahr hatte Arnim Hermsmeyer eine Qualifizierung zum Supervisor abgeschlossen und ist anschließend angesprochen worden, ob er sich vorstellen könnte, bei der Seelsorgerausbildung mitzuwirken. Er konnte. Und er hat inzwischen sein erstes eigenes Seminar am Religionspädagogischen Institut in Loccum.

„Ich mach das total gerne“, erzählt er. „Das sind aktuell 18 Teilnehmer. Die kommen alle freiwillig und die können auch alle was. Das macht total Spaß.“ Hermsmeyer packt ihnen zwei Koffer. „Das eine ist der Methoden-Koffer“, sagt er. „Das andere ist der Mindset-Koffer: Wie begegne ich anderen Menschen?“ Das hat was mit Schubladen-Denken zu tun, erklärt er. „Gerade in Schulen immer ein Problem. Wir tun gut daran, immer wieder das Trennen zu üben: Was ist die schulische Leistung? Und was ist der Mensch, der dahinter steckt?“ Zum Beispiel, wenn Schüler sich einfach verweigern und gehen. „Das wird einen Grund haben. Es bleibt dabei, dass das Verweigern schulische Konsequenzen hat. Aber ich kann dem Menschen anders begegnen.“

Baustein für multiprofessionale Teams

Schulseelsorger sieht Hermsmeyer als Baustein für multiprofessionale Teams. Gleichwertig neben Beratungslehrern und Schulsozialarbeitern. Nach dem Prinzip: Je breiter das Angebot, desto einfacher ist es, die passende Hilfe zu finden.

Seine Stelle als Schulseelsorger ist zeitlich befristet. „Ich bin eigentlich schon drüber“, sagt er. Aber er hofft, dass er weiter bleiben kann. „Ich mache das supergerne und glaube, dass das für mich auch definitiv der richtige Platz ist. Da ich die Zusatzqualifikation als Ausbilder habe, kann ich mir gut vorstellen, dass ich weiter an der Schule bleiben darf. Es ist ja sinnvoll, als Ausbilder auch selber an der Schule zu sein.“

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