„Tastenflüsterin“ Hauke Kranz über das Dilemma ihrer Branche

Der Hut ist keine Lösung

Hutkonzerte? Da hat hat Pianistin Hauke Kranz eine ganz eigene Meinung. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erläutert sie ihre Idee, wie Kultur auch in Corona-Zeiten überleben und gedeihen kann.
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Hutkonzerte? Da hat hat Pianistin Hauke Kranz eine ganz eigene Meinung. Im Gespräch mit der Kreiszeitung erläutert sie ihre Idee, wie Kultur auch in Corona-Zeiten überleben und gedeihen kann.

Syke – Beim diesem Titel ging Hauke Kranz der sprichwörtliche Hut hoch: Mit „Musik gut – Geld im Hut“ betitelte die Kreiszeitung den Teaser auf der Titelseite, der auf die Syker Lokalseite verwies. Die flapsige Überschrift veranlasste die Syker Pianistin, sich an die Redaktion zu wenden. „Hutkonzerte sind in dieser schwierigen Zeit keine Lösung“, erklärte sie. Im Gespräch mit der Kreiszeitung liefert sie nicht nur Einblicke in das Seelenleben der Künstler, sondern präsentierte auch Ideen, die helfen könnten, den Menschen die Kultur zu bewahren.

Wichtig ist der Syker „Tastenflüsterin“ zunächst, dass sie nicht prinzipiell etwas gegen Hutkonzerte – also Darbietungen bei freiem Eintritt, bei denen die Gäste am Ende Geld in einen herumgehenden Hut legen – habe. Sie stört sich an der Formulierung „Musik gut – Geld im Hut“. Dahinter steckte schließlich die versteckte Aussage: „Naja, wenn du gut spielst, wird schon genug dabei rumkommen.“

Aber genau so sei es eben nicht, versichert Kranz. Sie hat gerade in Zeiten von Corona eine „ins Galoppieren kommende Tendenz“ wahrgenommen, das wirtschaftliche Risiko eines Konzerts auf den Künstler abzuwälzen.

Dabei hänge der Erfolg eines Auftritts – und auch der wirtschaftliche Ertrag – von Faktoren ab, die der Künstler selbst zu großen Teilen nicht in der Hand hat. Wie wurde für die Veranstaltung geworben? Wie sind die Rahmenbedingungen? Wie ist das Wetter?

Und: Wissen die Besucher eigentlich, dass das, was da im Hut landet, nicht etwa ein Trinkgeld ist, sondern die Gage des Künstlers? „Das muss vorher kommuniziert werden“, betont die Pianistin. „Man will die Gäste ja nicht überrumpeln.“

Corona hat der Musikszene einen harten Schlag versetzt. „Wir sind ausgeblutet“, sagt Hauke Kranz. „Jetzt müssen Konzerte kommen, von denen wir leben können!“ Genau das sei bei der großen Mehrheit der Hutkonzerte nach ihrer Wahrnehmung nicht der Fall.

Dabei haben viele Konzertbesucher gerade in der vergangenen Monaten gemerkt, wie sehr die Live-Musik ihnen fehlt. „Das Publikum ist scharf auf Musik“, weiß Hauke Kranz. „Die haben einen Jieper drauf – und wir auch.“ Sie berichtet von Künstlern, die nach ihrem ersten Konzert mit Freudentränen in den Augen von der Bühne kamen.

Doch sie sieht darin auch eine Kehrseite der Medaille: Durch die Rückkehr auf die Bühne entstehe ein falscher Eindruck – nämlich der, dass jetzt „ja wieder alles in Ordnung ist. Aber das ist es eben nicht!“ Denn von Applaus allein können Künstler nicht leben. Nur weil die Sänger und Instrumentalisten wieder sichtbar sind, ist das Problem nicht kleiner geworden. „Von Sichtbarkeit kann ich meine Miete nicht bezahlen.“

Noch größer wird das Dilemma dadurch, dass viele Geschäftspartner von Künstlern selbst massiv unter der Krise leiden und zu sparen versuchen. „Das werfe ich den Konzertveranstaltern und Gastronomen ja gar nicht vor.“ Doch dies führe zu einer „Spirale ins Gagendumping, die immer weiter runter führt“, berichtet die 55-Jährige. Einer Lösung des Problems nähere man sich so nicht.

Wie aber sähe so eine mögliche Lösung aus? Kranz holt tief Luft. Sie hat da mal was vorbereitet. Ihre Idee fußt auf vier Säulen: den Veranstaltern, Sponsoren, den Künstlern und dem Publikum.

Unabdingbar sei aus ihrer Sicht erstens eine stärkere Förderung der Kulturvereine. „Egal ob von Bund, Land oder Kommune – in diese Richtung muss es gehen. Wie es bisher läuft, das hält kein Kulturverein länger durch.“ Kranz verweist auf flächendeckende Fördermitteln, die bespielsweise in Baden-Württemberg bereits fließen. Auch Niedersachsen hat bereits im März ein erstes Hilfspaket für Künstler geschnürt.

Die Sponsoring-Idee ist nach Kranz’ Überzeugung noch deutlich ausbaubar. Als Beispiel nennt sie den „Konzertpaten“. Warum lädt ein großes Unternehmen nicht einen Künstler ein und bringt das Publikum gleich mit? „So machen die Paten ein Konzert erst möglich.“

Auch für die Künstler sei es wichtig, die coronabedingten Änderungen der Konzerte anders zu betrachten – „als wertigere Vorstellung“. Die Atmosphäre sei vor kleinerem Publikum persönlicher, unter Umständen sogar intimer – trotz räumlicher Distanz. Auch der Auftritt selbst könnte den neuen Bedingungen Rechnung tragen. Kranz selbst hat für sich das „doppelte Tastenflüstern“ etabliert. Was in ihrem Fall nichts Anderes ist, als statt eines längeren Programms zwei kürzere an einer Location zu spielen. Das verdoppele die mögliche Zuschauerzahl und erhöhe somit auch die Einnahmemöglichkeiten für den Veranstalter.

Und damit ist Hauke Kranz auch schon bei der vierten und vielleicht wichtigsten Säule: dem Publikum. „Es ist wichtig, dass die Leute ihre Lust auf Kultur auch mit einer Handlung verbinden“, sagt sie. Heißt im Klartext: Geld für ein Konzert ausgeben – und im Zweifel dabei auch höhere Preise in Kauf nehmen.

Wer gute Kultur möchte, sollte bereit sein, gutes Geld zu zahlen. Ohne das Eine wird es das Andere wohl bald nicht mehr geben.

Von Frank Jaursch

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