Altes Foto löst Sucharbeit über drei Länder aus

„Dat is mijn vader!“

Ulrich Dannemann betrachtet die alten Bilder, die seinen Großvater und Remi zeigen. - Foto: Niederheide

Steimke - Von Dieter Niederheide. Beim Sichten alter Familienfotos hielt Heimatforscher Ulrich Dannemann (73) ein 100 Jahre altes Bild in den Händen. Darauf war ein junger Soldat zu sehen, den er familiär nicht einordnen konnte. Die Neugier in ihm war geweckt. Am Ende einer langen Sucharbeit wurde sie schließlich befriedigt – mit Hilfe der beiden Heimatforscher Jan de Mik (Niederlande) und Fhilip Vannieuwenhuyze (Belgien).

Als Agnes Verschatse (90) in Belgien das Foto des jungen Soldaten in den Händen hält, sagt sie bewegt: „Dat is mijn vader.“ Bis zu dem Zeitpunkt hat Ulrich Dannemann mit Hilfe der Heimatforscher aus den Niederlanden und Belgien fast ein Jahr lang Sisyphusarbeit geleistet. Sie hat sich ausgezahlt. Nun ist klar: Der Remi, der auf dem Hof in Steimke zwangsarbeitete, hieß Remi Verschatse.

Dieses Foto des zunächst unbekannten belgischen Zwangsarbeiters weckte die Neugierde bei Ulrich Dannemann. Wie sich herausstellte, zeigte es Remi Verschatse. - Repro: Niederheide

Den ersten Hinweis bekam Dannemann, als er seiner Mutter Anneliese Dannemann das Foto zeigte. Sie erinnerte sich, dass der Mann Remi hieß und dass er belgischer Kriegsgefangener war, der als Zwangsarbeiter auf dem Hof ihres Vaters Albert Brockmann in Steimke (heute Traute Bartel) arbeitete. Seine Mutter erzählte ihm, dass sich der Großvater und Remi immer gut verstanden hätten. Wichtig für Ulrich Dannemann wurden die Kriegsaufzeichnungen seines Großvaters Albert Brockmann, der als Soldat im Ersten Weltkrieg in Belgien war und der zum Jahreswechsel 1917 den Eltern von Remi einen Brief ihres Sohnes übergab. In seinen Aufzeichnungen schreibt Brockmann, dass die ganze Familie und die Nachbarn die Nachricht vom Verbleib Remis feierten – und dass er „nie wieder so betrunken war“ wie an jenem Abend.

Der Heimatforscher ließ in seinen Recherchen über Remi nicht locker. Eine Spur war dessen Soldatenmütze, auf der die Zahl „2“ zu lesen war. Die war Bestätigung dafür, dass Remi in der Leopoldkaserne in Gent seinen Wehrdienst versah – und zwar beim 2. Linienregiment.

Die Belgierin Agnes Verschatse erkannte auf dem alten Foto ihren Vater wieder. - Foto: privat

Doch damit waren die Fragen „Wer ist Remi?“ und „Was wurde aus ihm?“ längst nicht geklärt. Dannemann bat einen Freund, den niederländischen Heimatforscher Jan de Mik, um Hilfe. Der entdeckte im Internet eine Liste des Internationalen Roten Kreuzes mit Namen belgischer Kriegsgefangener, die im Lager Munster gefangen gehalten worden waren. Es wurde angenommen, dass Remi vom Lager Munster über Soltau nach Steimke zum Hof Brockmann abkommandiert wurde, weil Bauer Albert Brockmann Soldat werden musste. De Mik registrierte alle Soldaten des Linienregiments, die damals den Vornamen Remi trugen. Die übermittelte er dem Militärarchiv in Evere in Belgien.

Nur: Dort konnte man damit nichts anfangen. Man benötigte Nachname und Geburtsdatum für die Recherche. Auch eine Anfrage beim Stadtarchiv in Gent blieb erfolglos.

Jan de Mik half Ulrich Dannemann maßgeblich Auffinden von Remi Verschatse. - Foto: privat

Jan de Mik suchte akribisch weiter. Einmal schien er die Lösung gefunden zu haben: Er stieß auf einen Remi, die Hoffnung war groß, dass es jener aus Steimke war. Doch sie stellte sich als vergebens heraus: Dieser Remi war zwar Soldat gewesen, aber nie in Gefangenschaft geraten. Hilfreich war in einem weiteren Gespräch ein Hinweis von Anneliese Dannemann: Die hatte darauf verwiesen, dass im Kriegstagebuch des Vaters Albert Brockmann der Eintrag war, dass seine Kompanie sich in Staden (Westflandern) erholte. Dort in der Nähe hatte er seinerzeit den Eltern von Remi den Brief ihres Sohnes übergeben.

De Mik nahm Kontakt mit dem belgischen Heimatverein „Roede van Harelbeke“ auf und kam so mit Heimatforscher Fhilip Vannieuwenhuyze bei Staden in Verbindung.

Der wusste, dass sieben Soldaten aus Bavikhove im Ersten Weltkrieg in Gefangenschaft geraten waren. Darunter war ein gewisser Remi Verschatse. War das der von Ulrich Dannemann gesuchte Remi? Wieder kam Kommissar Zufall zur Hilfe. Der belgische Heimatforscher fand heraus, dass es eine Agnes Verschatse gab, die noch lebt.

Erinnerungen an Steckrübensuppe

Mit dem Foto von Remi begab sich Vannieuwenhuyze zu ihr. Es sei, schrieb er später, ein bewegender Augenblick gewesen, als die alte Frau das Foto in ihren Händen hielt und darauf ihren Vater Remi erkannte.

Remi war nach dem Ersten Weltkrieg nach Belgien zurückgekehrt, heiratete 1922 Anna Duchi und soll ein braver, sehr sozialer Mensch gewesen sein, der hart arbeitete. Er war Weltkriegsveteran, der an jedem 11. November an der Gedenkfeier zum Waffenstillstand teilnahm.

Von seinen sechs Kindern leben noch zwei, darunter Tochter Agnes. Sie wusste noch, dass der Vater, der 1973 verstarb, viel aus der Kriegs- und Gefangenenzeit und von der Steckrübensuppe auf dem Steimker Bauernhof erzählte.

Für Ulrich Dannemann hat sich damit das Rätsel um Remi, von dem es noch ein Foto vom Syker Fotografen Heinsen gab, aufgelöst.

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