Kreislandwirt kritisiert fachliche Mängel im Umgang mit dem Thema

Glyphosat-Diskussion: Dann müsste man auch „allen Alkohol verbieten“

+
Wilken Hartje

Landkreis Diepholz - Von Marc Lentvogt. Unter hohem Zeitdruck hat die Europäische Kommission die Nutzungserlaubnis für das umstrittene Herbizid Glyphosat um 18 Monate verlängert. Die Mitgliedsstaaten hatten sich zuvor nicht einigen können. Kreislandwirt Wilken Hartje aus Syke ist darüber erfreut, denn diese Zeit kann genutzt werden, um aussagekräftige Studien zu erstellen. Ein sofortiges Verbot hätte Hartje zufolge bedeutet, dass die deutschen Landwirte international „wieder den Kürzeren ziehen“.

Von Syke bis Asendorf habe der Landkreis „bundesweit sehr gute Standorte“ für die Landwirtschaft zu bieten. Sogar weltweit dürften sich die Hochertragsstandorte zur Spitze zählen, doch das „wendehalsige“ Gebahren von Umweltministerin Barbara Hendricks und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel gefährde die Leistungsfähigkeit der hiesigen Landwirtschaft.

Bei der Abstimmung über die Fortschreibung der Glyphosat-Betriebserlaubnis enthielt sich die Bundesrepublik. Deutschland hätte aber, so Hartje auf Nachfrage weiter, eine Vorreiterrolle in der Europäischen Union (EU) einnehmen müssen. Eine gemeinsame Stimme konnte die große Koalition jedoch nicht finden, bedauert Hartje.

Glyphosat ist das weltweit meisteingesetzte Pflanzenschutzmittel. Alternativen? Im Funktionsumfang des Glyphosat gebe es keine, so Hartje weiter. Für diverse Einzelfälle, wie Mais, seien alternative Mittel bekannt, doch diese seien deutlich aggressiver und verunreinigen nachweisbar das Grundwasser. Bei Glyphosat geschehe dies in geringerem Maße, doch die derzeit gegebene Möglichkeit, einem internationalen Großkonzern wie Monsanto, der seit Jahren ein Dorn im Auge diverser Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) sei, zu schaden, werde von den beteiligten Parteien ausgenutzt. Glyphosat verbieten – eine rein politische Entscheidung.

Chinesische und US-amerikanische Anbieter profitieren

Leiden würde darunter neben den Landwirten aber auch die hiesige Bevölkerung. Eine ungünstigere Kosten-Nutzen-Relation verschiebt den Markt zugunsten chinesischer und US-amerikanischer Anbieter. Deren Produkte möchte Hartje nichtauf seinem Teller wissen. Das dort geltende Regelwerk sei deutlich freizügiger und erlaube Einsatzmöglichkeiten, die sich negativ auf die Bevölkerung auswirken. Damit könnten die Staaten Europas aber vermutlich leben, denn um Krankheitsprävention gehe es bei dem Verbot des Herbizids nicht. Wäre man tatsächlich interessiert, den Menschen zu schützen, würde die Politik „allen Alkohol verbieten müssen“. In diesen Angelegenheiten aber „wird nicht mit dem gleichen Maß gemessen“. Alkohol- und Tabaksteuern sind, so vermutet Hartje, für eine so hohe Menge an Steuergeldern verantwortlich, dass sie als Ziel symbolpolitischer Aktionen ausscheiden.

Wie aber wurde in der Vergangenheit Landwirtschaft betrieben, bevor die Herbizide als Hilfsmittel bereitstanden? Mithilfe des Pfluges – so, erklärt Wilken Hartje weiter, könne dem Unkraut auch heute beizukommen sein. Aber auch nur bei gepflegten Flächen. Pachtet ein Landwirt vernachlässigtes Land, kann es durchaus drei bis vier Jahre dauern, diese mittels Pflügen wieder nutzbar zu machen. Bei der Anwendung dieser Methode würde jedoch der fruchtbare Boden zerstört werden. Da vieles Unkraut – wie Disteln – tief im Erdreich verwurzelt ist, müsste beim Pflügen mit schweren Gerätschaften gearbeitet werden. Neben dem deutlich erhöhten Dieselverbrauch werde durch das Aufbrechen der Böden Kohlenstoffdioxid frei. Den Zielen, der im vergangenen Jahr abgehaltenen UN-Klimakonferenz in Paris würde die EU damit direkt entgegenwirken.

Einsatz „mit guter fachlicher Praxis“ sinnvoller

Sinnvoller sei es, Glyphosat „mit guter fachlicher Praxis“ anzuwenden – Risiken für Menschen seien dann nicht gegeben. Weltweit konnte Hartje zufolge noch kein Krankheitsfall auf Einflüsse des Herbizids zurückgeführt werden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung wertete diesbezüglich eine Vielzahl an Studien aus. Es habe jedoch keine Lobby und werde in der öffentlichen Diskussion nicht wahrgenommen, bedauert Hartje.

Zwischen Ernte und Saat, in Vorbereitung auf das kommende Jahr, wäre ein korrekter Zeitpunkt, kommentiert der Kreislandwirt weiter, der aber nicht verschweigt, dass das Herbizid in der Branche sicherlich manches Mal zu oft und nicht immer korrekt eingesetzt wurde. Daher könne man für das gute Kontrollsystem in Europa dankbar sein. Nur werde nun „eine Sau durchs Dorf getrieben“, anstatt nach konstruktiven Lösungsansätzen zu suchen.

Die nun beschlossene Übergangszeit begrüßt Hartje. „Auf jeden Fall“ sei es eine Wunschlösung. Es gebe nun „mehr Zeit für eine sachliche Entscheidung“, die die Risiken für Anwender und Verbraucher berücksichtigen kann. Mittelfristig sei eine stärkere Regulierung wünschenswert, bei der Glyphosat als „Handwerkszeug“ in besonders zwingenden Fällen nutzbar bleibt.

Der Einsatz könnte minimiert, die Wettbewerbsfähigkeit hiesiger Landwirte gesichert werden. Die aktuellen Entwicklungen deuten jedoch daraufhin, dass der Wirtschaftszweig – inklusive der chemischen Industrie – seines Innovationspotenzials beraubt werde.

Mehr zum Thema:

Vier Trends bei Gartenmöbeln

Vier Trends bei Gartenmöbeln

Neue Lichtspiele am Fahrrad - Nicht jeder Spaß ist erlaubt

Neue Lichtspiele am Fahrrad - Nicht jeder Spaß ist erlaubt

Kein Platz im Paradies? - Neuseeland-Boom sorgt für Ärger

Kein Platz im Paradies? - Neuseeland-Boom sorgt für Ärger

Eindrücke von der Messe Fairnet-City

Eindrücke von der Messe Fairnet-City

Meistgelesene Artikel

GTS 2001: Jeder dritte Lehrer krank

GTS 2001: Jeder dritte Lehrer krank

„In freiem Fall stürzte der Pilot aus 6 000 Metern Höhe herab“ – ohne Fallschirm

„In freiem Fall stürzte der Pilot aus 6 000 Metern Höhe herab“ – ohne Fallschirm

Weitere Windkraftanlagen?

Weitere Windkraftanlagen?

Kleine Teilchen sind ein großes Thema

Kleine Teilchen sind ein großes Thema

Kommentare