Ärzte verweisen aufs Gesundheitsamt und zurück

Coronavirus? „Kommen Sie nicht zu uns“

Mit Corona-Verdacht soll definitiv niemand In die Praxen kommen
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Mit Corona-Verdacht soll definitiv niemand In die Praxen kommen

Stell dir vor, du hast das Coronavirus und wirst damit alleingelassen. Eine Situation, die von der Realität weit entfernt ist, die aber zunehmend von den Menschen so empfunden wird. Weil sie sich im Hin-und-her zwischen Arztpraxen und Gesundheitsamt hilflos und im Stich gelassen fühlen.

  • Neuartiges Coronavirus Sars-CoV-2 breitet sich in Deutschland aus 
  • Neue Coronavirus-Fälle in Bremen und Niedersachsen aufgetaucht 
  • Hin-und-her zwischen Hausarzt und Gesundheitsamt

Syke - „Kommen Sie nicht in die Praxis, wenden Sie sich ans Gesundheitsamt“, heißt es sinngemäß im Aushang an den Eingangstüren der Hausarztpraxen. „Wenden Sie sich an Ihren Hausarzt“, lautet dann oft die Auskunft bei der Hotline des Gesundheitsamts. So hat es jetzt auch ein 47-jähriger Syker erlebt. Obwohl bei ihm sogar der Verdacht bestand, dass er sich tatsächlich mit dem Coronavirus angesteckt haben könnte.

Der Syker, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, schildert: „Ich bin vor gut zwei Wochen beruflich auf einer Messe in Mailand gewesen.“ Als sich nach seiner Rückkehr Grippesymptome zeigten und mit der Zeit schlimmer wurden, wollte er sich auf eine mögliche Ansteckung mit dem Coronavirus testen lassen. Wie allgemein überall empfohlen, rief er beim Gesundheitsamt an. „Am Telefon bestätigte man mir: Ja – ich könnte tatsächlich noch innerhalb des Risikozeitraums sein. Ich solle mich wegen eines Abstrichs an meinen Hausarzt wenden.“ Allerdings war der Mann schon lange nicht mehr krank. „Aktuell habe ich gar keinen Hausarzt“, sagt er.

Coronavirus: Hin-und-her zwischen Hausarzt und Gesundheitsamt

Wenn alle Stricke reißen, solle er es im Krankenhaus versuchen, habe die Empfehlung der Hotline gelautet. Daraufhin rief er im Krankenhaus Bassum an. „Die haben mich eindringlich gebeten, nicht herzukommen.“ Er solle sich an seinen Hausarzt wenden. Oder ans Gesundheitsamt.

Mit Corona-Verdacht soll definitiv niemand In die Praxen kommen, soweit sind sich Hausarzt Piet Lueßen...

„Ein erneuter Anruf beim Gesundheitsamt ergab die Auskunft: Dann bleibt ja nur die Möglichkeit, sich einen Hausarzt zu suchen“, erzählt der Mann. „Ich habe also rumtelefoniert.“ Insgesamt zwei Tage lang. Bei Praxen in Syke, Bassum und Sulingen. „Die Antwort war immer gleich: Entweder waren die Praxen voll und nehmen keine neuen Patienten mehr auf oder sie waren nicht ausgerüstet. Ich möge mich doch ans Gesundheitsamt wenden.“ Doch ein abermaliger Anruf dort brachte den Mann keinen Schritt weiter.

„Ich habe dann erstmal meinen Personalchef informiert – ich konnte mich ja nicht mal krankschreiben lassen – und der hat dann selbst auch nochmal mit dem Gesundheitsamt telefoniert. Daraufhin bekam ich vom Amt einen Rückruf: Schon etwa 20 Personen, mit denen ich zusammen in Mailand war, seien negativ getestet worden. Von daher gehe man davon aus, dass auch ich negativ wäre. Dabei ist es dann geblieben.“

(Update, 7.3.: Im Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus will das Land Niedersachsen mobile Einsatzteams zusammenstellen.)

Coronavirus: Bürger wissen nicht mehr weiter

Der Mann ist kein Einzelfall. Das bestätigt Andrea Schwithal. Ihr Mann ist Allgemeinmediziner und seit knapp zwei Jahren im Ruhestand. „Trotzdem rufen bei uns vermehrt Menschen an, die vom Hausarzt ans Gesundheitsamt verwiesen werden und vom Gesundheitsamt an den Hausarzt. Die wissen nicht mehr weiter und fragen uns, an wen sie sich jetzt wenden sollen.“

... und Landrat Cord Bockhop einig. Für viele Menschen bleibt trotz zahlreicher Telefonate aber unklar, wo sie sich auf das Virus testen lassen können. 

„Da ist erstmal der Arzt zuständig“, sagt Landrat Cord Bockhop. „Die Krankenhäuser haben einen Versorgungsauftrag und die Hausärzte haben einen Versorgungsauftrag. Wir haben im Gesundheitsamt keine Test-Kits. Wir verfügen über eine begrenzte Zahl, die wir auf drei Krankenhäuser verteilt haben.“

So sollte das allerdings nicht sein. Piet Lueßen betreibt gemeinsam mit seiner Frau Maren und mehreren angestellten Ärzten drei Hausarztpraxen in Heiligenrode, Barrien und Syke. Er sagt: „In den Praxen soll definitiv nicht getestet werden. Das ist die Vorgabe der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und der Kassenärztlichen Vereinigung. Die Absprache lautet: Die Gesundheitsämter testen selbst.“

In anderen Landkreisen hätte in einem Fall wie dem des 47-jährigen Sykers ein Mitarbeiter des Gesundheitsamts bei einem Hausbesuch den für einen Test erforderlichen Abstrich genommen.

Coronavirus: Keine Abstriche in Krankenhäusern oder Arztpraxen

Dass der Mann vom Krankenhaus abgelehnt worden ist, findet Piet Lueßen dagegen richtig und sinnvoll. „Wenn der Test positiv ausgefallen wäre, hätten alle Kontaktpersonen in Quarantäne gehen müssen. Dann hätten sie die ganze Abteilung zwei Wochen lang zumachen müssen.“ Genau so etwas gelte es aber zu verhindern. „Das Beispiel China zeigt uns sehr deutlich: Je mehr Infizierte es gibt, desto stärker steigt die Sterblichkeitsrate. Das hat etwas mit erschöpften Ressourcen zu tun. Das heißt für uns, wir müssen auf Teufel komm raus verhindern, dass wir das medizinische Personal gefährden.“

Aus dem gleichen Grund sei es auch sinnvoll, keine Abstriche in Hausarztpraxen vorzunehmen. „Wenn eine einzelne Praxis 14 Tage ausfällt, wäre das kein Problem. Wir können aber nicht die Hälfte aller Praxen im Landkreis schließen.“

Piet Lueßen fasst die Abläufe zusammen: „Wer meint, dass er sich mit angesteckt haben könnte, soll seinen Arzt, das Krankenhaus oder das Gesundheitsamt anrufen – und sich dann auf die Einschätzung verlassen, die er dort zu hören bekommt.“

Das mag vielleicht nicht jeden zufriedenstellen, räumt der Mediziner ein. Aber: „Bislang haben wir noch keinen einzigen begründeten Verdachtsfall im Landkreis. Und wir können nicht jeden auf das Coronavirus testen, der ein leichtes Kratzen im Hals hat. Alles ist knapp. Das Material und die Laborkapazitäten. Und wir müssen mit den begrenzten Ressourcen vernünftig umgehen.“

P.S.: Im Gesundheitsamt selbst war gestern Nachmittag niemand mehr zu erreichen. Die Corona-Hotline macht Freitag um zwölf Wochenende. Liebes Gesundheitsamt: Das Virus arbeitet durch.

Die Symptome einer Coronavirus-Erkrankung ähneln denen einer Erkältung mit Husten und Schnupfen. In schweren Fällen treten Infektionen der unteren Atemwege und Lungenentzündungen auf.

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