Wintersemester soll "normal" werden

Corona-Aus für 265 VHS-Kurse im Kreis Diepholz

Thomas Hermenau, pädagogischer Direktor der VHS im Landkreis Diepholz, erarbeitet mit seinen Mitarbeitern zweimal im Jahr ein neues Programm.
+
Thomas Hermenau, pädagogischer Direktor der VHS im Landkreis Diepholz, erarbeitet mit seinen Mitarbeitern zweimal im Jahr ein neues Programm.

Die Pandemie hat die Arbeit der Volkshochschule (VHS) im Landkreis Diepholz extrem verändert. Analoge Kurse mussten wegen Corona gestrichen, unterbrochen oder verschoben werden. Was das vor allem für die Dozenten und den kreiseigenen Bildungsbetrieb selbst bedeutet, das erläutert VHS-Direktor Thomas Hermenau im Interview. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Hermenau, wie viele Kurse konnten coronabedingt nicht stattfinden?
Wegen Corona sind in der Zeit zwischen dem 13. März und dem 31. Juli 265 Kurse ausgefallen. Hinzu kommen 212 Kurse, die aufgrund von Corona entweder abgebrochen, vorzeitig beendet oder verschoben werden mussten. Man kann sagen, dass etwa die Hälfte aller Kurse der VHS im Landkreis Diepholz betroffen waren.
Wie viele Dozenten haben dadurch ihre Aufträge verloren?
Unser System listet 138 Dozentinnen und Dozenten dabei auf, im Schnitt verliert jeder Dozent also rund zwei Kurse. Auf unserer Liste haben wir insgesamt 700 Dozenten. Für viele von ihnen ist der finanzielle Aspekt unerheblich. Sie möchten einfach ihr Wissen weitergeben.
Bekommen sie trotzdem eine finanzielle Entschädigung?
Weil es ein Zubrot ist, hatten wir gar nicht so viele Anfragen nach finanzieller Unterstützung. Aber es gibt bestimmt Einzelfälle, in denen es schmerzlich war. Die Dozenten können die Unterstützungsangebote des Bundes beziehungsweise des Landes Niedersachsen für Soloselbstständige in Anspruch nehmen. Wir haben darauf auf unserer Homepage sowie auf Anfrage hingewiesen und Auskunft erteilt. Die Zuständigkeit sowie das Antrags- und Genehmigungsverfahren liegt nicht in unserer Hand. Unser Beitrag liegt vor allem in der Information und Bereitstellung von Nachweisen, die Ausfallveranstaltungen und damit entgangene Honorare belegen.
Reicht die Hilfe aus?
Nach unseren Erkenntnissen sind diese Hilfsangebote häufig nicht ausreichend, die bundesweite Diskussion in den Medien zu Hilfsangeboten für Soloselbstständige zeigt dies deutlich – denken Sie nur an die vielen Kulturschaffenden, die freiberuflich davon leben müssen. Es ist insgesamt zu beachten, dass Dozenten bei uns nebenberuflich auf Honorarbasis tätig sind, sie also durch ausgefallene Honorarzahlungen in keine finanzielle Notlage kommen dürften. Die bereits genannten Zahlen zu ausgefallenen Kursen pro Dozentin beziehungsweise Dozent zeigen dies auch.
Gibt es Kurzarbeit auch bei der VHS – oder in einem kreiseigenen Betrieb nicht?
Es gab im Landkreis Diepholz und damit auch bei den Eigenbetrieben keine Kurzarbeit. Das Arbeitsaufkommen bei der VHS ist durch die Ausnahmesituation durch die Corona-Pandemie eher gestiegen. Kurse und Veranstaltungen mussten planerisch und administrativ neu angefasst werden. Dies betrifft Kursunterbrechungen und -abbrüche sowie die Entwicklung und Realisierung von digitalen Angeboten und Veranstaltungen nach dem Lockdown. Nach diesem Lockdown sind bei uns rund 150 Kurse in Präsenzform gestartet. Bei der Wiederaufnahme von Kursen mussten eine Vielzahl von Veranstaltungsorten dem Hygienekonzept angepasst und Kurse dementsprechend modifiziert werden – insbesondere in Bezug auf Höchstgrenzen von Teilnehmerzahlen. Darüber hinaus haben wir wie gewohnt das neue Semester geplant – online ist es über unsere Homepage bereits veröffentlicht und Anmeldungen sind schon möglich. Die Druckausgabe erscheint dann am 5. August.
Gab es digitale Lösungen wie Online-Kurse oder Online-Lernen?
Ja, immer dort, wo die Veranstaltung es hergibt und Dozentinnen und Dozenten sich dazu bereit erklärt haben. Beispielsweise im Sprachbereich, im Bewegungsbereich, im Bereich Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache, im zweiten Bildungsweg und im Prüfungsbereich. Hier liegen wir momentan bei etwas über 30 Onlineangeboten.
Gibt es dafür Grenzen?
Die Erfahrung ist, dass nicht alle Kurse gleichermaßen geeignet sind. Beispielsweise macht ein Kochkurs oder ein Kreativangebot im gestaltenden Bereich online wenig Sinn. Wir sind aber froh, einen guten Einstieg in Digitalangebote realisiert zu haben und Herausforderungen besser sehen zu können. Dies fängt bei den Digitalportalen an: Wir arbeiten mit der VHS-Cloud des Deutschen Volkshochschulverbandes und mit Circuit. Momentan implementieren wir „Ilias“, ein Portal, mit dem auch viele Universitäten arbeiten.
Welche Herausforderungen sind zu meistern?
Der Kompetenzzuwachs in unserem Hause ist in dieser kurzen Zeit erheblich gewesen. Mitte kommenden Jahres können wir durch interne Personalgestaltung eine zusätzliche Fachkraft für den Bereich Digitalisierung einstellen – davon versprechen wir uns einen weiteren Professionalisierungsschritt. Wir wissen aber auch, dass viele Menschen bei Kursen großen Wert legen auf das Zusammenkommen in einem Raum. Sie brauchen das soziale Miteinander, um zu kommunizieren. Das ist einfach ein wichtiges Element der Erwachsenenbildung.
Welche Einnahmeverluste muss die VHS schultern?
Als öffentlich geförderte Einrichtung der Erwachsenenbildung sind wir finanziell solide aufgestellt. Die direkten Kosten unserer Kurse und Veranstaltungen werden in der Regel durch Teilnahmegebühren gedeckt. Der gesamte „Overhead“ wird durch die öffentliche Förderung abgedeckt. Aus diesem Grund sind unsere Teilnahmegebühren vergleichsweise niedrig. Ausgefallene Kurse berühren die Finanzlage der VHS insgesamt wenig.
Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Was uns in diesem Zusammenhang vielmehr beschäftigt ist, dass durch die Einschränkungen der Coronakrise das Angebot für die Menschen im Landkreis nicht in gewohnter Weise durchgeführt werden konnte. Dafür arbeiten wir, für ein umfangreiches und vielseitiges Programm, das die Menschen wünschen und zu Recht von uns erwarten können.
Es gibt also keinen finanziellen Druck?
Mit Blick in die VHS-Landschaft insgesamt muss man sagen, dass die auskömmliche Finanzausstattung nicht für alle Volkshochschulen gilt. An anderen Orten ist der Finanzdruck erheblich höher, weil sich Kommunen und Landkreise finanziell unzureichend an dieser wichtigen Säule der Erwachsenenbildung in öffentlicher Verantwortung beteiligen. Häufig müssen Volkshochschulen mit Kursen Gewinne erwirtschaften, um existieren zu können.
Für mich ist dies nicht nachvollziehbar, spätestens nach der Flüchtlingssituation ab 2015 müsste jedem politischen Verantwortungsträger klar sein, wie unverzichtbar Volkshochschulen zum Beispiel bei der Integration von Menschen sind. Dies gilt für andere Angebotssparten in ähnlicher Form. Weiterbildungskurse, zum Beispiel für Schulabschlüsse, sind bei uns auch nicht kostendeckend. Aber das ist politisch gewollt und gut, um einen leichten Zugang zu diesen Angeboten zu schaffen.
Läuft im nächsten Semester wieder alles normal?
Wir haben das Semester „normal“ geplant. Dabei haben wir die Höchstbelegung bei den Teilnehmerzahlen auf das aktuelle Hygienekonzept ausgelegt. Sollte sich die Situation entspannen und die Abstandsregeln fallen, können wir weitere Interessenten, die wir auf Wartelisten pflegen, in den jeweiligen Kurs einbuchen – also bitte weiter anmelden, auch wenn der Kurs zunächst ausgebucht aussieht! Wir haben aus der Erfahrung des Lockdowns aber auch mehr Onlineangebote im Programm. Durch die bisherigen Erfahrungen und Kontakte mit Teilnehmenden ist auch sichtbar geworden, dass Onlineangebote eine Ergänzung und Bereicherung sein k��nnen. In vielen Teilen ist jedoch der soziale Kontakt durch physisches Zusammenkommen unersetzbar. Dies ist bei einer VHS-Veranstaltung nicht anders als im normalen Leben auch.
Denkt die VHS über digitale Lösungen im großen Stil nach?
Wie gesagt: Digitale Lösungen sind eine Bereicherung und Ergänzung, ersetzen können sie Präsenzveranstaltungen häufig nicht. Allerdings hat die Coronasituation hier wie ein Katalysator gewirkt, die Chancen und Möglichkeiten der Digitalisierung sind in kurzer Zeit deutlich geworden und wir werden sie weiter ausbauen und nutzen.

Das Programm der VHS im Landkreis Diepholz ist im Internet einsehbar. Gedruckt erscheint das neue Heft am 5. August und liegt öffentlich aus.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Emmys: Viel Kritik an Trump - und eine deutsche Siegerin

Emmys: Viel Kritik an Trump - und eine deutsche Siegerin

Wie werde ich Baumpfleger/in?

Wie werde ich Baumpfleger/in?

Das richtige Make-up bringt Frische ins Büro

Das richtige Make-up bringt Frische ins Büro

"Super-Poga" als Sieger am Ziel - "Fühlt sich verrückt an"

"Super-Poga" als Sieger am Ziel - "Fühlt sich verrückt an"

Meistgelesene Artikel

Corona-Großtest: Bangen bis spätestens Montag

Corona-Großtest: Bangen bis spätestens Montag

Corona-Großtest: Bangen bis spätestens Montag
Ausbildungsbetriebe aufgepasst: So finden Sie die passenden Azubis

Ausbildungsbetriebe aufgepasst: So finden Sie die passenden Azubis

Ausbildungsbetriebe aufgepasst: So finden Sie die passenden Azubis

Kommentare