Christiane Palm-Hoffmeister auf Spurensuche

„Mein Vater auf Papier“

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Christiane Palm-Hoffmeister mit ihrem neuen Buch „Ende gut. Alles!?“.

Barrien - Von Frank Jaursch. Am 3. Februar 1945 starb in Berlin Roland Freisler, der berüchtigte Präsident des Volksgerichtshofes, bei einem Bombenangriff. Am selben Tag wurde 160 Kilometer südlich, im sächsischen Nossen bei Dresden, ein Mädchen geboren. Die kleine Christiane wuchs ohne Vater auf; erst mit zehn Jahren erfuhr sie, dass er noch lebte und nicht, wie so viele andere, im Krieg gefallen war. Sie war das uneheliche Kind eines verheirateten Mannes gewesen. Eines Richters, der während des Zweiten Weltkriegs ebenfalls am Volksgerichtshof gearbeitet hatte – unter Roland Freisler.

Heute ist Christiane Palm-Hoffmeister 72 Jahre alt. Sie begibt sich in ihrem neuen Buch „Ende gut. Alles!?“ auf Spurensuche. „Es ist die Suche nach dem wahren Wesen meines Vaters“, umschreibt die Barrierin das Projekt, mit dem sie sich in den vergangenen zwei Jahren intensiv beschäftigt hat.

Was war ihr Vater, den sie nur „vielleicht sechs-, achtmal getroffen“ hat, für ein Mensch? Ein Mann, der seine Geliebte schwängert und doch bei Ehefrau und Baby bleibt. Ein Lügner und Vertuscher, der sich stets als Ehrenmann darstellen wollte? Oder ein heimlicher Romantiker, der seiner Karriere die Liebe seines Lebens opfert?

Ihr Leben lang, so schildert Christiane Palm-Hoffmeister, war ihr Vater immer sehr weit weg von ihr. Sie bezeichnet ihn als „mein Vater auf Papier“. Vor zwölf Jahren, nach dem Tod von Mutter und Vater, fand Palm-Hoffmeister einen Haufen Briefe ihres Vaters an ihre Mutter, der ihrem Bild von ihrem Erzeuger eine ganz neue Facette verpasste. Es waren Liebesbriefe und Gedichte, so voller Gefühl und Tiefe.

Fast ein Jahrzehnt „auf den Briefen gesessen“

Fast ein Jahrzehnt lang „hab ich auf den Briefen gesessen und keine Idee gehabt, wie ich es verarbeiten könnte“, schildert sie. Vor zwei Jahren begann sie mit der Arbeit an ihrer „Romancollage“. Schrieb zahlreiche kleine Fragmente, mehrere größere Kapitel. Zwischendurch verbrachte sie immer wieder Zeit mit Korrespondenz, mit Recherchearbeit, mit dem Wühlen in Archiven. „Ich wollte zu einem gerechten Urteil kommen“, sagt sie.

Ihre Untersuchungen seines Lebens brachten erstaunliche Wendungen zutage. Im Rahmen der Entnazifizierung nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er entlastet; im Gegensatz zu vielen anderen NS-Richtern aber bekleidete er fortan nie wieder ein Richteramt – „obwohl er nach 1945 so gerne wieder Richter werden wollte“.

Warum? Palm-Hoffmeister forschte nach. In Unterlagen zu seinem Fall stieß sie auf Namen, die sie kannte: Entlastungszeugen aus Widerstandsgruppen. War der Richter etwa heimlich im Widerstand aktiv?

Der Zeitgeist der 1950er-Jahre war es, der den Karriereplänen des Juristen im Weg gestanden haben könnte. Bei ihrer Recherche erfuhr die Barrierin viel über die Moral jener Zeit: „Kinder von Widerstandskämpfern wurden offen gemobbt“, nennt sie ein Beispiel. Wer sich den Nationalsozialisten widersetzt hatte, bekam noch lange den Makel des Vaterlandsverräters verpasst.

„Ich bin eine Last los“

„Ich habe selber viel gelernt“, sagt sie, „und ich hoffe, das auch dem Leser auf lebendige Art näher zu bringen.“

Das üppig mit Fotos illustrierte Buch stellt die Briefe und die zeitlichen Zusammenhänge gegenüber, Lücken im Wissen füllte Palm-Hoffmeister mit Fiktion aus. Dem Buch hat sie den Untertitel „Eine heimliche Liebe in Zeiten des Krieges“ verpasst. Es entführt den Leser in eine eigenartig widersprüchliche Zeit, nähert sich einem eigenartig widersprüchlichen Menschen. Und so stellt sich auch der eigenartig widersprüchliche Titel „Ende gut. Alles?!“ als passend heraus.

Für Christiane Palm-Hoffmeister selbst war der Weg eine wichtige Aufgabe. „Ich bin eine Last los“, räumt sie ein. Wer neugierig geworden ist, bekommt in den kommenden Monaten bei zwei Lesungen die Gelegenheit, Auszüge zu hören. Am 21. November liest die Autorin gemeinsam mit Schauspieler Martin Heckmann in der Twistringer Bücherei, am 24. Januar ist das Duo zu Gast in der Stadtbibliothek Syke.

Das 158 Seiten starke Buch ist im Kellner-Verlag erschienen und kostet 16,90 Euro.

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