„Jede Orgel ist anders“

Drei Tage Konzert-Vorbereitung: Chris Jarrett nimmt seinen Job sehr ernst

Chris Jarret an der Orgel in der Syker Christuskirche, er macht sich Notizen.
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Chris Jarrett in seinem Element: Akribisch macht sich der Pianist und Komponist Notizen zum Instrument, das er am Samstagabend spielen wird: die Orgel in der Christuskirche. Drei Tage nimmt sich der Musiker Zeit, um sie kennenzulernen.

Gewissenhafte Vorbereitung auf neue Musik: Chris Jarett macht sich Tage vor dem Konzert mit der Orgel in der Syker Christuskirche vertraut.

Syke – Viel gewissenhafter kann man sich schon gar nicht mehr vorbereiten: Am Samstag spielt Chris Jarrett in der Christuskirche ein Konzert (Beginn: 20 Uhr, Gastgeber ist der Konzertverein JFK). Bereits Donnerstag saß er auf der Empore, um sich mit der Orgel vertraut zu machen. Und zwar nicht nur für ein halbes Stündchen.

Drei Tage Vorbereitung für ein Konzert – ist das nicht ein unverhältnismäßiger Aufwand? Gegenfrage Chris Jarrett: „Wie lange braucht denn normalerweise ein Komponist, um eineinhalb Stunden Musik zu schreiben? Monate! Hier entstehen eineinhalb Stunden Musik in drei Tagen.“

Das, was Jarrett in seinem aktuellen Konzertprogramm „New Journeys“ spielt, ist tatsächlich neue Musik. Nicht im Sinne von Zwölfton und atonaler Komposition, sondern ganz wörtlich neu, frisch, gerade eben entstanden. „Ich bin jetzt eine Stunde hier und habe schon zwei neue Stücke entworfen.“ Grundlagen, die er beim Konzert als Gerüst benutzt und darüber frei improvisiert. Und auch wenn das zunächst wie ein Widerspruch wirkt: Dieses freie Improvisieren erfordert ein Mindestmaß an Vorbereitung.

„Jede Orgel ist anders“, erklärt Chris Jarrett. Die Registratur, die Pedale, das Volumen und nicht zuletzt die Pfeifen. Darauf muss er sich einstellen. „Weil die Klänge anders ausfallen.“ Wann er welche Register ziehen muss, notiert er akribisch. Allein schon, damit das dann im Konzert schneller geht. „Sonst gibt es zu große Längen.“ Seine Entwürfe hat er digital mitgeschnitten. „Damit ich nicht vergesse, wie sich’s anhört“, sagt er mit einem augenzwinkernden Lachen.

„Harry-Potter-Musik könnte ich einfach so spielen“, sagt Chris Jarrett. „Aber wenn man in die Kirche geht, geht es um Inhalte. Es ist wichtig, dass man aussteigt aus dem engen Rahmen des Alltäglichen, um neue Fantasie zu finden. Viele vergessen, dass es mehr gibt als Konsum. Meine Musik soll Anstöße geben, dass man weiter denkt.“

Chris Jarrett ist in Pennsylvania aufgewachsen. In einer religiösen Familie, heißt es meist in den Medien. „Ich würde die nicht als religiös bezeichnen“, sagt er selber. „Meine Eltern waren Christliche Wissenschaftler. Markenzeichen ist, dass Christliche Wissenschaftler nicht zum Arzt gehen. Das haben sie mit den Zeugen Jehovas gemeinsam. Ich finde, das hat nichts mit Religion zu tun, für mich ist das eher esoterisch. Da glaubt man ja auch, dass man Krebs mit Kürbiskernen heilen kann.“

Den Großteil seines Lebens hat Chris Jarrett in Deutschland verbracht. Rund zehn Jahre davon in Oldenburg. „Mein bester Freund an der Uni in den USA kam aus Westerstede“, erzählt er. Den ist er eines Tages mal besuchen gekommen – und dann dageblieben. „Oldenburg war die nächste größere Stadt. Erst hab ich dort studiert und dann später selbst an der Uni gelehrt.“ Inzwischen lebt Chris Jarrett mit seiner Familie im Pfälzer Wald. „Ober ik kan beter Platt proten as Pälzisch.“

Pennsylvania – da stammt er zwar her. „Aber Pennsylvania ist sicher nicht meine Heimat. Die USA sind ein sehr gewalttätiges Land – in jeder Hinsicht. Das ist kein Land, das man als Heimat haben möchte. Trump repräsentiert einen Großteil der Bevölkerung, das darf man nicht vergessen.“ Nordwestdeutschland hat er dagegen von Anfang an als „wohltuend erfrischend“ empfunden, und Jarrett meint damit nicht das Wetter.

„Erfrischend“ ist nun eigentlich nicht die Assoziation, die die Einheimischen am ehesten mit der norddeutschen Provinz verbinden. Doch schon eher miefig-piefig. „Aber die Leute halten zusammen. Es gibt große Solidarität und Hilfsbereitschaft. Wenn man aus einem Land, wo immer jeder gegen jeden ist, in ein Land kommt, wo die Leute miteinander auskommen, dann ist das erfrischend. Ich war nach zwei Wochen ein völlig anderer Mensch.“ Chris Jarrett fällt ein Beispiel ein: Er erzählt von einer Tour mit Freunden durch die Oldenburger Kneipen. Irgendwann hatte sich ein Fremder der Gruppe angeschlossen, wohl das, was man gemeinhin einen Schnorrer nennt. „Der hat nicht eine Runde bezahlt und alle eigentlich nur genervt. Aber der wurde nicht ausgestoßen. Die Clique hat dann einen Platz für ihn gefunden, wo er nicht gestört hat. Das ist das, was mir in den USA mein Leben lang gefehlt hat. Man wird als Mensch behandelt, und nicht als Abfall.“

Chris Jarretts ältester Bruder ist Keith Jarrett, und der gilt als der gegenwärtig am stärksten stilprägende Pianist der Jazz-Szene. Ist das nicht eine Bürde, so einen Über-Bruder zu haben, wenn man selber praktisch im gleichen Metier arbeitet und selbst als Musiker seine Duftmarken setzen möchte? „Ich bin da eigentlich eher stolz drauf“, sagt Chris Jarrett. „Ich hab zum Beispiel gerade seine Biografie ins Deutsche übersetzt.“ Nervig wird es nur, wenn Chris Jarrett Workshops gibt. „Weil die Leute denken: Jarrett = Jazz. Und ich muss dann immer 20 mal erklären: Nein, es geht nicht um Jazz, es geht um freie Improvisation. Das hat mit Jazz gar nichts zu tun.“

Infos zu Konzert und Kartenverkauf

www.jfk-syke.de

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