Carl Cordes hatte als Barrier Bürgermeister nach dem Krieg die Aufgabe, Flüchtlinge in den Häusern zu verteilen

Als schon alles voll war, kamen noch mehr

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Carl Cordes mit seiner Ehefrau Sofie.

Barrien - Gut 200 Flüchtlinge hat Syke derzeit, bis Ende Januar sollen bis zu 190 weitere hinzukommen. Gemessen an den vergangenen Jahren, sind das enorm viele Personen. Gemessen an den Belastungen in der Nachkriegszeit mutet der derzeitige Flüchtlingsstrom aber geradezu winzig an.

Unser Mitarbeiter Heiner Büntemeyer nimmt die aktuelle Situation zum Anlass, um an einen Zeitzeugen zu erinnern, der die Flüchtlingsmassen im Syke der Nachkriegszeit miterlebte. Carl Cordes sorgte als Bürgermeister von Barrien (1945 bis 1947) dafür, dass Flüchtlinge unterkamen. Die Folgen seiner mitunter unpopulären Entscheidungen bekam er noch Jahrzehnte später zu spüren.

Es gab auch in den schwierigen Zeiten Menschen, die sich mühten, wieder eine Ordnung aufzubauen und Regeln aufzustellen, an die sie glaubten und an denen sich die Menschen wieder orientieren konnten. Einer von ihnen war Carl Cordes.

Der Barrier war bei Kriegsende 29 Jahre alt und wegen einer Beinverletzung nicht im Krieg gewesen. Ohne eigenes Zutun ernannten die Engländer ihn nach dem Krieg zum Barrier Bürgermeister. Zuvor hatte er nie etwas mit Verwaltung zu tun gehabt. Jetzt wurde er aufgefordert, sich bei der Militärverwaltung in Syke einzufinden.

Der bis zu diesem Zeitpunkt amtierende Barrier Bürgermeister hätte den Posten gerne behalten, war aber wohl „belastet“. Er war über seine Nicht-Ernennung unzufrieden. „Von ihm hatte ich keine Unterstützung zu erwarten. Er hat mir einfach nur die Papiere übergeben,“ erinnerte sich Cordes.

Seine erste Amtshandlung bestand darin, einen „Wohnungsausschuss“ zu bilden. Der hatte die Aufgabe festzustellen, wo Zimmer oder ganze Wohnungen frei waren. „Wir wussten damals noch gar nicht, wie viele Flüchtlinge kommen würden,“ berichtete Cordes.

Die Flüchtlinge wurden den Barriern aus Syke zugewiesen. Als alles voll war, kamen immer noch welche. Und sie alle mussten untergebracht werden. Ein Zimmer für zwei Personen war damals völlig normal.

Vorwurf: „Handlanger“ der Besatzungstruppen

Natürlich machte Carl Cordes sich bei den Einheimischen durch diese Aufgabe, die er nicht angestrebt hatte, sehr unbeliebt. Wie oft bekam er zu hören: „Wi willt keene Fremden hebben.“ – „Dar geiht dat nich na“, war seine Antwort.

Als Bürgermeister musste er auch die Schlachtekartei führen. Hinrich Schröder vom Schwarzen Berg war der amtliche Wieger. Trotzdem stand Carl Cordes immer mit mindestens einem Bein im Gefängnis, weil jeder wusste, dass gut gewogen und oft schwarz geschlachtet wurde – trotz strenger Kontrollen. Seine „Amtskollegen“ waren Heini Meyer in Leerßen, Dirk Meyer in Okel und Bolten-Vadder in Osterholz. Mit ihnen besuchte er Schulungen der Militärverwaltung. Gemeinsam suchten sie aber auch nach Wegen, um die strengen Auflagen zu umgehen. So erhielt Cordes von Bolte den Tipp, die Schlachtekartei mit Bleistift zu führen. ,,De kannst wedder uutradiern, wenn de Kontrolleur weg is.“

Aber auch der „Buschfunk“ funktionierte damals schon. Wenn die Schlachtekartei von der Landesprüfstelle kontrolliert werden sollte, erhielt Cordes den Anruf von Hermann Heusmann aus Kreuzkrug, der die Ausgabe der Lebensmittelmarken überwachte. Cordes informierte dann seine Kollegen.

Einmal kamen die Prüfer so überraschend, dass keine Zeit mehr blieb, kleine „Unklarheiten“ in der Kartei zu beseitigen. Als die Situation fast schon brenzlig zu werden drohte, durchzog der Duft von fetten Bratkartoffeln die Wohnstube. ,,Hunger hatten sie alle,“ hatte Sophie Cordes festgestellt, und beim Bratkartoffelessen wurden alle Unklarheiten ausgeräumt.

Dass die Kommunikation so gut klappte, verdankte Cordes auch dem Umstand, dass er in Barrien als Maschinist bei der Feuerwehr einen verantwortungsvollen Posten besetzte und deshalb mit einem Telefon ausgerüstet war. „Bei mir lief bei einem Alarm oder einem Einsatz alles zusammen“, erklärte er. Und die Telefonverbindungen waren sofort nach Kriegsende wieder freigeschaltet worden.

Selbst wenn er etwa die Schlachtekartei recht großzügig führte, für die Bevölkerung war er dennoch der Handlanger der Besatzungstruppen. ,,Ich konnte nie etwas den Leuten zuliebe tun. Immer musste ich mit Härte vorgehen. Das hält man nicht durch“ blickte er zurück.

Wie das geschah, machte er an einem Beispiel deutlich: „An einem Sonnabend Nachmittag kam ein Nachbar. Er trat ohne Gruß ein.“ „Ick bruuk Schoh“, forderte er. Cordes zeigte ihm den Packen der Anträge auf Schuhe, den er vor sich liegen hatte und die er nur auf Bezugsschein ausgeben durfte. Da er nur ein Paar Schuhe im Monat zugeteilt bekam, machte er seinem Gast unmissverständlich klar: „Wi hebbt so veele Flüchtlinge. Wenn ick wedder een Paar krieg, kriegst du noch lang keen af.“

Seine „Dienstreisen“ erledigte er stets per Rad. Er hatte zum Dienstantritt ein neues Fahrrad, das „Bürgermeisterrad“, erhalten. In den letzten Monaten seiner Tätigkeit als Bürgermeister hatte Cordes mit Heini Harries auch schon einen Gehilfen, der als Schriftführer für die Gemeinde tätig war.

Mit der Verwaltungsreform von 1947 gab Carl Cordes sein Amt auf. „Das habe ich nie bereut. Ich hätte hauptamtlich bleiben können, aber ich hatte die Nase voll,“ erklärte er.

Cordes hat danach nie wieder ein politisches Amt übernommen. Nur noch in der Feuerwehr und im Kirchenvorstand war er später ehrenamtlich tätig.

Aber noch 1988, also 40 Jahre später, holte ihn die Vergangenheit wieder ein. Als er im Zuge der Volkszählung bei einer Familie Auskünfte haben wollte, wurden ihm die verweigert. Der Familienvater hatte Carl Cordes immer noch nicht verziehen, dass Cordes bei ihm Flüchtlinge einquartiert hatte.

Carl Cordes starb 2002.

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