„Bevor es in Beton gegossen wird“

Ausschuss-Mitglied plädiert in Offenem Brief gegen Hallenbad-Bebauung

Mehrere Fotos zeigen in einer Collage Insekten und Schmetterlinge.
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Mit dieser Bildzusammenstellung will Ausschussmitglied Inga-Brita Thiele für den Erhalt des Hallenbad-Areals im unbebauten Zustand werben. Sie selbst sagt: Die Fotos stammen vom Hallenbadareal, aber mit „eineinhalb Ausnahmen“: Der Ringelnatter und dem Turmfalken. Der Turmfalke habe sich erst auf dem Acker auf der anderen Seite des Hohlwegs fotografieren lassen und „die Ringelnatter, die eine Anwohnerin am Hallenbad fand und fotografierte, war leider überfahren worden. Das Foto liegt mir zwar vor, sieht aber nicht so ansprechend aus – deshalb habe ich hier ein Ersatzfoto von Pixabay verwendet.“

Politik und Verwaltung sollen die Idee begraben, die Wiesen zwischen dem Hallenbad und der Straße Am Lindhof als Baugebiet auszuweisen – das fordert Naturschützerin Inga-Brita Thiele. An sich ist das nicht neu. Neu ist die Form, in der sie das macht: In einem offenen Brief an die Fraktionen im Rat der Stadt Syke und an die Bürgermeisterin.

  • Inga-Brita Thiele schreibt Offenen Brief an Politik und Öffentlichkeit.
  • Ihr Anliegen ist der weitgehende Erhalt des Hallenbadareals - im Sinne des Naturschutzes.
  • Ratsmitglieder verweisen auf die noch bevorstehende politische Diskussion.

Syke – Dabei ist Thiele als Vertreterin der Naturschutzverbände selber beratendes Mitglied im Bauausschuss. Warum greift sie also zu diesem Mittel, wenn sie doch das, was sie zu sagen hat, unmittelbar im für diese Sache wichtigsten Fachausschuss sagen könnte?

Weil das Thema aktuell gerade nicht auf der Tagesordnung steht, es seit Sommer aber neue Erkenntnisse gebe, sagt Thiele. Und zwar zum Artenreichtum des Areals. „Unsere Erkenntnisse habe ich der Stadtverwaltung und der Unteren Naturschutzbehörde“ – das ist beim Landkreis Diepholz – „bereits mitgeteilt; ich suchte aber jetzt nach einer Möglichkeit, auch die Fraktionen und die Presse darüber zu informieren – und zwar rechtzeitig, bevor die endgültige Planung in Beton gegossen wird.“

Zahlreiche teils besonders geschützte und gefährdete Schmetterlingsarten seien dort beobachtet worden. „Dazu kommen viele andere teils gefährdete Insektenarten, Vögel, Säugetiere und Reptilien.“ Auf einer neu entwickelten Ausgleichsfläche werde sich eine solche Artenvielfalt nur über viele Jahre hinweg wieder entwickeln, wenn überhaupt.

Inga-Brita Thiele hofft auf besondere Aufmerksamkeit für ihr Anliegen

Inga-Brita Thiele ergänzt: Man könne sich sicher vorstellen, „wie aussichtsreich es wäre, wenn ich versuchen würde, im Bauausschuss eine wohlgesetzte Rede dieser Länge zu halten. Meiner Erfahrung nach führt das dazu, dass die Herren die Augen rollen, sich etwas zu trinken holen und danach erleichtert mit der Tagesordnung fortfahren“. Vom Offenen Brief erhofft sie sich, „dass der eine oder andere die Informationen, Ideen und Fotos einen Augenblick länger auf sich wirken lässt“.

Die Form sorgt bei Politik wie Verwaltung für leichte Irritationen – unangemessen findet man sie aber nicht. „Ungewöhnlich, aber nicht schlimm“, sagt zum Beispiel SPD-Fraktions-Vize und Ratsvorsitzender Karsten Bödeker dazu. „Naturschutz ist offensichtlich ein Thema, das plakativer dargestellt wird als andere. Ob’s hilft oder schadet, weiß ich nicht.“ Ähnlich sehen das auch Bürgermeisterin Suse Laue und Wilken Hartje, der Vorsitzende der CDU/FDP-Gruppe im Rat der Stadt. „Das ist wirklich nicht ungewöhnlich, weil sie sich sehr engagiert. Das ist auch in Ordnung, das kann sie auch“, sagt Hartje.

FWG-Fraktionvorsitzender Andreas Schmidt hat sich mit dem Offenen Brief noch nicht beschäftigen können, da er die gesamte Woche dienstlich unterwegs gewesen ist.

Politische Gruppierungen lassen sich vom Brief bislang nicht beeinflussen

Inhaltlich ändert der offene Brief allerdings wenig bis gar nichts an der Meinung der politischen Gruppierungen: Die Syker Grünen waren und sind ohnehin gegen eine Bebauung des Gebiets. Der Rest ist dafür. Aus vielfältigen Gründen:

Entstehen soll dort ein Mix aus Einfamilien-, Doppel- und Mehrparteienhäusern sowie Sozialer Wohnungsbau. Es wäre das erste größere Baugebiet seit über 30 Jahren, das die Stadt komplett selbst entwickelt und vermarktet. Grund und Boden gehören bereits der Stadt. Und von den erzielten Gewinnen soll die Sanierung des Hallenbads mitfinanziert werden.

Für die SPD ist das „sinnvoll und absolut notwendig“, sagt Karsten Bödeker. „Ein gesunder Mix, den die Stadt in der Hand hat und auf einem citynahen Grund. Wir halten ganz klar daran fest.“

„Multifunktionale Bebauung sinnvoll und ökologisch vertretbar“

Auch CDU und FDP halten „eine multifunktionale Bebauung für sinnvoll und ökologisch vertretbar“, so Wilken Hartje. „Ich kenne die Baufläche noch als Acker. Dann wurde sie irgendwann Grünland und man hat sie 30 Jahre lang vernachlässigt. Und nun soll das vergammelte Grünland wertvoller sein als der Acker?“ Hartje weiter: „Wir haben in Syke schon so viele Flächen der Natur zurückgegeben, da kann man ruhig dort in diesem Bereich die Bebauung in Gang schieben.“

Thieles Kompromissvorschlag, nur den Sozialen Wohnungsbau zu realisieren, und zwar nicht im tiefer gelegenen Areal, sondern entlang der Straße, stößt auf wenig Gegenliebe. „Entweder ganz oder gar nicht“, sagt Wilken Hartje und weist darauf hin: „Wir sind ja erst am Beginn des Beteiligungsverfahrens und da werden sich auch die Grünen und Frau Thiele einbringen. Dann wird der Beratungsprozess zeigen, ob dort eine Bebauung möglich ist oder nicht.“

Karsten Bödeker: „Einwände können die Naturschützer im Rahmen des Planverfahrens vorbringen. Dann wird von Fachleuten abgewogen, und dann muss die Politik entscheiden. Wie bei jedem anderen Baugebiet auch.“

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