Erst Flüchtling, dann Abitur: Dzenana kehrt nach 19 Jahren zurück

Besuch in der Vergangenheit

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Dzenana Mehmedovic (rechts) und Brigitte Greve-Siemers.

Syke - Von Ilse-Marie Voges. „Es hat sich verändert. Syke, meine ich! Aber der Weihnachtsschmuck auf den Straßen, das Ambiente, ist schön anzusehen und geblieben.“ Das hat die Bosnierin Dzenana Mehmedovic festgestellt. Sie war 19 Jahre lang nicht in der Hachestadt, ist nun mit dem Bus aus Sarajevo (25 Stunden bis Hannover) gekommen, um über Weihnachten zu Gast bei ihrer ehemaligen Lehrerin Brigitte Greve-Siemers und deren Familie zu sein.

Dzenana war während des Bosnien-Krieges (1991-1994) mit ihrer Mutter und zwei Schwestern nach Deutschland geflüchtet. In einer Sammelunterkunft in Asendorf lebten die Mehmedovics damals. Der Vater musste während des Krieges als Soldat in Bosnien bleiben, die Kinder gingen in Deutschland zur Schule.

Dzenana war 17 Jahre alt und besuchte die Schule im Berufsbildungscentrum in Syke. „Es gab seinerzeit gerade eine Gesetzesänderung, die es erlaubte, dass auch die Kinder von Flüchtlingen oder Emigranten in deutschen Klassen unterrichtet wurden“, berichtet Brigitte Greve-Siemers.

Hungrig nach Bildung

Ein Sozialarbeiter hatte dafür gesorgt, dass die Kinder einen Platz in der normalen Regelschule bekamen. Drei Schülerinnen galten als besonders intelligent. Sie waren hungrig nach Bildung und sehr gut im Unterricht, erinnert sich die Lehrerin. Eine davon war Dzenana.

Das berufliche Fachgymnasium wurde neu eingerichtet. Die junge Bosnierin war eine gute Mathematikerin und auch sprachlich begabt. „Ich denke, dass mir logisches Denken geholfen hat, Deutsch und andere Sprachen relativ schnell zu lernen“, meint sie. Ihre Prüfungsfächer waren unter anderem Spanisch – und natürlich die Mathematik. 1998 machte sie in Syke ihr Abitur. Eine ihrer Lehrerinnen, Brigitte, war in der Zwischenzeit zu einer Freundin geworden.

Rückkehr in die alte Heimat war ein Schock

Dzenanas Mutter und die Schwestern kehrten nach Kriegsende (1995) nach Bosnien zurück. Sie hatte Heimweh, wollte zurück nach Sarajevo, in diese vormals sehr europäische Stadt mit unterschiedlichen Religionen.

Die Menschen kamen gut miteinander aus, erinnert sich Dzenana, die den Bus nach Hause nahm. In Sarajevo war noch viel zu tun. Das vom Krieg geschüttelte Land mitten in Europa lag in Trümmern und Schutt. Auch Sarajevo. Es war anfangs für Rückkehrer unfassbar: Wo einige Jahre zuvor die Olympischen Winterspiele friedlich und erfolgreich verlaufen waren, zeigte sich anfangs für Rückkehrer die Hauptstadt schockierend.

Job als Dolmetscherin und Übersetzerin

Für Dzenana war ein Arbeitsplatz wichtig. Kein leichtes Unterfangen! Eine Freundin aus Syke vermittelte über einen deutschen Kollegen in Sarajevo Kontakt für die Bosnierin. Der junge Mann sorgte für Unterkunft, denn Dzenanas Eltern waren aufs Land gezogen.

Sie arbeitete anfangs in einem Souvenirladen. Dort entdeckten deutsche Soldaten die hervorragend Deutsch sprechende Bosnierin, boten ihr einen Job als Dolmetscherin und Übersetzerin an. Zwölf Jahre lang war sie für die Bundesrepublik tätig, nebenher studierte sie an der Universität in Sarajevo Germanistik und deutsche Literatur.

Heute ist Dzenana Deutschlehrerin am Goetheinstitut in der Hauptstadt. „Sie könnte auch in Deutschland eine Arbeit als Lehrerin finden“, ist Brigitte Greve-Siemers überzeugt. Denn eine gesicherte Existenz mit all den sozialen Anforderungen gibt es in Bosnien-Herzegowina nicht in ausreichendem Maße.

In Syke willkommen

Heute ist sie 40 Jahre alt und hat nach 19 Jahren einen Syke-Besuch in der für sie schönsten Jahreszeit angestrebt. „Als wir aus Hannover kamen und nach Syke hineinfuhren, war mir die aufwendige Dekoration sofort vertraut“, lächelt sie.

Ihre Lehrerin hat die einstige Schülerin und Freundin inzwischen sieben Mal besucht und in Bosnien Urlaub gemacht. „Ich kann nicht vergessen, was Brigitte für mich getan hat“, sagt Dzenana leise und schaut bewegt ihre Freundin an. Die Bosnierin ist eine kluge, bescheidene und sehr warmherzige Frau, die gute Gespräche zu führen weiß. Sie behält das weihnachtliche Syke aus ihrer Schulzeit und das von heute mit warmen Gedanken im Herzen. Hier ist sie willkommen.

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