Bald nicht mehr Land der Dichter und Denker

Bernhard Hennen bei Namenlosen Tagen: Frust als kreativer Impuls

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Offen, ehrlich, charmant und zugänglich – so begegnete Bernhard Hennen seinen Zuhörern im Jugend- und Kulturzentrum Am Lindhof während der 24. Namenlosen Tage.

Syke - Von Marc Lentvogt. Bernhard Hennen sitzt gut gelaunt im Jugend- und Kulturzentrum Am Lindhof. Dass er von der Leipziger Buchmesse gesundheitlich noch angeschlagen ist, merkt man ihm weder zu Beginn seiner Lesung an, noch zum Ende hin. Zweieinhalb Stunden hat der Stargast der 24. Namenlosen Tage am Freitagabend über seine Bücher, das Erschaffen von Welten und die Rolle der Kulturschaffenden in Deutschland gesprochen.

Nein, eine Absage kam für ihn nie in Frage. „Ich musste nach Syke kommen, sonst hätte ich mich hier nie wieder anmelden müssen“, sagt Hennen und blickt grinsend in Richtung Matthias Müllers, einer der vier Hauptorganisatoren des Fantasy-Events. Nach einer krankheitsbedingten Absage im vergangenen September waren diese Namenlosen Tage ein Pflichttermin für ihn.

Anzumerken ist das dem „Herren der Elfen“ nicht. Er ist in Syke in einem Umfeld, in dem er sich zuhause fühlt. Nach dreizehn Jahren, in denen Bernhard Hennen die Welt der Elfen auf dem Papier zum Leben erweckt hat, liest er am Freitag und Samstag aus seiner neuen Werkreihe: „Die Chroniken von Azuhr“.

Zwei Lesestücke verspricht er am Freitagabend, drei werden es. Das Publikum musste dafür nichts weiter tun, als drei Minuten lang keine Frage zu stellen. „Sie sind ja fast schon Norddeutsche, aber so cool sind sie nicht!“, war Hennen sich sicher, klappte das Buch zu und nahm seine Lesebrille ab, um 180 Sekunden später seine Überraschung gestehen zu müssen: „Das ist mir bisher in 25 Jahren nur einmal passiert.“

Spitze eines schmelzenden Eisberges

Eine neue Qualität gewinnt die Veranstaltung im Anschluss. Zwischen Fragen, ob er lieber eigene Welten erschaffe oder zu bestehenden beitrage („Das Weltenschaffen ist eine Passion von mir.“), wie er schreibt („Es gibt tolle Programme, ich nutze aber nur ein Word-Dokument.“) und ob er zu den Elfen zurückkehrt („Erst in den 2020ern, aber sie werden ein weiteres Regalbrett brauchen.“) wird es politisch.

Unumwegen und für die meisten wohl keine Überraschung, gibt Bernhard Hennen zu, dass er sich getraut hat, die Welt der Elfen und damit den sichersten Weg hin zum nächsten Bestseller verlassen zu haben, weil er ein finanzielles Polster aufgebaut hat, das ihm diesen Spielraum erlaubt. Doch er sitze auch auf „der Spitze eines schmelzenden Eisberges“. „Schreiben kann man, wenn man nicht darauf angewiesen ist, davon zu leben“, erklärt er. Zahlreiche Schriftstellerfreunde haben bereits aufgegeben, andere sind kurz davor.

Das Land der Dichter und Denker tue nichts für seine Kulturschaffenden. Natürlich brauche es eine freie, ungebundene Presse, aber braucht das Saarland mit weniger Einwohnern als Köln tatsächlich einen teuren, eigenen Fernsehsender? Der durchschnittliche Zuschauer des öffentlich-rechtlichen Programmes ist über 60 Jahre alt, referiert er, aber jeder zahlt dafür Rundfunkgebühren. Wie wäre es denn stattdessen mit einer Umlage für alle Kulturschaffenden, schlägt Hennen vor, der seit Jahren mit den „Montagslesungen“ gegen die Schließung einer kleinen Stadtteilbibliothek in Uerdingen (Krefeld) demonstriert.

Frustriert die Lokalpolitik aufgegeben

Die Hoffnung, dass die Politik sich der Thematik „illegale Verbreitung von Büchern und Hörbüchern“ widme, hat er längst aufgegeben. „Da hat keine Partei ein Interesse dran. Das ist so etabliert, da verliert man Wählerstimmen mit – und helfen tut man ja nur einigen wenigen.“

Zweimal hat Hennen selbst sich in der Lokalpolitik versucht, beide Male musste er frustriert aufgeben. Zu fremd waren die Diskussionen und Entscheidungen, die er dabei erlebte, der Welt, die er Tag für Tag sieht. So erhält die Politik Einzug in seine Bücher. „Ich mag den Bezug zu unserer Welt. In Azuhr sind ,Fake-News’ das Thema. Wenn eine Lüge nur überzeugend genug ist, verschwindet die Wahrheit – die Lüge ersetzt sie.“

Theoretisch könnten die Bewohner Azuhrs die Welt in ein Paradies verwandeln, oder ... in einen ganz anderen Ort. Im lauteren und leiseren Gemurmel ist mehrfach der Name Trump zu hören und eine kurze Bedrückung legt sich über die Namenlosen Tage. Denn: So groß die Liebe für die Fantasie dort ist – es gibt Fälle, in denen sie nicht wahr werden sollte.

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