„Pro Asyl“ lädt alle Interessierten zum öffentlichen Fastenbrechen ein

Beim gemeinsamen Essen Gemeinsamkeiten entdecken

Sorgen dafür, dass niemand beim Fastenbrechen hungrig vom Tisch gehen muss: Nuray Tasdelen, Selma Karabulut, Safiye Kapdi und Nerman Erkile. - Foto: Kreykenbohm

Syke - Von Julia Kreykenbohm. In der kleinen Küche im Untergeschoss des Vereins „Pro Asyl“ in Syke herrscht reges Treiben. Das leuchtend rote Fruchtfleisch der saftigen Wassermelonen wird in mundgerechte Stücke geschnitten und Safiye Kapdi rührt mit einer Kelle in einem großen Topf, in dem Linsensuppe vor sich hinblubbert. Sie und weitere Integrationshelferinnen sind seit Stunden damit beschäftigt, alles für die Gäste vorzubereiten. Einige sind schon da und haben sich im Nebenraum zusammengefunden.

Es sind Sunniten, Christen und Aleviten jeden Alters. Unter ihnen sind ehemalige Gastarbeiter, die seit 40 Jahren in Deutschland leben, Flüchtlinge, die erst vor ein paar Monaten im Landkreis Diepholz angekommen sind und zwei Anwohner aus Syke und Bassum. Sobald die Sonne untergegangen ist, wollen sie gemeinsam essen und somit ein Stück muslimischer Kultur feiern: das Fastenbrechen im Monat Ramadan.

„Man hört in den Medien soviel über den Islam und durch die Salafisten wird er als so schlecht dargestellt“, berichtet die Bassumerin, die nicht namentlich in der Zeitung auftauchen möchte. „Ich will mir ein eigenes Bild machen und die Religion näher kennenlernen.“ Das sind Worte, die Rahmi Tuncer freuen, denn genau das ist der Grund, warum „Pro Asyl“ zum öffentlichen Fastenbrechen im Landkreis einlädt. „Jeder ist willkommen und kann Fragen stellen“, sagt der Integrations- und Migrationsberater. Man müsse mehr reden, um Ängste und Vorurteile abzubauen. Gerade vor dem Hintergrund der schrecklichen Dinge, die zurzeit im Namen des Islam verübt werden.

Sie sind auch ein beherrschendes Thema in der Runde. Man spürt förmlich den Druck, der auf den anwesenden Muslimen lastet. Sie wollen darüber reden, klar machen, dass diese Fanatiker nicht für sie und ihren Glauben sprechen. „Idioten“, nennt Tuncer die Salafisten immer wieder und die anderen nicken. „Gerade, wenn sie im Ramadan Anschläge verüben, zeigt das, dass sie nicht nach dem Koran leben.“

In dem Fastenmonat gehe es um Mitgefühl und Solidarität mit Bedürftigen. Man faste, um Gott näher zu sein und bitte um die Vergebung der Sünden. „In diesem Monat dürfte man nicht mal jemanden beschimpfen, denn du sollst dem von Gott geschaffenen Menschen Gutes tun“, so Tuncer.

Er holt ein paar Papiere heraus. Auf ihnen sind zwei Gebete gedruckt, die vor dem Beginn des Essens gesprochen werden sollen. Tuncer hat sie für die deutschen Gäste übersetzt. Die Besucherin aus Bassum liest sie interessiert. „Das ist ja wie bei uns“, stellt sie fest. „Man bittet Gott um seinen Beistand und darum, von Sünden befreit zu werden. Hier steht sogar Amen.“ Für sie beweisen diese Zeilen, dass alle Menschen Kinder des gleichen Schöpfers sind. „Ist doch egal, ob wir ihn Gott oder Allah nennen.“

Gamze Kapdi setzt sich zu der Gruppe. Die 15-Jährige fühlt sich etwas müde, denn sie fastet nun seit drei Tagen. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang isst und trinkt sie nichts. „Ich habe es in den Jahren vorher auch mal versucht, aber nie durchgehalten“, gesteht sie mit einem Lächeln. Dieses Mal aber will sie dabei bleiben. „Die ersten drei Tage sind immer am schlimmsten“, wird sie von den anderen getröstet. Und wenn sie mal einen Tag aussetzt, kann sie ihn später nachholen. „Fasten soll dem Menschen helfen, ihm etwas Gutes tun“, erläutert Tuncer. Nur wer gesundheitlich dazu in der Lage ist, soll daran teilnehmen. Reisende oder Kranke brauchen es nicht.

Die Integrationshelferinnen kommen aus der Küche und fangen an, die Tische zu decken. Mittlerweile sind rund 40 Gäste anwesend und draußen senkt sich die Dunkelheit herab. Wann das Fastenbrechen an jedem Abend beginnt, sagt ihnen ein kleiner Kalender, der extra für den Ramadan herausgegeben wird. Dort ist für jeden Ort eine passende Uhrzeit vermerkt. Er ersetzt quasi den Gebetsruf des Muezzins. Tuncer erhebt sich, begrüßt die Gäste und spricht die Gebete. Dann gibt es einen Teller Linsensuppe, Fladenbrot, Bohnen und dazu Reis oder Salat. Traditionell werden auch Datteln gereicht. „Wer sich die nicht leisten kann, serviert Oliven“, erklärt Tuncer den kauenden Gästen.

Das Gespräch am Tisch wendet sich von der Religion allgemeinen Themen zu. Die Gäste tauschen Erfahrungen und Geschichten aus. „Mein Vater kam 1973 als Gastarbeiter in dieses Land und schwärmte von der Hilfsbereitschaft der Deutschen“, berichtet eine junge Frau. Seitdem habe sich einiges verändert. „Ich habe ein anderes Deutschland kennengelernt als er. Die Menschen haben heute mehr Angst und das zeigen sie, indem sie sich distanzierter verhalten – was man aber auch verstehen kann.“

Es sei schade, dass das Misstrauen solche Gräben gezogen habe und Taten, die von Einzelnen begangen werden, das Zusammenleben von allen vergiften. Auch im Landkreis Diepholz. „Nachdem Daniel S. am Bahnhof in Kirchweyhe getötet wurde und die Rechten diesen Vorfall benutzt haben, um gegen Ausländer Stimmung zu machen, hatte ich oft Angst um meine Kinder, weil man ihnen ansieht, dass sie nicht deutschstämmig sind“, berichtet eine Frau. Obwohl sie selbst in Diepholz geboren und aufgewachsen sei, habe sie plötzlich in Angst gelebt.

Zum Nachtisch kommt ein Stück süßer Grieskuchen auf den Tisch. Dann ist es langsam Zeit, den Heimweg anzutreten. „Das war schön“, strahlt die Frau aus Bassum auf dem Weg zur Tür.

Obwohl man nur wenige Stunden zusammensaß, hat man das Gefühl, sich auch innerlich näher gekommen zu sein.

Termine

Der Verein „Pro Asyl“ lädt alle Interessierten zum öffentlichen Fastenbrechen ein. Die Termine sind: Mittwoch, 15. Juni, ab 20 Uhr in Sulingen, Lange Straße 12; Montag, 20. Juni, ab 21.30 Uhr in Barnstorf, Bahnhofstraße 16 und Mittwoch, 22. Juni, in Diepholz, Moorstraße 54.

Aus organisatorischen Gründen ist eine Anmeldung zu den Fastenbrechen-Abenden erforderlich. Interessierte können sich unter Telefon 05442/804530 oder per E-Mail unter rahmi-tuncer@welthaus-barnstorf.de melden.

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