Serie Friedhofsleben

Bei Grabsteinen geht der Trend zum Extravaganten

Grabsteinarchiv: Der Mellinghauser Friedhof entsorgt keine Grabsteine mehr, sondern stellt sie aus.
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Grabsteinarchiv: Der Mellinghauser Friedhof entsorgt keine Grabsteine mehr, sondern stellt sie aus.

Schlicht oder kunstvoll? Klein oder groß? Stehend oder liegend? Günstig oder kostspielig? – Der Frage, wie der eigene Grabstein oder der eines verstorbenen Verwandten aussehen soll, schließen sich viele weitere Fragen an, die zeigen: Ein Grabstein ist weit mehr als nur ein großer Stein.

Landkreis Diepholz – Und hinter jedem Grabstein steht in der Regel das traditionelle Handwerk eines Grabsteinmetzes. „Da gibt es viele Traditionsfamilien“, erläutert Louise Franz. Sie und ihr Vater Dietmar Franz sind Inhaber der Stein- und Bildhauerei Grabowski in Syke. Und auch ihr Opa und ihr Uropa waren bereits, wie auch ihre Tante, Steinmetze.

Bau- und Grabsteinmetze sind gänzlich unterschiedliche Berufe

Dabei ist Steinmetz nicht gleich Steinmetz: „Jeder orientiert sich in eine Richtung“, sagt Louise Franz. Bausteinmetze etwa würden Fußböden oder Küchenarbeitsplatten anfertigen. Im Betrieb von Familie Franz wird hauptsächlich an Grabsteinen gearbeitet. Eine zeitintensive Aufgabe.

Bei 160 Buchstaben in gebrochener Schrift sitze ich eine ganze Woche dran

Louise Franz, Grabsteinmetzin

Von wenigen Stunden bis hin zu einem ganzen Tag dauere es, wenn Louise Franz einen Stein bearbeitet – wenn es nur um die Beschriftung geht. „Bei 160 Buchstaben in gebrochener Schrift sitze ich eine ganze Woche dran“, rechnet sie vor. Das komme aber selten vor. „Am meisten genommen werden gut leserliche und auf die Distanz erkennbare Schriftarten.“

Grabsteine sind heute entweder sehr simpel oder sehr individuell

Häufig gewählt werden Grabsteine vom Großhändler, in die Louise Franz dann nur noch die individuellen Inschriften verewigen muss. Doch sie stellt aktuell fest: „Der Trend geht zum Extravaganten.“ Das bedeute aufwendigere, individuellere Steine. „Der Hang zu 0815-Grabsteinen löst sich auf wie die Mittelschicht“, erklärt sie und lacht.

Überblick zur Serie „Friedhofsleben“

Viele verdrängen das Thema am liebsten so lange es geht, aber irgendwann muss sich jeder damit beschäftigen. In einer crossmedialen Serie beleuchtet die Mediengruppe Kreiszeitung das Thema Sterben, Abschied nehmen und Bestattung. Von jüdischen Grabstellen und den Bestattungstrends der Zukunft. Hier geht‘s zum Überblick zur Serie „Friedhofsleben“.

Auch ihr Kollege Heiko Richter, der seinen Steinmetzbetrieb in Sulingen führt und dem Beruf seit mehr als 30 Jahren nachgeht, hat über diese Zeitspanne eine Veränderung der Kundenbedürfnisse festgesellt: „Früher wollten die Leute sich nicht von der breiten Masse abheben“, sagt er, „jetzt sind die Steine entweder sehr simpel – oder sehr individuell.“

Friedhöfe können Grenzen für die Gestaltung von Grabsteinen vorgeben

Dabei seien, so Richter, den Käufern allerdings gewisse Grenzen gesetzt, die von den Friedhöfen gesteckt werden. „Aber was gefällt und erlaubt ist, das kann umgesetzt werden“, hebt Richter hervor. So habe er bereits Grabsteine mit gemeißelten Tieren, Schiffen und sogar Lkw angefertigt.

Auch bei den verwendeten Materialien sei die Bandbreite groß, erläutert Louise Franz; ihre Steine bezieht sie aus der ganzen Welt: „Schweden, Irland, Afghanistan, Afrika, aber auch viel aus Deutschland“, zählt die Steinmetzin auf. In den vergangenen Jahren habe sich die Bezugsquelle mehr und mehr in Richtung des asiatischen Raumes verlagert – für Louise Franz „wirtschaftlich logisch“, jedoch kritisiert sie den moralischen und ökologischen Aspekt des Imports von Steinen aus Asien, zumal sie das Material aus Deutschland hervorhebt, zum Beispiel den Sandstein.

Grabsteinmetze sind auch für Instandhaltung und Restaurierung zuständig

Die Lieferzeit für einen Grabstein von der Bestellung an betrage von etwa sechs Wochen bis hin zu vier Monaten, erklärt Louise Franz. Zuletzt hätten die Wartezeiten häufiger am oberen Ende dieser Skala gelegen, was mit der allgemeinen Materialknappheit, aber auch mit Ereignissen wie der Blockade des Suezkanals in Ägypten durch ein quer stehendes Containerschiff im März zusammenhänge.

Zum Dienstleistungsspektrum eines Grabsteinmetzes gehört allerdings nicht nur das Anfertigen der Steine. Auch das Aufstellen, die Instandhaltung und die Restaurierung von Grabsteinen gehören zum Handwerk. Heiko Richter betreut mehr als 30 Friedhöfe in der Umgebung, fährt manchmal bis nach Bremen und Oldenburg..

Gebrauchte Steine werden gesplittert und zu Splitt verarbeitet

Mit einem Mythos möchte der 48-Jährige allerdings direkt aufräumen: „Es ist ein Irrglaube, dass man aus gebrauchten Grabsteinen noch etwas machen könnte.“ Nur sehr, sehr selten werde die Inschrift heruntergefräst, manchmal verbleiben die Steine innerhalb der Familie der Verstorbenen, in der Regel jedoch werden sie geschreddert und beispielsweise zu Splitt verarbeitet. „Ein Hochzeitskleid will nach 30 Jahren auch niemand mehr tragen“, so Louise Franz.

Es ist ein Irrglaube, dass man aus gebrauchten Grabsteinen noch etwas machen könnte.

Heiko Richter, Grabsteinmetz

Dass es auch anders geht, beweist der Friedhof in Mellinghausen. Dessen Leiter, Kirchvorsteher Udo Fulle, stellt klar: „Wir schmeißen keine Grabsteine mehr weg!“ Ausgediente Grabsteine werden dort, natürlich mit dem Einverständnis der Angehörigen, entlang eines Weges auf dem Friedhof auf- und damit ausgestellt. Das sei, so Fulle, „sehr angenehm, wenn man dort entlanggeht. Dann sieht man Namen, die man den Personen oder Familien wieder zuordnen kann.“ Die ältesten Grabsteine des Ende des 19. Jahrhunderts angelegten Friedhofs wurden an der Seite der Kapelle aufgestellt, wo sie vor der Witterung besser geschützt sind und sich von den jüngeren Steinen abheben.

Der Trend geht zu anonymen und Urnenbestattungen

Doch laut Louise Franz habe sich die Bestattungskultur in den vergangenen Jahren sehr verändert: „Vor 15 Jahren hat jeder Verstorbene eine Grabstelle bekommen. Jeder, der anonym oder teilanonynm beerdigt werden möchte, hat das entsprechend gesagt.“ Das sei jetzt andersrum, der Trend gehe zu anonymen und zu Urnenbestattungen. Zudem steige die Zahl derer, die selber mit genauen Vorstellungen über ihren Grabstein zum Steinmetz kommen. „Die Leute wollen mitbestimmen“, stellt Louise Franz fest – für sie etwas Schönes: „Das hat was von aktiver Trauergestaltung.“

Und dass auch in Zukunft das klassische Grab mit Grabstein Bestand haben wird, davon ist Heiko Richter überzeugt: „Unsere Bestattungskultur ist alt, das lässt sich nicht ausstellen. Es wird immer Menschen geben, die einen Ort zum Gedenken haben möchten.“

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