„Du vertrittst ein Land, nicht dich selbst“

Barrierin Lena Cordes nimmt an der weltgrößten UN-Simulation teil

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Als Mitglied der Tübinger Delegation, die Bahrain vertritt, nimmt Lena Cordes im März an den „National Model United Nations“ in New York teil.

Barrien/New  York - Von Frank Jaursch. Sie war noch niemals in New York, sie war noch niemals auf Bahrain. Doch für Lena Cordes dürften diese beiden Orte in diesem Jahr besonders wichtig werden. Die 21-jährige Barrierin ist im März für eine Woche in New York: Bei den „National Model United Nations“ (NMUN), einer gigantischen Simulation der Vereinten Nationen (UN), gehört sie der Delegation des Nahost-Staates Bahrain an.

Wie funktioniert eigentlich Diplomatie? Was machen die da bei den schier endlos langen UN-Sitzungen? Warum kann es sich manchmal lohnen, Stunde um Stunde um eine winzige Formulierungs-Veränderung zu ringen? Und wie verhält man sich, wenn sich ein Land immer wieder wenig kooperativ zeigt?

Bei der Veranstaltungsreihe in New York dürfte es Antworten auf viele dieser Fragen geben. Die Vorfreude bei Lena Cordes ist gigantisch. „Politik ist meist sehr theoretisch veranlagt“, weiß Cordes und freut sich auf die Chance, mal etwas praktisch zu machen.

„Meckern können viele, was tun wollen wenige“

Schon als Kind interessierte sie sich für die große Politik. „Ich habe meiner Mutter als Jugendliche immer die Kreiszeitung weggenommen und gelesen“, schmunzelt sie. Für sie war schnell klar: Da wollte sie mitmachen. „Meckern können viele“, sagt sie, „was tun wollen nur wenige.“

Nach dem Abitur 2014 absolvierte sie in Den Haag das Bachelor-Studium „European Studies“, zog anschließend nach Tübingen, um dort den Studiengang „Demokratie und Regieren in Europa“ zu wählen. Als sie die NMUN-Aushänge an ihrer neuen Uni sah, war sie gleich Feuer und Flamme für die Idee.

Anstrengendes Auswahlverfahren

Doch die Plätze in der Delegation sind umkämpft: Knapp 50 Studierende bewarben sich, mussten sich durch ein anstrengendes Auswahlverfahren kämpfen. Die 18 jungen Frauen und Männer, die nun noch dabei sind, haben nach Stresstest, Reden und Workshops – alles komplett auf Englisch – eine vage Vorstellung davon, was sie letztlich tatsächlich in New York erwartet.

Jede der teilnehmenden Universitäten aus aller Welt – knapp die Hälfte der Teilnehmer kommt aus den USA – repräsentiert bei der einwöchigen Veranstaltung einen Staat. Tübingen hat für das kommende Jahr Bahrain, den zwischen Saudi-Arabien und Katar gelegenen Inselstaat, zugeteilt bekommen.

Umfangreiche Recherche

Und das ist viel mehr als bloß ein Etikett: Die Delegierten erarbeiteten sich einen umfassenden Überblick darüber, welche Positionen Bahrain in den vergangenen Jahren zu den unterschiedlichsten Themen eingenommen hat. Wie steht Bahrain zum Waffenhandel, wie zur Cyber-Security? Wo kann sich Bahrain eine Position leisten, die von der des wichtigsten Handelspartners Saudi-Arabien abweicht?

Wo es Wissenslücken gibt, wird so gut wie möglich weiter recherchiert – all das mit dem Ziel, so nahe wie möglich an die tatsächliche Position Bahrains heranzukommen. Und wenn die so gar nicht mit der eigenen Position übereinstimmt? Lena Cordes zuckt mit den Schultern. „Du vertrittst ein Land, nicht dich selbst. Das muss auch gehen, wenn es einem gegen den Strich geht.“

Sie selbst sieht die Vereinten Nationen mit kritischer Distanz. „Die UN sind nicht das am besten funktionierende Organ“, räumt sie ein. Natürlich sei es ein großer Vorteil, wenn man 193 Länder zu Gesprächen an einen Tisch bekommt. „Aber es hat auch Lücken.“

„Spaß, Arbeit und schlaflose Nächte“

Dennoch glaubt Cordes fest an den Sinn des politischen Austausches. „Politik heißt auch immer, andere Sichtweisen anzuhören. Nur festgefahrene Meinungen bringen einen nicht weiter.“

Für die Woche Ende März erwartet Cordes „’ne Menge Spaß, Arbeit und schlaflose Nächte“. Denn auch außerhalb der Versammlungen sucht man unentwegt nach Allianzen mit anderen Staaten – das kann beim gemeinsamen Frühstück sein oder auch beim Zufallstreffen im Aufzug. Informelle Absprachen sind ausdrücklich erlaubt – ganz wie bei den „Großen“. „Man sucht sich Partner“, sagt die 21-Jährige, und ihre Vorfreude wird erneut deutlich. „Das sind ,soft skills’, die man nicht anders sammeln kann.“

Bahrain aus der Ferne kennengelernt

Bahrain ist der jungen Barrierin in den vergangenen Monaten aus der Ferne vertrauter geworden. Nach den Bildern, die sie im Internet gefunden hat, „ist es dort wahnsinnig schön“, gern würde sie es sich einmal persönlich ansehen.

Zunächst allerdings steht die Reise nach New York an. Die wird für alle Teilnehmer kostspielig genug – pro Person rund 1.500 Euro. Aus diesem Grund hat die Tübinger Bahrain-Delegation in den vergangenen Wochen begonnen, Geld für das Projekt zu sammeln – mit einer Tombola oder einem Stand auf dem Tübinger Schokoladenmarkt. Wer das Projekt unterstützen möchte, bekommt je nach Spendenhöhe Goodies. „Ab 30 Euro gibt’s zum Beispiel eine handgeschriebene Postkarte aus New York“, sagt Lena Cordes lächelnd.

Einzelheiten zum Projekt gibt es auf der Homepage der Tübinger Gruppe.

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