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Barrien: Inge Arbeiters grüne Oase

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Von: Michael Walter

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Inge Arbeiter (links) hegt und pflegt die Wildpflanzenkolonie auf der ehemaligen Barrier Müllkippe. In Karin Blohme hat sie dabei Unterstützung und eine seelenverwandte Freundin gefunden.
Inge Arbeiter (links) hegt und pflegt die Wildpflanzenkolonie auf der ehemaligen Barrier Müllkippe. In Karin Blohme hat sie dabei Unterstützung und eine seelenverwandte Freundin gefunden. © Michael Walter

Barrien – Wenn sie so durch ihre Anpflanzungen spaziert, ist auch der Gehstock, den sie seit einiger Zeit braucht, kein Hindernis für Inge Arbeiter. Im Gegenteil: Er dient ihr vielmehr als Zeigestock. Die Stauden da: Die hat sie neulich geschenkt bekommen. Der Apfelbaum dort vorne hat ursprünglich mal da hinten gestanden. Und die Birken da drüben, die hat der Nabu mal aus dem Barrier Schlatt entfernt, als sie noch jung waren. Zum Verfeuern waren sie Ingrid Arbeiter zu schade, deshalb hat sie sie hier wieder eingepflanzt.

Seit zehn Jahren kümmert sich die Rentnerin um ein Stück mooriges Brachland zwischen Bülten und Jeebel, das bis in die 70er-Jahre mal die Müllkippe der damals noch selbstständigen Gemeinde Barrien gewesen ist. Ehrenamtlich. Ohne Auftrag. In Eigenregie. Seitdem hat sie Tonnen von Totholz und Schutt bewegt und aus dem verwilderten Areal ein kleines Paradies gemacht. Mit Bäumen, Büschen, Zier- und Nutzpflanzen, an denen sich jedermann bedienen kann. Mit kleinen Kunstwerken und Skulpturen, die andere ihr überlassen haben. Und mit Wegen, die sie selbst in mühevoller Plackerei angelegt und eingefriedet hat.

Die Fläche, die sich dank Inge Arbeiter heute als Wildpflanzenkolonie präsentiert, war früher mal die Müllkippe der damals noch selbstständigen Gemeinde Barrien. 1964 sah es dort so aus.
Die Fläche, die sich dank Inge Arbeiter heute als Wildpflanzenkolonie präsentiert, war früher mal die Müllkippe der damals noch selbstständigen Gemeinde Barrien. 1964 sah es dort so aus. © Wilfried Meyer

„Wildpflanzenkolonie“ hat sich als Bezeichnung bei Spaziergängern und Besuchern eingebürgert. Und Inge Arbeiter kennt darin nicht nur jede Pflanze beim Vornamen, sie kann auch zu jeder einzelnen eine Geschichte erzählen.

Ihre eigene beginnt 1944. Da ist sie zur Welt gekommen. Als Kriegskind. Ihre Eltern hatten eigentlich in Bremen gewohnt, waren aber ausgebombt und in Syke untergebracht worden. Weil das Krankenhaus in Bassum bereits voll bis unters Dach war, musste ihre hochschwangere Mama bis nach Twistringen, als es soweit war.

Viele Details sorgen für Hingucker. Diese Eichhörnchen-Familie hat Erwin Hohloch beigesteuert.
Viele Details sorgen für Hingucker. Diese Eichhörnchen-Familie hat Erwin Hohloch beigesteuert. © Walter

Nach dem Krieg zog die Familie nach Steimke. In eine ehemalige Flak-Baracke auf dem Steimker Berg. Das war im September 1945. „19 Jahre habe ich da gelebt“, erzählt Inge Arbeiter.

Wie die meisten Mädchen damals geht Inge „nur“ zur Volksschule. Danach lernt sie drei Jahre lang Herrenschneiderin. „Bei Meyer an der Hohen Straße in Syke.“ Anschließend arbeitet sie in verschiedenen Schneidereien in Bremen. Dann lernt sie Wolfgang kennen: „In Syke beim Schützenfest. Er war der Einzige, der noch tanzen konnte“, erzählt sie mit einem schelmischen Lächeln und blitzenden Augen.

Die Fläche, die sich dank Inge Arbeiter heute als Wildpflanzenkolonie präsentiert, war früher mal die Müllkippe der damals noch selbstständigen Gemeinde Barrien. 1964 sah es dort so aus.
Die Fläche, die sich dank Inge Arbeiter heute als Wildpflanzenkolonie präsentiert, war früher mal die Müllkippe der damals noch selbstständigen Gemeinde Barrien. 1964 sah es dort so aus. © Wilfried Meyer

1966 heiraten sie. Hausbau, zwei Kinder, beruflich zurückstecken – wie das damals so üblich ist. 1980 richtet sich Ingrid Arbeiter zuhause ein kleines Atelier ein und schneidert nebenberuflich: Änderungsarbeiten im Auftrag. In diese Zeit fallen die ersten ehrenamtlichen Engagements: Sie sammelt Dosen, betreut eine Flüchtlingsfamilie aus dem Libanon.

Mit 47 verdonnert sie das Arbeitsamt noch zu einer Umschulung: Drei Jahre lang fährt sie nach Delmenhorst und lernt dort Ergotherapeutin. Danach arbeitet sie noch fast zehn Jahre im Kurzentrum Bruchhausen-Vilsen. 2004 kommt dann die Rente: „Ich hab übergangslos bei der Syker Tafel mitgearbeitet“, erzählt Inge Arbeiter. „Langweilig war das nie. Mein Mann arbeitet da immer noch.“

2011 führt ein Spaziergang Inge und Wolfgang Arbeiter an der ehemaligen Müllkippe vorbei. „Da waren wir eher selten“, erzählt sie. „Ich konnte nicht mehr und dachte: Hier könnte jetzt eigentlich auch mal ‘ne Bank stehen ...“ Für die meisten Leute wäre es das dann auch schon gewesen. Inge Arbeiter hat der Ort aber geradezu magisch angezogen. Über Umwege fand sie heraus, wer der Pächter war. Der ist dann das Gelände einmal mit ihr abgeschritten –  und hat es ihr dann überlassen. Einzige Bedingung: dass die Tiere nicht verscheucht werden. „Der hat mir das dann umgepflügt, und dann hab ich begonnen, neu einzusäen. Und was kam? Nur Disteln! Ich hab die alle einzeln ausgezogen und noch mal neu gesät. Dann kamen auch die Blumen.“

„Was machen Sie denn da?“, hat ein verwunderter Spaziergänger eines Tages gefragt. Inge Arbeiter hat’s ihm erzählt. Und dann zurückgefragt: „Haben Sie zufällig ‘ne Sitzbank?“ Die hatte er nicht. Aber er wusste, wo es eine gab. „Das war Jürgen Schmock, damals Ortsbürgermeister von Okel. Er hat mir dann erzählt, dass der Golfclub gerade welche ausgemustert hat. Da konnte ich mir eine aussuchen. Die haben sie mir sogar hierher gebracht und aufgestellt.“

Auch andere Leute sprachen sie an: Ich hab noch ‘nen Apfelbaum bei mir im Garten, der wächst da nicht. Wollen Sie den vielleicht haben? Klar wollte sie! Inge Arbeiter überschlägt mal grob: Ungefähr 50 Bäume hat sie seitdem gepflanzt. Walnuss, Apfel, Birne, Kirsche ...

„Ich hab nie vorgehabt, das so groß auszuweiten. Ich hab mich immer von einem Baum zum anderen bewegt und Paddwege angelegt.“ Das Totholz, was ohnehin da war, hat sie zu Hecken und Wällen aufgeschichtet. Diverse Holzfiguren und Skulpturen kamen auf die gleiche Weise hinzu wie die Stauden und Bäume. Inge Arbeiter hat alles dokumentiert, damit auch Spaziergänger sehen: Was ist was, und warum ist das dort? Ein Kindergarten hat mal Bäume gepflanzt. Zweimal waren Gästeführungen da.

Bereits seit zehn Jahren kümmert sich Inge Arbeiter liebevoll um ihre Wildpflanzenkolonie. Die vielen Geschichten und Geschichtchen, die sie drumrum erlebt hat, hat sie akribisch dokumentiert. Für ihre Enkel stellt sie gerade eine Auswahl daraus zusammen.
Bereits seit zehn Jahren kümmert sich Inge Arbeiter liebevoll um ihre Wildpflanzenkolonie. Die vielen Geschichten und Geschichtchen, die sie drumrum erlebt hat, hat sie akribisch dokumentiert. Für ihre Enkel stellt sie gerade eine Auswahl daraus zusammen. © Michael Walter

In Karin Blohme, die in Sichtweite der Wildpflanzenkolonie wohnt, fand Inge Arbeiter eine Freundin, die auf die gleiche Weise positiv verrückt ist. „Immer wenn ich Inges Auto sehe, komme ich raus und mache mit“, erzählt sie. „Es ist einfach in mir.“

Lange wird Inge Arbeiter das alles nicht mehr machen können. „Ich schaffe es einfach nicht mehr. Die Knochen machen nicht mehr mit.“ Ihre gesammelten Aufzeichnungen stellt sie gerade neu zusammen. Was da alles wächst, wie die Pflanzen heißen, was für Aktionen da schon waren. Und dazu jede Menge Fotos, die Inge Arbeiter fast alle selbst gemacht hat. Blatt für Blatt in Prospekthülsen gesteckt und im Aktenordner archiviert. „Ich mache ein kleines Buch daraus“, sagt sie. „Für die Enkel.“ Im Kopf hat es Inge Arbeiter schon fertig: „Omas Waldgarten soll es heißen. Erzählt aus der Sicht einer Eiche.“

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