Alarmierende Untersuchung

Barrien droht der Verfall: Großer Handlungsbedarf im Ortskern

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Marode Bausubstanz und ein wenig ansprechendes Ambiente: Das alte Gebäude der Konditorei Hasselmann ist quasi die extreme Verkörperung der strukturellen Probleme im Barrier Ortskern.

Barrien - Von Michael Walter. Wohin geht in Zukunft die Reise für den Barrier Ortskern? Diese Frage stand am Mittwochabend im Mittelpunkt der Ortstratssitzung. Und obwohl das Thema Altes Pfarrhaus dabei gar nicht auf der Tagesordnung stand, zog es sich doch wie ein roter Faden durch die Sitzung. Rund 20 Besucher sorgten dabei im „Raum Bülten“ im zweiten Obergeschoss des DRK-Seniorenheims an der B 6 für volle Zuhörerreihen.

Beim Zuhören beließen sie es nicht. Gleich die erste Frage zu Beginn der Sitzung zielte in Richtung Kirchplatz. „Denkt die Stadt noch über eine Nutzung des Alten Pfarrhauses nach, oder ist das vom Tisch?“ Stadtplaner Wolfram Schneider entgegnete, er sei selbst verdutzt gewesen, mit welch einer Deutlichkeit Kirchenvorstand Hartwig Seevers in der Kreiszeitung von Abriss gesprochen habe, falls sich bis August keine neue Nutzung fände. „Da hat er was Anderes gesagt, als er uns gesagt hat.“ Und um auf die Frage zu antworten: „Das ist noch nicht vom Tisch. Da werden noch Gespräche geführt.“

Eine Übernahme des Alten Pfarrhauses durch die Stadt selbst sei indes problematisch, so Schneider. „Das Gebäude hätten wir vielleicht sogar geschenkt bekommen. Wir hätten im Haushalt aber für das Grundstück den Marktwert ansetzen müssen. Deshalb hatte sich die Stadt dagegen entschieden. Es gibt aber noch eine Möglichkeit über einen Investor.“ Näher ins Detail ging der Stadtplaner dazu nicht.

Kerstin Oesterling hat keine eindeutige Meinung zum Erhalt des historischen Gebäudes. Die Architektin vom Planungsbüro MOR aus Rotenburg/Wümme hatte im Auftrag des Rats der Stadt eine Studie zu den Entwicklungsmöglichkeiten des Barrier Ortskerns erstellt. Eine erste Vorstellung war im September 2017 im Bauausschuss des Syker Rats erfolgt (wir berichteten). In Barrien selbst hatte sie die Ergebnisse bisher jedoch noch nicht präsentiert. Das holte sie nun auf Einladung des Ortsrats nach.

„Altes Pfarrhaus als erhaltenswert eingestuft“

„Das Alte Pfarrhaus haben wir in unseren Entwicklungsperspektiven erstmal als erhaltenswert eingestuft“, erklärte sie. „Weil es in den Köpfen der Menschen eine besondere Rolle spielt. Aber es muss sich auch eine neue Nutzung dafür finden.“ Wenn das nicht gelänge, dürfe man sich den Möglichkeiten, die Abbruch und Neugestaltung des Areals böten, nicht von vornherein kategorisch verschließen.

In ihrer Studie hat Kerstin Oesterling den gesamten Barrier Ortskern unter die Lupe genommen. Das vordringlichste Problem: Wenn man nicht weiß, wo er ist, findet man ihn gar nicht. „Von der Bundesstraße aus ist er nicht zu sehen. Wer sich nicht auskennt, fährt einfach dran vorbei und merkt es nicht. Und das ist schade.“

Ihre weitergehende Zusammenfassung: Es gibt zwar noch historische Bausubstanz, die ist aber oft in einem schlechten Zustand. Optisch sei der Eindruck insgesamt wenig ansprechend: Breite Straßenflächen mit schadhaftem Pflaster, keine Plätze, wo man sich gern aufhalten möchte, zusammengewürfelte Materialien. Oft seien es nur Kleinigkeiten wie hässliche Blumenkübel oder „wenn man als erstes auf die Mülltonnen schaut“, so Oesterling. Es droht eine Überalterung sowohl der Bausubstanz als auch der Einwohnerschaft. Und es drohen weitere Leerstände.

Zentraler Bereich für mehr Aufenthaltsqualität

Als Maßnahmen schlägt die Architektin vor: Die Schaffung eines zentralen Bereichs und die Neugestaltung ungeordneter Flächen, um die Aufenthaltsqualität zu erhöhen. Ein zentrales Thema sei dabei der Verkehr. „Es müsste mal gezählt werden: Wie viele Autos fahren dort? Woher, wohin und warum? Wie viele Parkplätze bräuchte ich, und wo müssten die sein? Und wenn man sich dann den Zustand der Verkehrsflächen ansieht, müsste das eigentlich der Punkt sein, an dem Sie loslegen müssten.“

Ein Verkehrskonzept für den Ortskern sei schnell umsetzbar, und alle würden davon profitieren, so Oesterling. Als zweites müsse der Baubestand aufgewertet werden. Im Zweifelsfall auch durch Abriss. „Dann muss man in den sauren Apfel beißen und dann neu ordnen und neu gestalten.“ Die Ortsmitte müsse von der Bundesstraße aus erkennbar sein.

Für die Politik hieße das in der Folge: einen Bebauungsplan aufstellen und Fördermittel einwerben.

„Es gibt Anwohner, an die kommt man nicht ran“

„Es gibt Anwohner, an die kommt man nicht ran“, trat Ortsbürgermeister Manfred Nienaber auf die Euphoriebremse. „Besonders einen“, spielte er auf den Eigentümer des Hasselmann-Grundstücks an der Ecke alte/neue B 6 an, der sich seit Jahrzehnten allen Gesprächen verweigert, die leerstehende Konditorei irgendeiner neuen Nutzung zuzuführen. Viele empfinden das als schade, manche reden von einem Schandfleck. Auch Kerstin Oesterling betonte, dass sie bei ihrer Analyse mehrfach über dieses Areal gesprochen habe.

Deutlicher als Nienaber wurde Edith Heckmann: „Wir können nicht private Häuser und Grundstücke beplanen. Was dort passiert, haben wir nicht in der Hand. Wir können höchstens sagen, was wir uns dort maximal und minimal vorstellen könnten. Alles Andere ist Privatsache.“

Den Vorschlag, zügig ein Verkehrskonzept zu erstellen, nahmen Ortsrat wie Zuhörer als Konsens mit aus der Sitzung. Stadtplaner Wolfram Schneider sicherte zu, mit der Syker Politik einen Bebauungsplan für den Ortskern auf den Weg zu bringen. „Momentan kann jeder bauen, wie er möchte, aber wir können es nicht steuern.“

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