Abschaffung immer wieder in der Diskussion

Bargeld das beliebteste Zahlungsmittel

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An der Kasse zahlen die meisten Menschen bar. Der Landkreis macht das keine Ausnahme. 

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm, Marc Lentvogt, Sigi Schritt, Janna Silinger und Theo Wilke. Laut einer Studie der Europäischen Zentralbank haben Verbraucher in Deutschland soviel Bargeld in der Brieftasche wie in keinem anderen Land der Eurozone. 

In Skandinavien beispielsweise sei die bargeldlose Welt fast Realität. Nachdem einige Banker und Wissenschaftler das Aus von Münzen und Scheinen gefordert hatten, ist eine kontroverse Diskussion entbrannt. Auch im Landkreis Diepholz gibt es Befürworter und Gegner.

Datenschützer

„Wenn wir letztlich alle Transaktionen digital abwickeln, haben wir irgendwann den gläsernen Bürger, denn unsere tägliche Teilnahme am Wirtschaftsleben sagt extrem viel über unsere Persönlichkeit und Lebensweise aus“, meint Dennis-Kenji Kipker, Informationsrechtler und Mitglied des Vorstandes der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID) in Berlin.

„Sobald Daten da sind, werden früher oder später immer Begehrlichkeiten geweckt, diese zu anderen Zwecken, als ursprünglich vorgesehen, zu verarbeiten. Nicht zuletzt gibt es auch Situationen, wo wir anonym bleiben möchten, wenn wir unsere Einkäufe tätigen. Oder Gründe der Sicherheit im Geschäftsverkehr, die für die Verwendung von Bargeld sprechen, zum Beispiel, wenn man den Geschäftspartner wenig vertrauenserweckend findet, seine Identität und den Bankkontakt nicht offen legen möchte.“

Polizei

Für die Polizeiinspektion in Diepholz ist die Frage, welche Vor- und Nachteile eine Abschaffung des Bargeldes hätte, noch kein Thema. Jutta Stricker aus der Abteilung Kriminalprävention betont, dass zum jetzigen Zeitpunkt „alles furchtbar spekulativ wäre“.

Senioren

Als Fan des Bargelds outet sich Helmut Beyerle, Mitglied des Syker Seniorenbeirates. Dabei betont er: „Ältere haben kein Problem mit EC-Karten, sie heben mit diesen ihr Geld ab. Aber das Bargeld im Portemonnaie hat eine Freiheitsfunktion. Beim Bauer um die Ecke könnten eben Eier mitgenommen werden – die Zahlung erfolgt per Münzwurf in die Kasse, Enkel könnten einen kleinen Obolus erhalten, Gastronomen ein Trinkgeld.“ Die Debatte um das Bargeld hält Beyerle für vom Handel initiiert. „Diesem ist die Aufbewahrung und Fahrt zur Bank eine zusätzliche Belastung, die entfallen würde.“ Beim Stichwort Kriminalität ist er Realist: „Der klassische Enkeltrick wäre nicht mehr möglich, aber dann denken sich Betrüger eine Alternative aus, die mit Überweisungen funktioniert.“

Finanzamt

Das Landesamt für Steuern Niedersachsen hat bereits vor Jahren die Anweisung erteilt, dass die Finanzämter nicht mehr mit Bargeld arbeiten dürfen. „Die einzigen, die bei uns noch Geld annehmen, sind die Vollziehungsbeamten“, erklärt Agnes Hoffmann, Leiterin des Finanzamts Sulingen. Sie begrüßt die bargeldlosen Verfahren, die ausschließlich von Vorteil seien. Beispielsweise könne kein Falschgeld mehr angenommen werden. Ein weiterer Aspekt: Wenn Scheine und Münzen beim Finanzamt eingehen, müssen diese zur Bank gebracht werden. „Dabei besteht immer das Risiko, dass etwas schief geht.“

Banken

Martin Kühling, Vorstand Volksbank Vechta, sagt: „Noch immer ist Bargeld aus Sicht der Verbraucher mit einem Anteil von 53 Prozent am Point of Sale (POS) das beliebteste Zahlungsmittel. Für uns bedeuten diese Ergebnisse, dass wir uns auch weiterhin auf ein hohes Bargeldaufkommen einstellen müssen. Dazu gehören alle Service-Dienstleistungen für die Privatkunden (Geldautomaten, Kasse, et cetera) und die Firmenkunden (Bargeldannahme und Bearbeitung, Wechselgeld et cetera). Die Bargeldlogistik ist und bleibt eine Herausforderung für uns Banken. – Aus unserer Sicht wird sich durch das Heranwachsen der jungen Generation – der sogenannten digital natives – das Zahlungsverhalten weg vom Bargeld in Richtung bargeldloses Bezahlen (Karte, Apps) verlagern; dieser Trend ist bereits heute deutlich spürbar.“

Gesundheitsamt

Bargeld geht durch unzählige Hände. Es ist kaum nachzuvollziehen, womit man alles in Berührung kommt, wenn man etwa einen Euro in der Hand hält. Dr. Egbert Steffen vom Gesundheitsamt Diepholz hält sich mit einer Aussage über die Vor- und Nachteile der Abschaffung von Bargeld aber zurück. „Es mag sein, dass gewisse Erreger durch Geld übertragen werden. Aber bekannt ist mir da bisher nichts.“

Handel

Rüdiger Ebert, Filialleiter eines Verbrauchermarktes in Bassum, ist für die sofortige Abschaffung. „Zum einen wegen des Sicherheitsaspekts. Raubüberfälle würden dann keinen Sinn mehr machen. Die Abwicklung wird ebenfalls effektiver und auch schneller, und die Kunden müssten nicht mehr so lange in einer Schlange stehen.

Zudem fällt das Entsorgen des Geldes weg, was ebenfalls kostspielig ist. Der Vorteil für den Handel ist sehr groß. Ein Nachteil sind die Kosten, die durch die E-Cash-Abwicklung entstehen. Als Privatmensch denke ich aber an die älteren Menschen, die mit der bargeldlosen Zahlung vielleicht Probleme haben, und auch an die Arbeitsplätze, die mit der Einführung womöglich wegfallen.“

Schulen

Martin Stamnitz, Schulleiter der Hundertwassergrundschule in Leeste, betrachtet das Thema pragmatisch. Geld müsse in die Lebenswirklichkeit der Kinder gebracht werden, damit diese den Umgang damit lernten. Noch erfolge das ausschließlich über Bares. „Das funktioniert gut, denn Münzen und Scheine sind etwas Greifbares. Gerade für die Kleinen ist das wichtig“, erklärt Stamnitz. Bargeld in der Schule abzuschaffen und dessen Bedeutung nicht mehr zu vermitteln, sei erst möglich, wenn es auch in der Gesellschaft und im Elternhaus keine Rolle mehr spiele. „Längerfristig betrachtet, kommen wir da sicher eines Tages hin“, vermutet er. Vor- und Nachteile könne man wohl erst dann wirklich benennen.

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