Barbara Frerker und Edgar Fischer stehen junger Flüchtlingsfamilie zur Seite

Liebe, Angst und Flucht: Jetzt helfen Paten

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Edgar Fischer und Barbara Frerker strahlen: Die Flüchtlingskinder Erza und Ersi machen ihnen als Paten viel Freude. Dahinter stehen die Eltern der beiden Kinder, die aus Angst vor Verwandten im Kosovo nicht erkannt werden möchten.

Syke - Von Anke Seidel. Liebe, Angst, längst überholte Traditionen – und dann die Flucht: Die Geschichte von Anton* und Natyra* klingt wie der Stoff, aus dem Romane entstehen. Aber das reale Leben stellt das junge Paar mit zwei kleinen Kindern vor enorme Herausforderungen. Die Flüchtlinge aus dem Kosovo bauen sich Stück für Stück ein neues Leben in Syke auf – und hoffen gemeinsam mit ihren Paten Barbara Frerker und Edgar Fischer, dass sie ein endgültiges Bleiberecht in Deutschland erhalten.

Denn der 28-jährige Anton und seine gleichaltrige Frau haben wichtige Schritte zur Integration längst gemeistert. Anton hat eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik begonnen – und fühlt sich in seinem Ausbildungsbetrieb „Syker Haustechnik“ sehr wohl. „Die Kollegen sind sehr nett“, sagt Anton. „Sie haben sogar beim Umzug geholfen.“ Denn endlich hat die kleine Familie eine DreiZimmer-Wohnung gefunden – ein Zuhause in einer Lage, in der die Flüchtlinge ohne Auto alle wichtigen Einrichtungen erreichen können.

Während sich Natyra um die beiden Kinder Erza (zwei Jahre) und Ersi (ein Jahr) kümmert, muss Anton nicht selten eine 60-Stunden-Woche meistern. Die Auftragslage in seinem Ausbildungsbetrieb bedingt oft Überstunden. Zusätzlich arbeitet Anton noch als Service-Kraft in einem Syker Restaurant. Dem jungen Familienvater ist es außerordentlich wichtig, auf eigenen Beinen zu stehen – und unabhängig von staatlichen Zuwendungen zu sein.

Zu dem Ehepaar Edgar Fischer (64) und Barbara Frerker (46) hat die junge Familie aus dem Kosovo ein herzliches Verhältnis: „Wir sind Barbara und Edgar sehr dankbar“, sagen Anton und Natyra. Es war der Zufall, der die vier zusammengeführt hat.

Januar: Barbara Frerker und Edgar Fischer melden sich im Rathaus der Stadt Syke. Sie würden gerne eine Patenschaft für eine Flüchtlingsfamilie übernehmen.

Februar: Anton und Natyra kommen mit ihren kleinen Kindern in der Zentralunterkunft Braunschweig an. Hinter ihnen liegt eine abenteuerliche Flucht aus dem Kosovo.

Dort hat die junge Familie keine Zukunft, weil Natyras Eltern die Beziehung zu Anton verurteilen: Die 28-Jährige, die im Kosovo Finanzwirtschaft studiert, ist von ihren Eltern einem anderen Mann versprochen worden.

Aus Angst vor der Rache Natyras Familie („wir mussten damit rechnen, umgebracht zu werden“) flieht das Paar und taucht im Kosovo an verschiedenen Orten unter. Doch auch die Geburt von Tochter Erza kann Natyras Familie nicht besänftigen. „Es wurde nur noch schlimmer“, erinnert sich Anton – und beschließt, seine junge Familie über einen Fluchthelfer in Sicherheit zu bringen. Der Mann fährt sie mit einem Auto über die Grenze.

Im Aufnahmelager Braunschweig übernimmt Anton sofort Dolmetscher-Aufgaben, weil er Serbisch, Albanisch und Englisch spricht.

März: Barbara Frerker und Edgar Fischer erhalten eine E-Mail der Stadtverwaltung, dass sie eine junge Familie begleiten können. „Wir haben dann einen Termin vereinbart und uns im Rathaus getroffen“, blickt Barbara Frerker zurück – und schmunzelt: „Ersi war gerade mal ein halbes Jahr alt.“ Gemeinsam mit ihrem Mann hilft die 46-Jährige der jungen Familie beim Lösen der Alltagsprobleme, meldet sie bei der Syker Tafel an und hilft beim Ausfüllen der allgegenwärtigen Formulare – oder kümmert sich darum, dass die spartanisch ausgestattete Aufnahme-Wohnung in Syke noch Möbelstücke bekommt.

Anton lernt über eine Hospitation in Edgar Fischers Firma „Printhaus“ den Berufsalltag in Deutschland kennen – mit Unterstützung der Ausländerbehörde. „Das war unproblematisch“, berichtet der Firmen-Chef. Er hilft dem 28-Jährigen dabei, dass er den Führerschein aus seiner Heimat hier nutzen kann. Eine theoretische und eine praktische Prüfung sind Voraussetzung dafür. „In der Fahrschule war sofort Hilfsbereitschaft da“, freut sich Edgar Fischer.

Das deutsche Ehepaar sorgt dafür, dass Anton in besagtem Syker Restaurant als Servicekraft arbeiten kann. Als dann auch der Ausbildungsplatz bei der „Syker Haustechnik“ gefunden ist und Erza einen Krippenplatz hat, sind Meilensteine geschafft. Das Glück scheint perfekt, als dann auch noch die Drei-Zimmer-Wohnung für die junge Familie zur Verfügung steht.

Dass sie mittlerweile komplett ausgestattet ist, das haben die Paten ihren Freunden und Bekannten zu verdanken. Denn auf eine E-Mail hin gehen nicht nur die unterschiedlichsten Sachspenden ein, sondern auch Geldbeträge. Zwei Syker Möbelhäuser unterstützen die Flüchtlingsfamilie ebenso – das eine mit Arbeitskraft, das andere mit einer zufällig zur Verfügung stehenden Gebrauchtmöbelspende.

Anton und Natyra lächeln. Sie sind zufrieden und dankbar für das neue Leben in Sicherheit. Wo sehen sie sich in zehn Jahren? „Ich möchte meinen Meister machen und meinen eigenen Betrieb gründen“, antwortet Anton. Später möchte er auch Mitglied in einem Sportverein sein (er hat im Kosovo geboxt) und natürlich auch ein Auto fahren. „Ich will nicht zu viel, aber auch nicht zu wenig“, sagt der 28-Jährige.

Ein ganz normales Leben für sich und seine Familie wünscht er sich. Aber die Hoffnung darauf ist nicht ungetrübt. Denn das Asylverfahren ist noch nicht abgeschlossen – und die Möglichkeit der Abschiebung noch nicht gebannt.

Anton konzentriert sich jetzt mit voller Kraft auf seine Ausbildung. Barbara Frerker und Edgar Fischer stehen der jungen Familie weiterhin zur Seite – und das mit Vergnügen. Denn sie empfinden ihre Aufgabe als Paten als sehr bereichernd: „Ich kann das nur jedem empfehlen“, sagt die 46-Jährige. Es werde viel gelacht: „Wir haben eine Wellenlänge. Sie haben einen unglaublichen Sinn für Humor“, blickt die Patin auf Anton und Natyra.

Deren Schicksal hat sie nachdenklich gemacht: „Was müsste uns zustoßen, damit wir nur mit ein paar Sachen unsere Heimat verlassen?!“ Sich mit der Geschichte und der Situation einer Flüchtlingsfamilie zu befassen, „das macht einen demütiger im Hinblick darauf, wie gut es uns geht“, sagt Barbara Frerker – und fügt leise hinzu: „Unsereins geht den Jakobsweg. In seiner Freizeit...“

(* Namen von der Redaktion geändert)

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