Zum ersten Mal im Leben angekommen

Ebrima Ceesary und Ali Traore finden in Syke nach einer achtjährigen Odyssee ein Zuhause

Ebrima Ceesary (links) und Ali Traore stehen in einer Gärtnerei vor Blumen.
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Ebrima Ceesary (links) und Ali Traore sind stolz auf ihre abgeschlossene Berufsausbildung als Gärtner. Ihr Chef Cord Meyer will sie unbefristet übernehmen. Beide haben sich 2016 in einem Camp für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge in Bremen kennengelernt und sind seitdem wie Brüder.

Ebrima und Ali lernen sich 2016 in einem Flüchtlingslager kennen und verstehen sich auf Anhieb. Gemeinsam beschließen sie eine Lehre zum Gärtner zu schaffen. Am Ende ihrer Ausbildung in Syke haben beide das Gefühl, endlich angekommen zu sein.

  • De beiden Flüchtlinge Ali und Ebrima absolvieren im Betrieb von Cord Meyer in Syke eine Ausbildung zum Gärtner.
  • Nach der erfolgreichen Prüfung sprechen die Freunde über ihre schwierigen Anfänge.
  • In Syke fühlen sch die beiden 22-jährigen zum ersten Mal im Leben heimisch.

Syke – Ebrima und Ali strahlen wie die Honigkuchenpferdchen. Beide sind mächtig stolz. Auf sich selbst und auf einander. Denn sie haben gerade ihre Ausbildung zum Gärtner beendet und ihre Abschlussprüfung bestanden. Nicht selbstverständlich, wenn man bedenkt, dass sie zu Beginn der Ausbildung kaum Deutsch konnten. Denn Ebrima und Ali teilen dasselbe Schicksal:

Beide sind als sogenannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Mit dem Boot übers Mittelmeer.

Kennengelernt haben sie sich in einem Flüchtlingslager in Bremen. Das war Anfang 2016. Da waren beide gerade erst 17 – aber jeder von ihnen hatte schon eine mehrjährige Odyssee hinter sich. Die Chemie zwischen ihnen stimmte auf Anhieb. Auch wenn sie nicht aus demselben Kulturkreis stammen. Ali versteht Ebrimas Muttersprache, aber nicht umgekehrt. Seit damals sind sie wie Brüder.

Gemeinsam wechselten sie vom Auffanglager in eine Unterkunft für jugendliche Flüchtlinge in Twistringen und als sie 18 waren in eine Wohnung in Syke. Gemeinsam gingen sie zur Schule, und gemeinsam fassten sie einen schwerwiegenden Beschluss: „Wir wollen in Deutschland bleiben und hier arbeiten“, erzählt Ebrima. „Aber wir wussten: Es ist sehr schwer, ohne Ausbildung überhaupt Arbeit zu bekommen.“ Also beschlossen sie, eine Lehre zu machen.

Was, das war für Ebrima überhaupt keine Frage: „Ich hab schon als Kind als Gärtner gearbeitet“, erzählt er. Bei Ali musste er da zuerst noch ein bisschen Überzeugungsarbeit leisten, der hätte lieber was mit Autos gemacht. Aber letztlich war Gärtner auch für ihn kein Problem.

Bei Cord Meyer in Syke fanden sie einen Ausbildungsplatz. Eine gemeinsame Bekannte hatte da die Finger im Spiel: Ana Hund, eine Lehrerin, ist Kundin bei Meyer. Ali und Ebrima kennt sie aus dem Zug, mit dem die drei eine ganze Zeit jeden Morgen Richtung Diepholz zur Schule gefahren sind. Irgendwann sprach sie die beiden einfach mal an.

Bei Cord Meyer vermittelte sie ihnen erst ein Praktikum. Und nachdem das gut gelaufen war, stellte Meyer sie zum 1. August 2017 als Azubis ein. Drei Jahre beträgt normalerweise die Lehrzeit. Ali und Ebrima mussten ein halbes Jahr in die Verlängerung gehen – wegen Formfehlern im Berichtsheft.

„Der Anfang war unglaublich schwer“, sagt Ali. „Wegen der Sprache.“ Seit ihrer Ankunft in Deutschland hatten die Beiden nur einen einzigen Sprachkurs gehabt. Alltagsdeutsch war für sie da schon eine hohe Hürde. Die Fachsprache auf der Berufsschule aber brachte sie zur Verzweiflung. Ali erinnert sich noch gut an das erste Aufgabenblatt, das er in der Schule auf den Tisch bekam. „Ich hab noch nicht mal die Fragen verstanden!“

Cord Meyer erzählt: „Ich hab versucht, für die Beiden Abendkurse zu bekommen. Aber es wurden gar keine angeboten. Auch Nachhilfe hat nie geklappt.“

Folglich lief vieles an der Berufsschule sprachlich einfach an ihnen vorbei. „Die Schule war für die Deutschen schon schwer. Wie hätten wir das also schaffen sollen?“, sagt Ali. „Aber wir haben uns gesagt: Wir müssen das ganz einfach.“ Und das hieß dann in der Konsequenz: Lernen, lernen, lernen. Jeden Abend bis 22 Uhr. Und am nächsten Morgen wieder früh aufstehen und zur Schule oder zur Arbeit. Kein Ausgehen, keine Freunde treffen, gar nichts.

Anfang des zweiten Jahres kam die nächste Krise in Gestalt eines Briefs von der Landwirtschaftskammer: Ali und Ebrima wurden nicht zur Zwischenprüfung zugelassen. „Da haben wir dann gedacht, wir schaffen das nie.“

Sie hat gesagt: Versprecht mir, dass ihr nicht abbrecht, dann helfe ich euch.

Ebrima über das Angebot der Lehrerin Yasmin Köster

Wieder half ihnen eine Lehrerin. „Yasmin Köster von der Berufsschule“, sagt Ebrima und erzählt. „Sie hat gesagt: Versprecht mir, dass ihr nicht abbrecht, dann helfe ich euch. Wenn wir was nicht verstanden haben, haben wir ihr Fotos von den Aufgaben geschickt. Und dann haben wir Telefonkonferenz gemacht. Abends und an den Wochenenden. Sie hat uns einen alten Prüfungskatalog gegeben. Das sind über 1000 Aufgaben. Die mussten wir lernen. Und dann haben wir Prüfungen simuliert.“ Ali grinst: „Am Ende war sie sicher: wir schaffen die Prüfung. Wir nicht so.“

Aber es hat gereicht. Und sogar sehr ordentlich. Ebrima hat seine Prüfung mit Gesamtnote 3 abgeschlossen und damit automatisch auch seinen Realschulabschluss nachgeholt. Ali hat sogar Gesamtnote 2 und damit den erweiterten Realschulabschluss geschafft.

Und nun? – „Beide dürfen nach der Ausbildung noch zwei Jahre weiter arbeiten“, erklärt Cord Meyer. „Wenn sie insgesamt sechs Jahre in Deutschland sind, könnten sie dauerhaftes Bleiberecht bekommen. Das wäre in zwei Jahren soweit.“ An ihm soll es nicht liegen: Er würde beide sofort unbefristet übernehmen. „Die Verträge liegen auf dem Tisch.“

„Wir wollen hierbleiben. Syke ist eine schöne Stadt.

Ebrima Ceesary

„Wir wollen hierbleiben“, sagt Ebrima. „Syke ist eine schöne Stadt. Wir waren gerade 18, als wir hierhergekommen sind. Jetzt sind wir 22. Wir sind hier praktisch erwachsen geworden.“ Er sagt das sehr leise, ernst und nachdenklich, und man sieht förmlich, wie vor seinem inneren Auge dabei noch einmal die insgesamt achtjährige Odyssee von Westafrika bis Norddeutschland abläuft. „Jetzt bin ich angekommen. Zum ersten Mal im Leben.“ Und Ali nickt.

Zwei Flüchtinge - zwei Lebensgeschichten

Ebrima Ceesary

Ebrima Ceesary

Ebrima Ceesary stammt aus Gambia. Die Mutter starb bei der Geburt seiner zwei Jahre jüngeren Schwester. Aufgewachsen ist er bei Onkel und Tante in einem kleinen Dorf. Schon als Kind hat er bei seinen Verwandten als Gärtner gearbeitet.

„Meinen Vater habe ich erst mit 12 oder 13 kennengelernt“, erzählt er. „Als ich 15 war, holte er mich und meine Schwester von dort weg und nahm uns mit zu sich. Aber es gab ständig Streit und er hat uns oft geschlagen. Wir sind dann abgehauen in den Senegal.“

Seine Schwester ging kurz darauf wieder zurück nach Gambia. Wie und warum erzählt Ebrima nicht. Sie lebt dort aber bei einer anderen Familie. „Es geht ihr gut“, sagt er. „Eine kirchliche Organisation bezahlt den Unterhalt und das Schulgeld für sie.“

Ebrima selbst hatte sich dagegen mehr oder weniger ziellos durchgeschlagen. Seinen Lebensunterhalt verdiente er als eine Art Platzverkäufer im Sammeltaxi. „Ich bin dann immer dahin mitgefahren, wo das Auto hinfuhr. Das hätte auch nach Süden gehen können.“ Aber es ging immer weiter in Richtung Norden. Und so landete Ebrima schließlich 6000 Kilometer von seiner Heimat entfernt in Libyen.

„Ich hatte keinen Plan, wie es weitergehen sollte“, erzählt er. „Libyen war gefährlich damals. Da war Krieg.“ Über die Details spricht Ebrima nicht. „Ein Mann hat mich dort gekauft. Aber der war gut zu mir, der hat mich geliebt. In Libyen bleiben konnte ich nicht, zurück wollte ich nicht. Ich hätte vielleicht nach Tunesien gekonnt. Aber auch das war gefährlich. Er hat dann gesagt, wir finden einen Weg. Und so bin ich in einem Boot nach Italien gelandet.“

Ein recht großes Schiff sei es gewesen und die Überfahrt sicher. An viel erinnern kann oder will sich Ebrima nicht mehr. „Ein Mann hat auf mich aufgepasst. Ich habe die meiste Zeit unter Deck geschlafen und kaum etwas mitgekriegt.“

Nach der Landung in Italien hatte sich Ebrima immer wieder verschiedenen Gruppen anderer Flüchtlinge angeschlossen. „Ich bin dahin mitgegangen, wo die Leute hingegangen sind. So bin ich schließlich nach Deutschland gekommen.“

Ali Traore

Ali Traore

Ali Traore ist in Sierra Leone geboren. Sein Vater stammt aus dem Nachbarland Guinea. In Sierra Leone herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. „Als ich acht war, sind wir deshalb nach Guinea gezogen. Mein Vater durfte aber nicht mit zurück, der wurde gesucht.“

Ali und seine Mutter lebten bei der Familie des Vaters in einer Großstadt. 2013 kam sein Vater ums Leben. Und da seine Eltern nicht verheiratet waren, gab es von da an Probleme mit der Familie des Vaters.

„Ich war 14 und hatte Angst“, erzählt er. „Ich dachte: Besser ich hau ab!“ Ganz allein kam Ali zunächst nach Mali, von dort nach Niger und schließlich nach Libyen. Und überall sah er dasselbe: Hass, Gewalt, Krieg und Tod. „Es war im nächsten Land immer noch schlimmer als im vorigen.“

In Libyen konnte er nicht bleiben. Ali erzählt: „Wir waren drei Jungs. Eine Frau gab uns immer was zu essen. Sie hat gesagt, entweder gehen wir zurück nachhause oder weiter nach Italien. Ich hab gesagt: Dann nach Italien.“ Er weiß nicht, ob die Frau etwas für ihn bezahlt hat oder er nur abgeschoben wurde. Jedenfalls wurde er auf ein Boot verfrachtet.

Über die Überfahrt kann er auch Jahre danach kaum sprechen. „Es war ein kleines Boot. Überall lief Wasser hinein. Wir haben geweint vor Angst.“ Was mit den anderen Jungs passiert ist, erzählt er nicht.

Nach endlosen Tagen kam ein großes Schiff und brachte die Überlebenden nach Italien. Mit der Bahn kam Ali nach Österreich. „Ohne Geld. Ich bin einfach in den Zug gestiegen.“ In Innsbruck fischte ihn die Polizei heraus und brachte ihn an die deutsche Grenze. „Da kannst du Asyl beantragen, haben sie gesagt. Ich wusste nicht mal, was das ist.“ Irgendwie kam er nach Dortmund und von dort nach Bremen.

Knapp 10 000 Kilometer und acht Jahre liegen hinter Ali Traore. Jetzt, in Syke, sagt er: „Ich bleibe hier.“ Der Grund ist einfach: „Die Leute sehen mich und wechseln nicht automatisch die Straßenseite, weil sie denken, ich bin kriminell. Ich weiß, dass es überall gute und böse Menschen gibt. Aber in Deutschland war das erste Mal, dass jemand von sich aus zu mir gekommen ist und gefragt hat: Can I help you?“

Von Michael Walter

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