1. Startseite
  2. Lokales
  3. Landkreis Diepholz
  4. Syke

Epilepsie-Medikament nirgendwo verfügbar: Mutter auf verzweifelter Suche

Erstellt:

Von: Anke Seidel

Kommentare

Die Reserven vieler Apotheken werden knapp. Angefangen bei Fiebersäften bis hin zu Präparaten zur Langzeitbehandlung von Brustkrebs verzeichnet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 384 fehlende Präparate.
Die Reserven vieler Apotheken werden knapp. Angefangen bei Fiebersäften bis hin zu Präparaten zur Langzeitbehandlung von Brustkrebs verzeichnet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 384 fehlende Präparate. © Waltraud Grubitzsch/dpa

Der Medikamentenmangel greift um sich. Eine Mutter sucht verzweifelt, auch im Ausland, nach dem Epilepsie-Medikament für ihre Tochter.

Syke – Mütter sorgen sich um ihre kranken Kinder, an Brustkrebs leidende Frauen um ihre Behandlung: Der Medikamentenmangel wirft lange Schatten. Aktuell listet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 384 fehlende Präparate auf – darunter paracetamol- und ibuprofenhaltige Fiebersäfte für Kinder.

Unbestimmte Medikamenten-Lieferzeiten werfen Rätsel auf: Hoffen oder langsam absetzen?

Nach eigenen Angaben bemüht sich das Bundesinstitut fieberhaft darum, die Situation möglichst schnell zu verbessern: „Das BfArM steht im engen Austausch mit den betroffenen Zulassungsinhabern, um aktuelle Informationen zu Produktionsplanungen und verfügbaren Beständen zu erhalten. Der Beirat für Liefer- und Versorgungsengpässe analysiert die Situation und gibt Empfehlungen zur Abmilderung der Engpässe“, so das BfArM auf seiner Internetseite.

Für Betroffene absolut kein Trost. Zu ihnen gehört auch Katrin Köster aus Syke. Ihre heute neun Jahre alte Tochter Marlene ist mit dem Angelman-Syndrom zur Welt gekommen. Wegen ihrer starken körperlichen und kognitiven Einschränkungen ist sie dringend auf Medikamente angewiesen – doch ein Präparat ist zurzeit absolut nicht lieferbar: Lamictal, das den Wirkstoff Lamotrigin enthält und das epileptischen Anfällen entgegenwirkt.

„Marlene bekommt morgens 15 Milligramm und abends 10 Milligramm Lamictal“, erläutert die Mutter, „wir verwenden nur die 5 mg-Tabletten“. Doch genau diese Tabletten sind im Augenblick „auf unbestimmte Zeit nicht lieferbar“, hat die 44-Jährige erfahren müssen. Sie ist geschockt – und stellt sich die Frage: Was, wenn der bisherige Vorrat an Lamictal aufgebraucht ist? Bisher sei ihre Tochter, die insgesamt sechs Medikamente in Kombination nehmen muss, sehr gut eingestellt. Deshalb ist Katrin Köster in großer Sorge, was ein Mangel von Lamictal auslösen könnte: „Ich weiß nicht, ob sie dann wieder Anfälle oder womöglich Entzugserscheinungen hat. Das möchte ich meiner Neunjährigen nicht antun!“

Alles setzt die Mutter daran, so schnell wie irgend möglich Nachschub zu finden. Schon als der Anruf aus Marlenes Wohnheim „Haus Regenbogen“ in Oldenburg kam, man könne das Rezept für Lamictal nicht einlösen, hat sie sofort gehandelt – und bei ihrer örtlichen Apotheke noch zwei Packungen sichern können: insgesamt 120 Tabletten. „Eine Packung habe ich mit DHL geschickt und eine selbst nach Oldenburg gebracht“, erklärt die 44-Jährige, die weiter fieberhaft nach dem Medikament sucht. Aber weder in anderen Apotheken noch online ist das Präparat erhältlich – weder bundesweit noch in den Nachbarländern. „Nur noch in der Schweiz war es zu haben“, berichtet Marlenes Mutter. Deshalb versuchte sie, über die internationale Apotheke in Hannover an das Präparat aus der Schweiz zu kommen. Doch das sei nicht möglich gewesen.

Mediziner Dr. Christoph Lanzendörfer wünscht sich ein Ende der Rabattverträge

Eine Anfrage an den Hersteller von Lamictal, Glaxo-Smith-Kline, habe ergeben: Frühestens in der fünften Kalenderwoche sei das Medikament mit fünf und zwei Milligramm Wirkstoff wieder verfügbar. Deshalb stellt sich nun die Frage: Sind Tabletten mit 25, 50 oder 100 Milligramm Wirkstoff durch Teilung eine Alternative? Genau das will Katrin Köster bei Marlenes nächstem Untersuchungstermin mit ihrer Neurologin am Elisabeth-Kinderkrankenhaus im Klinikum Oldenburg besprechen.

Einen Platz auf der Warteliste bei den Apotheken in der Region hat sie längst, um das fehlende, passgenaue Medikament so schnell wie möglich wieder zu bekommen. Die Anspannung ist groß: „Man fühlt sich so hilflos.“

Dr. Christoph Lanzendörfer
Dr. Christoph Lanzendörfer. © Privat

Der Mangel an bestimmten Medikamenten prägt seit Langem den Alltag in Arztpraxen und Apotheken. Jetzt habe sich die Lage weiter verschärft, berichtet Dr. Christoph Lanzendörfer als Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung für den Bereich Grafschaft Hoya. Denn nun fehlen auch noch Statine, die beispielsweise für die Sekundärprophylaxe nach einem Herzinfarkt eine elementare Rolle spielen, weil sie das LDL-Cholesterin senken. „Es gibt gar nichts mehr“, stellt der erfahrene Mediziner aus Bassum fest, „auch Ersatzmedikamente nicht“. Dabei brauchen viele Menschen diesen Wirkstoff: „Das betrifft Millionen!“ Beim Preis von Medikamenten gehe es mittlerweile um Bruchteile von Centbeträgen, stellt Christoph Lanzendörfer fest – und wünscht sich ein Ende der Rabattverträge, „damit nicht immer das billigste Medikament verschrieben wird“. Denn eine höhere Gewinnmarge erhöhe die Chancen, dass mehr Medikamente in Deutschland produziert würden.

Es gibt gar nichts mehr.

Dr. Christoph Lanzendörfer

Dr. Bernd Roshop, Sprecher der Ärzte in der Kassenärztlichen Vereinigung im Bereich der Grafschaft Diepholz, kennt den Medikamentenmangel ebenso aus der Praxis. Im November und Dezember sei er vor allem wegen der Grippewelle akut gewesen. Besonders fehlten Säfte gegen Fieber und Erkältungssymptomen bei Kindern. „Jetzt entspannt es sich“, beschreibt Dr. Bernd Roshop die aktuelle Lage. Allerdings bereitet ihm der aktuelle Mangel an Antibiotika Sorge: Dass Penecilin und Cotrimoxazol nicht verfügbar seien, „das habe ich in 25 Jahren nicht erlebt“.

KV-Sprecher Dr. Bernd Roshop meint, mehr Medikamente müssen in Deutschland produziert werden

Alternativen seien jedoch gefunden worden: „Es ist kein Patient nicht behandelt worden.“ Mehr Medikamente müssten in Deutschland produziert werden, wünscht sich Dr. Bernd Roshop: Wenn viele Menschen erkrankt seien, müsse man schnell und flexibel mit Medikamenten reagieren können: „Das ist wichtig für die Versorgung.“

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach hatte schon Ende des Jahres gefordert, dass die Krankenkassen das bis zu 1,5-fache des Minimalbetrags für Arzneimittel bezahlen sollen, um die Verfügbarkeit von Medikamenten spürbar zu verbessern. „Der wichtigste Schritt wäre eine Gesetzesänderung“, betont Dr. Lanzendörfer – und fügt hinzu: „Wir wissen, wie lange das dauert...“

Das Wichtigste aus dem Landkreis Diepholz: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Dr. Lanzendörfer verweist auf eine Stellungnahme der Kassenärztlichen Vereinigung, die vom Bundesgesundheitsministerium Maßnahmen gegen Medikamentenengpässe fordert. Ihre Delegierten hatten während der Vertreterversammlung eine Resolution verabschiedet (siehe Kasten).

Auch interessant

Kommentare