Anti-Gewalt-Training der siebten Klassen der Realschule im Syker Jugendhaus

Lärm, Leute, Licht

+
Ein paar Stühle und ein Frisbee als Lenkrad – fertig ist der Bus. Charbel simuliert im Rollenspiel den Fahrer.

Syke - Von Rainer Köster. Als Fahrer Charbel die Haltestelle Hannover Hauptbahnhof ankündigt, ist es noch eine ganz normale Busfahrt. Nur wenige Personen befinden sich im Fahrzeug: vorne gleich neben dem Einstieg der 87-jährige Arne, in der Mitte zwei Bankangestellte mittleren Alters mit überdimensioniertem Aktenkoffer, die frischverliebten Lilly und Luca weiter hinten, und auf der Rückbank spielt die 13-jährige Clarissa mit dem Smartphone.

Am Bahnhof steigt ein Pärchen dazu und steuert zielsicher auf das junge Mädchen zu. Der mit einem Hoodie verdunkelte Mann beginnt leise und eindringlich auf sie einzureden. „Guckt nach vorn!“ herrscht die Frau die Banker an.

Die Situation ist unübersichtlich. An der nächsten Station verschwindet das Paar, nicht ohne dem Busfahrer noch einen dummen Spruch zuzuraunen. Erst später wird klar: In der kurzen Zeit zwischen den Haltestellen hat das Smartphone den Besitzer gewechselt.

Minuten später sitzen Beteiligte und Zuschauer in einem Stuhlkreis im Syker Jugendhaus. Die gespielte Busszene leitete den Teil „Zivilcourage“ des Projektes „Wir sind stark“ ein, das die siebten Klassen der Realschule zurzeit am Donnerstag und Freitag unter der Leitung von Schulsozialpädagogin Brunhilde Maskos und Kriminalkommissar Ingo Müller durchführen.

Die Frage ist: Wie hätte das besser ausgehen können? Hätte Clarissa sich anders verhalten können? Und die Mitfahrer?

Die Jungen und Mädchen der 7a sparen nicht mit Vorschlägen: Woanders hinsetzen, das Handy einstecken. Sich bemerkbar machen, damit die Mitfahrer was mitkriegen und der Busfahrer informiert wird. Ingo Müller stimmt zu: Der Busfahrer müsse wissen, „da hinten passiert gerade was“, damit er den Bus anhalten könne.

Und dann? Die Polizei rufen. Nicht selbst eingreifen, vor allem nicht allein. Oberster Grundsatz, so Müller, sei immer: „Ihr sollt euch nicht selbst in Gefahr bringen.“

Dieser Satz steht schon zuvor im Mittelpunkt des Teils „Selbstverteidigung“, in dem zwei ahnungslose Mädchen und ein Junge einzeln in einem aus Spalier stehenden Schülern simulierten „Tunnel“ angegangen werden. Ingo Müllers Premiere im schwarzen Kapuzenpulli mit Sonnenbrille. Während Hannes zunächst sich noch durchzusetzen versucht – „Lass mich durch!“ – machen Mieke und Kira auf dem Absatz kehrt: das richtige Verhalten, wie Brunhilde Maskos danach klarstellt.

Schreien, weggehen, die Nähe anderer suchen, „Lärm, Leute, Licht. Aber den Täter am besten gar nicht berühren.“ Anschließend sofort die Polizei einschalten und den Täter beschreiben – was selbst in der stressfreien Spielsituation gar nicht so einfach ist, wie „Opfer“ Mieke feststellen muss.

Seit 2010 wird für die siebten Klassen das Projekt Gewaltprävention angeboten, an jeweils zwei aufeinander folgenden Tagen pro Klasse, so Klassenlehrerin Gabi Flor, die sich während der Gesprächsrunden bewusst zurückhält. Von der Ausgrenzung durch Mobbing oder Nichtbeachtung bis zur konkreten Erfahrung körperlicher Angriffe werden unterschiedliche Tatbestände simuliert, diskutiert und auf einer „Gewaltskala“ zwischen 10 und 100 eingeordnet.

Mit durchaus überraschenden Resultaten. „Jemand findet alle Ausländer blöd“ steht auf einem der Schilder. Es liegt am Ende der Skala, bei 90.

„Vertrauen“, und zwar vor allem das in die Mitschüler, ist das zentrale Thema des zweiten Projekttages. Die Schüler jedenfalls sind mit sichtbarer Begeisterung bei der Sache. Und „Busfahrer“ Charbel ist überzeugt: „Das bringt was. Und es ist besser als Schule.“

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Alpaka-Nachwuchs in Rethem

Alpaka-Nachwuchs in Rethem

Tourbus unter dem Hammer: Reisen wie einst die Kelly Family

Tourbus unter dem Hammer: Reisen wie einst die Kelly Family

Personaler verraten: So sieht der perfekte Bewerber aus

Personaler verraten: So sieht der perfekte Bewerber aus

„Lenna” im Kurpark

„Lenna” im Kurpark

Meistgelesene Artikel

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Philip Sander löst Simon Hammann als Schützenkönig von Twistringen ab

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Twistringer Schützen erleben Marathon der Glückseligkeit

Neues Königspaar in Twistringen gekürt

Neues Königspaar in Twistringen gekürt

„Lenna“ begeistert – auch bei Regen und Gewitter

„Lenna“ begeistert – auch bei Regen und Gewitter

Kommentare