Anteil der Fachkräfte steigt deutlich

Flüchtlinge im Landkreis Diepholz integrieren sich auf dem Arbeitsmarkt

Die Ausbildung im Handwerk hat sich im Landkreis Diepholz bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt als höchst effektiv bewiesen.
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Die Ausbildung im Handwerk hat sich im Landkreis Diepholz bei der Integration von Migranten in den Arbeitsmarkt als höchst effektiv bewiesen.

2015 reisten über eine Million Flüchtlinge in Deutschland ein. Viele von ihnen waren arbeitssuchend. Damals klafften die Vorstellungen der Geflüchteten und die Erwartungen der Arbeitgeber weit auseinander. Das ist heute anders.

Landkreis – Seit der großen Flüchtlingskrise 2015 haben sich sowohl Migranten als auch Unternehmen aneinander gewöhnt, die Integration funktioniert. Vor fünf Jahren trafen sich Experten der Diepholzer Kreisverwaltung, der Industrie- und Handelskammer (IHK), des Jobcenters, der Arbeitsagentur und der Kreishandwerkerschaft in Sulingen, um über die Integration von Flüchtlingen in den deutschen Arbeitsmarkt zu sprechen (wir berichteten). Der Grundtenor damals wie heute: Je schneller Migranten in die Arbeit kommen, desto besser.

Qualifikation

Dafür gibt es laut Jens Leßmann, Geschäftsführer der Diepholzer Kreishandwerkerschaft, eine simple Erklärung: „Ein langer Schulbesuch ist frustrierend, wenn man das Lernen gar nicht erst gelernt hat.“ In den Herkunftsländern seien die Immigranten nämlich nur selten wirklich lange und regelmäßig zur Schule gegangen. Deswegen falle es vielen Flüchtlingen leichter, die für eine Ausbildung so elementar wichtige deutsche Sprache im alltäglichen Gebrauch zu erlernen, statt trocken im theoretischen Unterricht.

Deswegen empfiehlt Leßmann den Einstieg in einen handwerklichen Beruf über ein längeres Praktikum, „um einen Fuß in die Tür zu bekommen“. Der Vorteil: Die Migranten haben ausreichend Zeit, sich mit der deutschen Sprache vertraut zu machen. „Hätten sie direkt eine Ausbildung angefangen, hätten sie auch direkt zur Schule gehen müssen“, erklärt er. Sprachliche Grundkenntnisse seien dort allerdings eine Voraussetzung.

Jens Leßmann: „Zu Beginn der Flüchtlingswelle sind auf dem Arbeitsmarkt zwei unterschiedliche Welten aufeinandergetroffen.“

„Die Sprache ist das A und O“, meint Constantin von Kuczkowski, Geschäftsstellenleiter der IHK im Landkreis Diepholz. Insgesamt habe sich in diesem Bereich in den vergangenen fünf Jahren viel getan, „aber eine gewisse sprachliche Hürde ist geblieben. Das ist doch klar“, so von Kuczkowski. „In der Schule geht es oft um Fachbegriffe. Das führt heute immer noch zu Problemen“, erklärt er. Deswegen würden viele Betriebe weiterhin auf Eigeninitiative ihren Azubis mit Migrationshintergrund Sonderleistungen für den Spracherwerb bieten.

Daniel Bestvater, Pressesprecher der Agentur für Arbeit Nienburg-Verden, sagt auch stellvertretend für das Diepholzer Jobcenter: „Das oberste Ziel ist die nachhaltige Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in den deutschen Arbeitsmarkt.“ Ob das über den direkten Weg der Ausbildung oder durch die Schule geschieht, sei demnach zweitrangig: „Wir schauen, was das jeweils Beste für denjenigen ist. Nachhaltigkeit schaffen, ist sehr individuell.“

Erwartungshaltung

In dem Bereich der jeweiligen Erwartungshaltung hat sich die Situation im Vergleich zu 2016 laut Jens Leßmann deutlich verbessert: „Die Betriebe, aber auch die geflüchteten Azubis sind realistischer geworden.“ Der Chef der Kreishandwerkerschaft meint: „Zu Beginn der Flüchtlingswelle sind auf dem Arbeitsmarkt unterschiedliche Welten aufeinandergetroffen. Die Unternehmen hatten Hoffnung auf ein hohes Fachkräftepotenzial, die hofften auf eine leichte Integration in den Arbeitsmarkt.“

„Wenn ich in ein behördlich geprägtes Land komme und das so gar nicht kenne“, sagt Daniel Bestvater, „dann muss ich mich erst einmal zurechtfinden.“ Denn was in einem Kulturkreis gelte, gelte nicht pauschal für einen anderen. „Natürlich sind die Ansprüche und Vorstellungen dann verschieden“, sagt er. Damit Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzfähig werden, „musste viel Aufklärungsarbeit geleistet werden“ – sowohl vom Jobcenter und der Arbeitsagentur als auch von den Betrieben, die Azubis mit Migrationshintergrund eingestellt haben. Statistisch gesehen, sei die Entwicklung der Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt insgesamt positiv zu bewerten.

Constantin von Kuczkowski: „Am Anfang war die Selbstüberschätzung der Azubis mit Migrationshintergrund ein Problem. Das ist zurückgegangen.“

Am Anfang war die Selbstüberschätzung der Immigranten ein Problem“, meint Constantin von Kuczkowski und ergänzt: „Die Situation hat sich aber grundlegend entspannt.“ Viele Flüchtlinge hätten eine falsche Vorstellung davon gehabt, wie die Arbeit in Deutschland aussieht. „Sie kannten beispielsweise unser Ausbildungssystem gar nicht.“

Das Gleiche gelte allerdings auch für die ausbildenden Betriebe: „Sie müssen mit der Wirklichkeit umgehen“, meint von Kuczkowski. Wenn Unternehmen einen Azubi aus einem Flüchtlingsland einstellen, „dann kommt da jemand, der bei unter Null anfängt, weil er die Sprache noch gar nicht spricht“. Nichtsdestotrotz hätten die Firmen auch einen fachlichen und technischen Anspruch. „Diesen Spagat muss man schaffen.“

Bürokratie

Auch in Sachen Bürokratie habe sich in den vergangenen Jahren einiges zum Guten gewendet. „Die Wege sind jetzt eingeübter“, sagt Jens Leßmann. Mittlerweile werden die einzelnen behördlichen Schritte auch klarer kommuniziert, „aber es hat halt gedauert“. Ähnlich sieht es Landrat Cord Bockhop. „Längere Bearbeitungszeiten waren vor allem der Tatsache geschuldet, dass eine personelle Aufstockung in solch kurzer Zeit einfach nicht zu realisieren war“, lässt er sich in einer Pressemitteilung des Landkreises zitieren. „Ein Großteil der bürokratischen Hürden konnte in den vergangenen Jahren abgebaut werden“, heißt es weiter.

Cord Bockhop: „Ein Großteil der bürokratischen Hürden konnte in den vergangenen Jahren abgebaut werden.“

Zu Beginn der Flüchtlingswelle habe es viel Frust bei den Unternehmen gegeben, „weil alles so undurchsichtig war“. Als Beispiel nannte er die Abschiebung von Geflüchteten: „Den Unternehmen wurde gesagt, dass Migranten nicht abgeschoben werden dürfen, wenn sie in einem Ausbildungsverhältnis stehen, und trotzdem gab es Fälle, in denen genau das passiert ist.“ Dadurch hätten die betroffenen Betriebe nicht nur Geld, sondern auch Zeit umsonst investiert.

Zahlen

Nach Angaben von Verwaltungssprecherin Mareike Rein leben heute rund 4 500 Flüchtlinge im Landkreis Diepholz. Eine genaue Angabe zu den Zahlen sei allerdings sehr schwer. „Da sich der Aufenthaltstitel im Laufe der Zeit verändern oder auch ein Wegzug erfolgen kann, tauchen einige Personen in der Statistik nicht mehr auf“, heißt es seitens des Landkreises weiter.

Auch Daniel Bestvater tut sich schwer, genaue Zahlen zu nennen. Wenn er beschreibt, wie sich die Situation in den vergangenen Jahren entwickelt hat, „dann sind das eher Gefühlswerte“. Dennoch: Seit 2016 sei die Zahl der beim Jobcenter gemeldeten Zugänge von Menschen mit Fluchthintergrund kontinuierlich zurückgegangen. Die Zahl des Bestands steige trotzdem. „Man kriegt ja nicht jeden Arbeitslosen direkt am ersten Tag wieder in Arbeit“, so Daniel Bestvater.

Statistisch gesehen ist auch im Bereich der IHK die Ausbildung der gängigste Weg für einen Flüchtling in die Erwerbstätigkeit. Erfreulich sei dabei, so von Kuczkowski, dass der Anteil der Fachkräfte unter den ehemaligen Flüchtlingen deutlich steigt: „Im Jahr 2019 waren es rund zehn Prozent, jetzt sind es 37 Prozent.“ Erfreut zeigt sich der IHK-Geschäftsstellenleiter darüber, dass bislang 97 Prozent aller Betriebe, ihre geflüchteten Azubis übernommen haben: „Das ist eine hohe Klebewirkung.“

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