Andrang bei der Syker Tafel dramatisch gestiegen

Menschenschlange ohne Lächeln

Gemüse noch in Hülle und Fülle: „In anderen Tafeln vor allem in den Großstädten spitzt sich die Lage allmählich dramatisch zu.“

Syke - Von Heinrich Kracke. Die Arbeitsagentur verkündet immer neuer Beschäftigungsrekorde, die Arbeitslosigkeit rutschte im Raum Syke auf märchenhafte 3,8 Prozent, die Zahl der freien Stellen kletterte mit zweistelligen Zuwachsraten auf über 800. Und dennoch. Dem ganzen Jobwunder zum Trotz klafft die soziale Schere immer weiter auseinander.

Festzustellen zum Beispiel bei den Tafeln, bei denen Hartz-IV-Empfänger Lebensmittel fast zum Nulltarif finden. Statt sinkender Zahlen verzeichnen die Tafeln immer mehr Zulauf. Die Welle neuer Anwärter will überhaupt nicht enden. „Wir befinden uns auf historischem Rekordniveau“, sagt Jutta Meyer. Sie führt Buch bei der Lebensmittelausgabe am Feuerwehrturm in Syke.

Ein ganz normaler Dienstagmittag. Ein bisschen Sonnenschein noch, für einen Dezembertag ganz angenehme Temperaturen. Das macht das Warten erträglich. Eine lange Schlange mit Menschen jeden Alters hat sich gebildet, längst reicht auch zu dieser Stunde das üppige Vordach der Syker Tafel nicht mehr aus, um alle vor Wind und Wetter zu schützen. Längst reicht die Schlange bis auf den Vorhof. Und wer weiß, wahrscheinlich wird sie gleich bis auf den Gehweg an der Straße reichen. Und niemand in dieser Schlange mit einem Lächeln im Gesicht.

Noch hat die Tafel nicht geöffnet. Sie öffnet immer um 14 Uhr. Nicht früher, sonst sind die Lebensmittel noch nicht eingeräumt; nicht später, sonst murrt die Schlange. Hilde Osmers ist für die Ausgabe des schönsten Teils der Mahlzeit zuständig. Fürs Dessert. Eine ganze Ladung Dreierpacks Pudding ist eingetroffen. Den Blick aufs Haltbarkeitsdatum erspart sie sich. In den Supermarktregalen hätte Pudding mit diesem Haltbarkeitsdatum keine Chance. Unverkäuflich. Der Discounter überließ die Ware deshalb der Tafel. „Dankenswerterweise erhalten wir sehr viel Unterstützung aus dem örtlichen Handel,“ sagt Tafelsprecher Wolfgang Buchholz. Jetzt stapeln sich die Dreierpacks vor der langjährigen ehrenamtlichen Helferin. „Das Haltbarkeitsdatum ist noch im grünen Bereich“, sagt sie. Verschmäht wird der Pudding hier nicht. Im Gegenteil. Hilde Osmers macht aus den Dreierpacks Einzelpacks. Ihre Art, das Angebot mal eben zu verdreifachen. Und dennoch wird es nicht reichen. „Ich lege mir noch einiges zurück. Zumindest die Kinder sollen alle ihren Pudding kriegen.“

Drastisch hat die Zahl der Kinder zugenommen. Das liegt unter anderem am Flüchtlingsaufkommen, das sich hier niederschlägt. 118 Kinder stehen aktuell auf der Liste allein der Syker Tafel, davon 47 Kinder aus asylsuchenden Familien. Darüber hinaus sind 370 Erwachsene berechtigt, das Lebensmittelangebot in Anspruch zu nehmen, davon 72 Asylsuchende. Und längst nicht mehr ausgeschlossen, dass die Organisation noch in diesem Jahr die magische Klippe von 500 Hilfebedürftigen überschreitet. „Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnen wir Steigerungsraten um 30 Prozent“, sagt Jutta Meyer. An den drei Ausgabestellen Syke, Bruchhausen-Vilsen und Leeste ist die Klientenschar auf 900 emporgeschnellt. „Bei der Anmeldung haben wir einige fremdsprachliche Hürden zu nehmen,“ sagt Frau Meyer, „aber mit Händen und Füßen können wir uns immer verständigen.“ Und zur Not hilft Jasmina. Als Flüchtling ist die junge Frau nach Syke gekommen. Jetzt dient sie der Tafel ehrenamtlich.

Mohammed Omar sorgt sich um seine Familie. Vor zwei Jahren hat er zunächst allein versucht, den Wirren im Irak zu entkommen. Nach einer wochenlangen Odyssee strandete er an der Hache. Vor zwei Monaten konnte er Frau und Kinder in die Arme schließen. Auch sie und die drei Jungen und das Nesthäkchen, das einzige Mädchen im Haus, das gerade erst geboren war, als er den Weg nach Norden und ins Ungewisse einschlug, sie alle leben jetzt wieder unter einem Dach. Ein bisschen spricht der 35jährige Familienvater inzwischen Deutsch. Auch die Jungen brechen sich fleißig die Zunge an Worten wie „Kühlschrank“, „Lokomotive“ oder „Brotschnitte“, sie besuchen die sechste, vierte und zweite Klasse. Das Mädchen wächst mit norddeutscher Mundart im Kindergarten auf. Aber einmal die Woche ist keine Zeit für neue Begriffe. Zu sechst steht die Familie in der Schlange am Feuerwehrturm. „Gutes Essen“, sagt Mohammed Omar, „sehr gutes Essen.“ Eine Plastiktüte trägt er unter dem Arm. Noch ist sie leer.

Brot liegt reichhaltig in den Auslagen, sogar Brötchen können angeboten werden. Salat in vielfältiger Form ist vorrätig, angewelkt zwar, aber auf seine Weise appetitlich, Karotten, Kartoffeln, Paprika, sogar Avocados stehen diesmal zur Verfügung. Einige Gläser mit Dressing haben den Weg an den Feuerwehrturm gefunden, sogar Gewürze und Ketchup stehen in den Regalen. „Noch können wir die Nachfrage befriedigen“, sagt der Tafelsprecher. In anderen Einrichtungen vor allem in den Großstädten spitzt sich die Lage allmählich zu. „Da sind die Tafeln oft völlig überlaufen. Manche können schon keine neuen Hilfebedürftigen mehr aufnehmen.“ Die Schlange bleibt in Bewegung. Einer nach dem anderen darf an die mächtigen Körbe herantreten. Kürzer wird der Menschenauflauf dennoch nicht. Es kommen neue hinzu.

Einsam steht er irgendwo mittendrin, der 31-Jährige. Vor 22 Jahren flüchtete Zlatan Jakic vor den Kriegswirren auf dem Balkan in die Bundesrepublik. Er spricht längst in akzentfreiem Deutsch. Vor einem Jahr landete er in Syke, seit zwei Wochen nimmt er das Angebot der Tafel wahr. „Es geht nicht mehr anders. Ich muss satt werden.“ Dabei hatte sich der gebürtige Bosnier bereits auf einem guten Weg befunden. Er schloss eine Ausbildung als Bürokaufmann ab. Eine Zukunft auf eigenen Beinen stand ihm bevor, ehe ihn die Vergangenheit einholte, auch die Erinnerungen, die er als Kind erfuhr, damals, als man niemanden mehr trauen durfte und hinter jeder Ecke Mord und Totschlag lauerten. „Aber irgendwann werde ich die psychischen Probleme hinter mir gelassen haben,“ sagt er, „ich will unbedingt in meinen Beruf zurück. Das ist eine wichtige Option.“

Manche ziehen mit einem Lächeln an ihm vorüber. Jetzt doch. Jeder, der die Restetafel passiert, geht mit einem Lächeln weiter. Edith Czabela steht heute an dem wohl begehrtesten Stand. Sogar Rosen, Lilien und Astern leuchten hier in Kunststoffgefäßen. „Die Blüten sind schon aufgegangen, verkaufen lassen sie sich nicht mehr, aber bei uns sind sie immer noch sehr gefragt.“ Auch an Hygieneartikeln gibt Frau Czabela weiter, was da ist. Lediglich in einem Punkt muss sie mit Nein „verkaufen“, sagt sie. „Windeln, danach wird häufig gefragt.“ Windeln haben halt kein Haltbarkeitsdatum.

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