„Wo wollen wir eigentlich hin?“

Am Verkehr der Hauptstraße in Syke scheiden sich die Geister – dabei ist der nicht das eigentliche Problem

Zwischenstopp am möglichen künftigen Ärztehaus-Standort: Bürgermeisterin Suse Laue und Erster Stadtrat Thomas Kuchem (l.) im Gespräch mit Redakteur Frank Jaursch.
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Zwischenstopp am möglichen künftigen Ärztehaus-Standort: Bürgermeisterin Suse Laue und Erster Stadtrat Thomas Kuchem (l.) im Gespräch mit Redakteur Frank Jaursch.

Eine Verkehrsregelung für die Hauptstraße in Syke zu finden, die allen gefällt, ist so etwas wie die Quadratur des Kreises. Bei einem Spaziergang über die Straße erzählen Bürgermeisterin und Erster Stadtrat, was es für Pläne an der Straße gibt – und warum die Frage nach der richtigen Verkehrsführung eigentlich gar nicht die wichtigste Frage ist.

Syke - Ach, diese vermaledeite Hauptstraße. Jeder hat eine Meinung dazu. Viele denken mit einem wehmütigen Seufzen zurück an die „gute alte Zeit“. Manche haben die unterschiedlichsten Vorstellungen von reiner Fußgängerzone bis „freie Fahrt für alle“. Und einige wenige haben sich intensiv mit möglichen Lösungen befasst. Aber keiner hat die Idee, die alle glücklich machen würde.

Die Verkehrsführung der Hauptstraße ist die Quadratur des Kreises. Zeit für einen Spaziergang – mit Bürgermeisterin Suse Laue und dem Ersten Stadtrat Thomas Kuchem.

Die Frage der Verkehrsführung ist eine untergeordnete Frage.

Suse Laue, Bürgermeisterin von Syke

Gleich zum Einstieg sagt Suse Laue einen Satz, der auf den ersten Blick überrascht angesichts der Intensität der Diskussion: „Die Frage der Verkehrsführung ist eine untergeordnete Frage“, betont die Bürgermeisterin. Zuvor gelte es eine andere zu beantworten: „Wo wollen wir eigentlich hin?“ Das sei das eigentliche Problem, denn mit ihren Antworten lägen die Menschen derzeit noch sehr weit auseinander.

Das Verkehrsdilemma, so wird schnell klar, ist eigentlich nur das Symptom einer Problematik, die sich in Jahrzehnten entwickelt hat. Die Stadt ist gewachsen, die Straße aber präsentiert sich noch wie früher – zu einer Zeit, als es deutlich weniger Mehrfamilienhäuser in der Innenstadt gab. Dadurch stellt sich eine grundsätzliche Frage, die Suse Laue gleich zu Beginn formuliert: „Was ist die Hauptstraße eigentlich?“

Für viele ist es der Anlaufpunkt für Arztpraxen – natürlich müssen die Parkplätze weiterhin anfahrbar bleiben. Für einige sei es bloß eine Durchfahrtstraße, um von der Schloßweide zügig zu Famila zu kommen, so Kuchem. „Die wollen wir draußen haben.“ Für andere war es offenbar eine Art Präsentations- und Spaßstrecke fürs eigene Auto. „Es gab massive Beschwerden“, erklärt Laue. Mit bis zu Tempo 70 seien Autos durch die Straße gerauscht, die eigentlich von Weymann bis zum Ernst-Boden-Platz nur ein Fußweg ist, auf dem Autos nur in Schrittgeschwindigkeit von unter sieben Kilometern pro Stunde fahren dürfen. „Irgendwas“, so Laue, „müssen wir verändern.“

Ganz schön viel Verkehr – dafür, dass es sich bei der Hauptstraße eigentlich um einen Fußweg handelt.

Schwellen, wie von einigen Bürgern vorgeschlagen, seien längst nicht mehr „State of the Art“, betont sie. Zwischen den Schwellen werde oft Gas gegeben und abgebremst – zu viel Lärm, zu viele Abgase.

Auf der Suche nach Lösungen versprach man sich Ideen durch das Mobilitätskonzept der Verkehrsplaner, das laut Laue auf Zuspruch und Kritik stieß. „Es hätte besser laufen können“, räumt sie mit Blick auf die Info-Veranstaltungen ein, „das war kommunikativ optimierbar.“

Fakt ist: Der Handel als Frequenzbringer fällt aus, das ist wissenschaftlich erwiesen.

Thomas Kuchem, Erster Stadtrat von Syke

Die Zeiten, in denen man von Geschäft zu Geschäft flanierte, sind vorbei – unwiederbringlich, macht Thomas Kuchem klar, auch wenn er sich über jedes Ladengeschäft an der Hauptstraße freut. „Fakt ist: Der Handel als Frequenzbringer fällt aus, das ist wissenschaftlich erwiesen.“ Das Interesse der Stadtverwaltung sei nun, eine „alternative Attraktivität“ zu schaffen – also Anreize für den Weg in die Hauptstraße.

Das können zum Beispiel Cafés oder Eisdielen sein. Die gibt’s schon, zum Teil nur mit bedauerlich wenig Sitzplätzen. „Ich möchte hier aber gern sitzen und vielleicht auch noch den dritten Kaffee trinken“, erklärt Laue. Eine mögliche Lösung wäre dafür die Ausweitung des Außenbereichs auf den derzeitigen Straßenraum (der ja eigentlich ein Fußweg ist).

Die Suche nach den Frequenzbringern

Ohnehin könnte die Verschmälerung der Fahrbahn ein probates Mittel für geringere Geschwindigkeiten sein. Auch das Fußbett um die Hauptstraßenbäume – die sogenannte Baumscheibe – wäre dafür ein mögliches Mittel: Eine Erweiterung käme den Straßenbäumen zugute und könnte das Tempo reduzieren.

Mehr Platz zum Sitzen wünschen sich viele Bürger vor dem Eiscafé an der unteren Hauptstraße.

Nächste Idee: Wessels Hotel. Das gehört der Stadt und könnte nach erfolgter Grundsanierung beispielsweise als Begegnungszentrum und Bibliothek dienen. Ratsmitglieder und Verwaltung treffen sich in Kürze zu einem Workshop, um gemeinsam über mögliche Nutzungen zu sprechen.

Fortgeschrittene Planungen für neues Ärztehaus

Weit fortgeschritten sind auch bereits die Planungen für das Grundstück an der Hausnummer 9 bis 11, auf dem bis vor gut drei Jahren das ehemalige Eiscafé Casanova stand. „Dort gibt es die Idee eines Ärztehauses“, so Laue. Ansässige Fachärzte hätten gern einen optimierten Standort, der ihnen mit einem neuen Gebäude ermöglicht werden soll, und auch für eine neue Hausarztpraxis sollten räumliche Möglichkeiten geschaffen werden.

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Die Stadt wird nicht allein für mehr Frequenz sorgen können, aber Anreize schaffen möchte sie. Ein Vorhaben ist dazu die Einrichtung eines Regionalladens, bei dem lokale Kunsthandwerker ebenso ihre Artikel anbieten können wir örtliche Gemüse- oder Obstanbauer. Ein anderes Projekt ist das Anbieten von „Coworking spaces“: Das sind größere Büroräume, die Freiberuflern oder kleineren Start-up-Unternehmen zur Verfügung gestellt werden.

Problemfeld Baumscheibe: Für das Wachstum vieler Bäume sind sie zu klein, für manche Autofahrer noch zu groß. Die Verwaltung überlegt, das „Fußbett“ der Bäume noch weiter auf die derzeitige Fahrbahn auszuweiten und damit das Tempo der Fahrzeuge zu drosseln.

Auch bei einem kritischen Blick auf die Hauptstraße kann man der Verwaltung eines nicht vorwerfen: dass sie untätig ist. Mehrere Förderprogramme, informelle Gespräche, Verhandlungen mit Interessenten, Diskussionen mit den Bürgern auf der Straße. Die Hauptstraße dürfte nicht das Lieblingskind der Bürgermeisterin sein. Aber auch keines, das sie vernachlässigt.

Und wenn das Leben zurückkehrt in die Hauptstraße, was ist dann mit der Verkehrsregelung? „Wir müssen alle Verkehre – den Autoverkehr, den Radverkehr und den Fußverkehr – in einem Verkehrsbereich sortieren“, sagt Suse Laue. Wo da der Schwerpunkt liegen muss, „sieht jeder anders“.

Das mächtige Gebäude an der Z-Kreuzung bei der Volksbank ist bald Geschichte. Es gibt konkrete Pläne für einen Neubau.

Die Diskussion über die Lösung müssten letztlich die gewählten Vertreter führen. „Und wir wollen nicht der Politik den Eindruck vermitteln, dass wir schon irgendwelche Pflöcke eingeschlagen hätten“, betont Thomas Kuchem. Auch Suse Laue scheint nicht übermäßig an irgendeiner Lösung zu hängen. Wenn die Politik das so entscheide, sagt sie mit Blick auf die Sperrung an der doppelten Einbahnstraße, „kann das auch gerne wieder auf“.

Auf der ersten Sitzung des Stadtrates im neuen Jahr am 3. Februar dürfte das Thema einmal mehr einen prominenten Platz auf der Tagesordnung einnehmen.

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