Von Alu-Chips und Hamsterkrallen

Nostalgie-Museum Okel eröffnet Ausstellung zum Alltag in der DDR

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Hätte Okel einen Bahnanschluss, wäre Lindenberg-Double Frank Wedler sicher mit dem Sonderzug nach Pankow für einen Zwischenstopp zur Ausstellungseröffnung ins Nostalgie-Museum Okel gekommen. Stattdessen hätte es dann die original Staatskarrosse von Erich Honecker werden sollen. Doch die sprang ausgerechnet gestern nicht an. Aber der rot-weiße Wartburg, mit dem er dann schließlich auf den Hof fuhr, war ja dem Anlass ebenfalls sehr angemessen.

Okel - „Es ist schon bewundernswert, was ihr so macht“, staunte Herbert Singer angesichts der zahlreichen Exponate im Nostalgie-Museum von Elke und Wolfgang Kaeding. Die Ausstellung, die sie am Sonntag zum Tag der Regionen eröffneten, beschränkt sich nicht auf den Trabbi und den Wartburg, vielmehr rückt sie den Alltag in der ehemaligen „Zone“ in den Vordergrund.

Haushaltsgeräte, Briefmarken, einige Ausgaben der Lausitzer Rundschau und der Jungen Welt, Kinderspielzeug und eine der legendären Robotron-Schreibmaschinen sind ausgestellt. Die Telefone zeigen sogar noch die Notrufnummern, die identisch mit denen im Westen waren: Volkspolizei 110, Rotes Kreuz 115 und Feuerwehr 112.

In den Vitrinen liegen SED- und andere Parteiabzeichen, Transitvisa und Geldscheine. Wimpel vom 11. SED-Parteitag und vom Seesport-Verband hängen an der Wand. Fast könnte man sich als Besucher dieser sehenswerten Ausstellung beobachtet fühlen, denn in den Ecken stehen mehrere Volkspolizisten und andere Uniformträger sowie eine FDJlerin, die sich aber glücklicherweise alle als Schaufensterpuppen erweisen.

Geradezu perfekt standesgemäß waren diese Besucher mit DDR-Mopeds gekommen.

Auf einem Schrank steht Lektüre von Marx, Engels, Lenin und Wilhelm Pieck. Gegenüber wird an Rock-Legenden wie Nina Hagen, die Puhdys, Silly und Karat erinnert. Und auf einer Info-Tafel fällt dem Betrachter auf, dass sich auch die Sprache schon so weit auseinandergelebt hatte, dass ein Wörterbuch einige DDR-Begriffe ins Westdeutsche übersetzen musste. Wer wusste schon, dass mit „Alu-Chips“ das Münzgeld gemeint war, dass eine Anhängekupplung als Hamsterkralle bezeichnet wurde und statt Jeans in der DDR „Doppelkappnahthosen“ getragen wurden?

„Da muss man schon gute Bekannte haben und viel herumtelefonieren, damit man so eine Ausstellung zusammen bekommt“, lobte Hartmut Timke die Schau. Er war natürlich der Fahrzeuge wegen gekommen, denn der Eröffnungstag dieser „Ostalgie-Ausstellung“ galt gleichzeitig als DDR-Kultfahrzeugtreffen.

Erstaunlich, wie viele Trabis und Wartburgs am Straßenrand parkten. Und ein sehr gepflegter S-4000-Lkw aus dem VEB-Kraftfahrzeugwerk „Ernst Grube“.

Symbolträchtige Haubenlackierung: Am 9. November 89 durchbricht der Trabi die Mauer.

Die Zweirad-Serie vom Spatz bis zum Habicht der Simson-Werke Zschopau war vollzählig vertrteten. Jörn Kirbach aus Okel hatte ein NVA-Einsatzfahrzeug, die MZ ES 250/2/A, ausgeliehen, die ein Besucher als „zeitlos hässlich“ bezeichnete.

Diese Ausstellung beweist, wie erfinderisch Menschen sind, wenn sie Mangel leiden. Fast schon rührend mutet ein Beispiel dafür an, wie die DDR-Jugend sich auch ein Stück Individualität geschaffen hat: Auf Basis eines sowjetischen AWO-Motorrades hatte sich der Besitzer einen Easy-Rider-Chopper zusammengebaut. Dazu hatte er von Jawa die Rücklichter, von NSU einen Stecktank, vom Lada den Rückspiegel, von der MZ Schutzbleche und einen verchromten Traktor-Scheinwerfer verwendet. Und um sich seinen Traum vom Chopper noch ein Stück weit besser zu erfüllen, hatte er schließlich noch ein buntes Logo auf den Tank gemalt.

Zum Abschluss des Rundgangs durch die Ausstellung, die noch bis ins nächste Frühjahr geht, konnten die Besucher als Mittagstisch kulinarische Ost-Klasiker probieren. Etwa einen Teller Soljanka (eine herzhafte russische Gemüsesuppe) oder original Thüringer Bratwurst vom Grill. Als ehrenamtliche Grillmeister und Köchin betätigten sich dabei Edith Heckmann und Ortsbürgermeister Jürgen Schmock.

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