„Die allerschönste Zeit in meinem Leben“

Nach 30 Jahren: Wolfgang Hainze schließt  Schuhreparatur-Betrieb

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Schuhreparateur Wolfgang Hainze in seiner Werkstatt.

Syke - Von Frank Jaursch. Das Radio dudelt im Hintergrund, als Wolfgang Hainze in seiner kleinen Werkstatt sitzt und über seinen Betrieb für Schuhreparatur sinniert. „Es war die allerschönste Zeit in meinem Leben“, sagt er. Hält kurz inne. Und aus dem Radio ertönt, in perfektem Timing, „Geile Zeit“ von Silbermond. Mitte Januar ist diese Zeit vorbei. Er schließt seine Schuhreparatur – nach knapp 30 Jahren.

Am 13. Januar wird Hainze 67, zwei Tage später ist Schluss in Syke. „Ruhestand wird’s für mich nicht geben“, lacht er. Was genau auf ihn zukommt, weiß er noch nicht. Private Gründe haben dafür gesorgt, dass er seine Zelte in Syke abbricht. Auch das Kapitel Schuhreparatur ist dann beendet. „Ich will einen Schlussstrich ziehen.“

Die schönste Zeit seines Lebens beginnt im April 1988 an der Bahnhofstraße, gegenüber von Nesemann. Hainze ist kein gelernter Schuhmacher, er ist Einzelhandelskaufmann. Lange war er im Außenhandel tätig. „Dann kam der Stress mit dem Computer. Immer mehr Druck. Es machte keinen Spaß mehr.“

Ein Freund brachte ihn auf die Idee mit den Schuhreparaturen. Bevor er sich in Syke niederließ, fragte er die beiden alteingesessenen Schuster quasi um Erlaubnis. „Opa Meyer und August Platter“, erinnert sich Hainze lächelnd, „ich bin zu beiden hingefahren und hab gesagt, dass ich mich hinten anstellen möchte.“

Die beiden Platzhirsche pflegten in der Folge einen guten Kontakt zu Hainze. „Beide kamen mich regelmäßig besuchen.“ Von ihnen lernte er viel. „Die haben mir alle Tricks gezeigt, die nur die ganz alten Füchse von früher kennen.“

Durch eine Durchreiche hat Hainze die Aufträge in den vergangenen Jahren entgegengenommen.

Das Türchen der kleinen Durchreiche öffnet sich. Hainze unterbricht seine Erzählungen. Kunde Günter Otersen hat einen Schuh mit kleinem Defekt am Verschluss mitgebracht. „Kannst warten“, sagt Hainze, setzt sich an seine Nähmaschine und setzt ein paar gezielte Stiche. Fertig. „Gib mir ‘n Euro“, sagt er.

75 Mark beträgt 1988 die Miete für die kleine Werkstatt. Nach drei Jahren zieht Hainze um an die Bahnhofstraße 25, wo er bis 2014 bleiben wird. Die letzten drei Jahre bietet er sein Gewerbe im Haus an der Ecke Bassumer Straße / Hohe Straße an.

Guter Austausch mit den Kunden

Jeden Morgen sei er mit Freude zur Arbeit gekommen, sagt Hainze. Er mag den Austausch mit den Kunden. „Ich bin viel ruhiger geworden durch die vielen Gespräche. Und man lernt so viel dazu.“ Es habe ihm immer Spaß bereitet, gerade jene Dinge wieder in Gang zu bringen, an denen die Kunden selbst verzweifelt waren.

Hainze erinnert sich an einen Gürtel mit kaputtem Schloss, an dem eine Kundin besonders hing. „Das war ne Herausforderung.“ Es gab tatsächlich kein Schloss mehr für den Artikel, bis Hainze nach langer Suche doch noch eine Schnalle fand, die er dünner schleifte und umlackierte – sehr zur Freude der Kundin.

So manches „heilige Stück“ ist kaputt hereingereicht und repariert wieder herausgegeben worden. Schuhe, Gürtel, Taschen, Rucksäcke. Unter anderem ein Kuhgeschirr aus den 1950er-Jahren. Manchmal machte sich Hainze einen Spaß daraus, dreckig hereingereichte Schuhe so blank zu putzen, dass die Eigentümer sie nicht mehr wiedererkannten.

Maschinen sollen verkauft werden

Der größte Teil der Aufträge kommt von Stammkunden. Die Turnschuhgeneration kommt nicht mehr zum Reparieren. Und auch die Ware ist nicht mehr dieselbe. „Vor 30 Jahren war alles aus Leder, wo heute Synthetik und Plastik benutzt wird. Und die Reißverschlüsse waren gut.“ Der Schuh sei nicht mehr, was er mal war, erklärt Hainze. Und auch seine Profession habe sich geändert. Im Zeitalter der Wegwerfgesellschaft ist das Reparieren out. „Der Beruf wird aussterben“, ist er sich sicher.

Seine Maschinen will Hainze verkaufen. Die Schuster-Nähmaschine, die mächtige Hardo-Ausputzmaschine aus dem Jahr 1976, die Presse. Seinen Schusterhammer („Den hab ich vor 30 Jahren gekauft, für neun Mark“) wird Hainze behalten.

„Reich werden kannste damit nicht“, sagt Hainze, um sich wenig später zu korrigieren. „Ich hab jeden Tag ein Lob von den Kunden bekommen. Ich hab mich immer reich gefühlt.“

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