Vladyslav Sendecki, Adam Baldych und sein Quartett: Grandioses Jazz-Folk-Bike-Finale

Alle sind beseelt

Hexenmeister am Griffbrett: Adam Baldych drückte der 14. Ausgabe von Jazz Folk Bike nachhaltig seinen Stempel auf. - Foto: Ehlers

Syke - Von Bert Strebe. Es wäre übertrieben, von Erschöpfung des Publikums zu sprechen. Aber als sich am Sonntagabend die Türen des Sparkassensaals in Syke zu den letzten beiden Konzerten des Jazz- Folk-Bike-Festivals öffnen, liegt – nach fünf vorhergehenden Gigs des Wochenendes – durchaus eine gewisse Ermattung im Raum. Für gefühlte 45 Sekunden.

So lange dauert es, bis die ersten perlenden Töne ihren Weg über die Finger des Pianisten Vladyslav Sendecki und den Schimmel-Flügel bis in die Ohren und in die Herzen der Zuhörer gefunden haben. Zugleich ist da etwas ganz Seltsames: Der andere Musiker, der junge, Adam Baldych heißt er, der mit der Geige – der streicht sein Instrument gar nicht. Er streichelt es. Und die Geige haucht und wispert und raunt. Das geht sofort bis hinab in die Seelen.

Gerd Harthus vom JFB-Team erzählt vorab, dass er sich gewünscht hatte, dem Publikum eine Kombination von zwei Generationen polnischer Jazz-Elite gleichzeitig präsentieren zu können. So kommt es, dass Sendecki und Baldych zunächst gemeinsam musizieren, gefolgt von einem Auftritt von Baldychs Imaginary Quartet. Sendecki ist Jahrgang 1955 und lebt schon lange in Hamburg, wo er mit der NDR-Bigband spielt; die Syker kennen ihn bereits wegen seiner Zusammenarbeit mit Charlie Mariano oder Nils Landgren. Baldych, 1986 geboren, gilt als überlegener Violintechniker. Am Ende des Abends weiß das Publikum, dass diese Bezeichnung maßlos untertrieben ist.

Sendecki und Baldych ergänzen sich frappierend, und nicht nur, weil der Ältere zu seiner Glatze eine Lockenpracht trägt (was ja nicht jedem steht) und der Jüngere die bis hoch zur Schädeldecke raspelkurz geschnittenen Haare mit einem Zopf kombiniert. Sie spielen nicht bloß miteinander, ihre jeweiligen Töne umtanzen sich und verschmelzen sogar manchmal beinahe. Auf den Notenpulten stehen Baldych-Stücke, etwa das ebenso versonnene wie teilweise wilde „Room of Imagination“, aber auch eine „Elegie“ von Sendecki, gewidmet all den Mitmusikern, die schon gegangen sind. Nicht aus dem Raum, sondern aus dem Leben.

Das Highlight des Auftritts ist eine erst zärtliche, dann trotzig-spannungsgeladene und am Ende völlig in sich selbst ruhende Fassung von Peter Gabriels „Don’t give up“. Hätte Gabriel selbst am Mikro gestanden, er hätte nach einer halben Strophe den Mund zugeklappt, wäre von der Bühne gestiegen und hätte sich in die erste Reihe gesetzt, und am Ende hätte er am lautesten und heftigsten von allen geklatscht.

Festival Jazz Folk Bike

Der anschließende Gig des Quartetts des jungen Geigers (mit Stücken seiner letzten drei CDs „Imaginary Room“, „Bridges“ und „The New Tradition“) verfestigt den Eindruck der Zuhörer, etwas sehr Besonderes erleben zu dürfen. Pawel Tomaszewski (Szenenapplaus für den poetischen Berserker am Piano), Michal Kapczuk (wirkt schmächtig an seinem riesigen Kontrabass, beherrscht ihn aber völlig) und Pawel Dobrowolski (Schlagzeuger, liebevoll, er nimmt manchmal nur die Fingerspitzen) sind keinesfalls Beiwerk – nicht sie spielen um den Solisten Baldych herum, er fügt sich in ihr Spiel ein.

Baldych ist ein Hexenmeister am Griffbrett, manchmal scheinen seine Finger der linken Hand überall gleichzeitig zu sein. Man denkt an Stéphane Grappelli, Jean-Luc Ponty oder auch Gidon Kremer. Baldych prägt bei einem Stück den Rhythmus (!) mit Pizzicato, in einem anderen sägt und schlägt er die Saiten mit dem Bogen. Das Prinzip seiner Kompositionen folgt oft einem bestrickenden Muster: Eingängige Läufe zu Beginn, dann lösen sich die Töne langsam aus den Tonarten und den Taktschemata, verrutschen, sausen bergauf oder bergab, Kadenzen paaren sich mit Akkorden. Um dann am Ende wieder zurück zum Einklang zu finden. Letztes Stück: „Dreamer“. Und es ist wirklich ein Traum. Verwunschen und glühend und bunt.

Erschöpft? Niemand im Saal ist erschöpft. Nicht mal ermattet. Alle sind beseelt.

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