Aktuelles Interview: Carsten Fischer über Recht und Ehrlichkeit

Steuerberater: „Grundsatz ist die Gleichbehandlung“

+
Carsten Fischer (49) ist Präsident der Steuerberaterkammer Niedersachsen.

Syke - Er ist seit den symbolischen 100 Tagen Präsident der Steuerberaterkammer Niedersachsen: Carsten Fischer vertritt in dieser Funktion nicht nur die Interessen von sage und schreibe 6794 Steuerberatern im Land, er wirkt in vielen Bereichen.

Der 49-Jährige ist Mitbegründer der Steuerberater-Partnergesellschaft „Fischer Deeken Buntrock“ mit Niederlassungen in Syke, Osterholz-Scharmbeck und Hannover. Fischer lebt in Bassum. In unserer Reihe „Aktuelles Interview“ nimmt er Stellung zu brennenden Themen. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Fischer, welche vordringlichen Aufgaben hat der Präsident der Steuerberaterkammer wahrzunehmen?

Carsten Fischer: Vor allem die berufliche Selbstverwaltung – nicht nur für die Steuerberater. Es gehören auch Steuerbevollmächtigte und Steuerberatungsgesellschaften dazu, insgesamt sind es etwa 7570 Mitglieder. Kernaufgabe ist es, den freien Beruf zu wahren sowie die Steuerrechtspflege weiterzuentwickeln und zu positionieren.

Es ist ein Miteinander mit der Finanzverwaltung, aber mit völlig anderen Zielen. Unsere Aufgabe ist es, die Steuergesetzgebung optimal für unsere Mandanten anzuwenden. Als Präsident vertrete ich die Steuerberaterkammer in allen gerichtlichen und außergerichtlichen Verfahren – und bin nach außen ihr Repräsentant.

Dazu kommt die Interessensvertretung gegenüber der Politik und der Verwaltung, dabei sind auch das Gemeinwohl und die Belange der Verbraucher mit zu berücksichtigen.

Was ist für Ihre Institution im Augenblick die größte Herausforderung?

Fischer: Die Entwicklung unseres Berufsstandes, auch mit dem Projekt „Steuerberater 2020“. Darin wird analysiert, wie sich eine Steuerberatungspraxis entwickeln muss, damit sie auch zukünftig den Anforderungen des Marktes gerecht wird. Ebenso wichtig ist die Weiterentwicklung der Digitalisierungsprozesse und die Optimierung der Abläufe im gesamten Besteuerungsverfahren. Eine große Herausforderung ist ebenso, Nachwuchs für unseren Berufsstand zu finden. Wir haben dafür einen Nachwuchs-Marketing-Ausschuss und wollen zeigen, dass wir nicht nur über Akten brüten, sondern Partner der Unternehmen sind und in alle betrieblichen Belange involviert werden. Deshalb haben wir einen sehr abwechslungsreichen Beruf.

Aktuell beschäftigen wir uns außerdem mit dem Referentenentwurf zur Erbschaftssteuerreform.

Auf die meisten Bürger wirkt es wie ein undurchdringlicher Dschungel, der voller unliebsamer Überraschungen steckt: Ist unser aktuelles Steuerrecht nicht viel zu kompliziert?

Fischer: Das Gefühl der Bürger kann ich nachvollziehen. Es gibt Gesetze, Durchführungsverordnungen und Rechtsprechungen, die sich zum Teil widersprechen. Als Grundsatz gilt immer: Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit. Wenn es dann Ausnahmen von den Ausnahmen gibt, ist das für Laien sicherlich nicht mehr zu verstehen. Aber es müssen alle gleich behandelt werden in völlig unterschiedlichen Arbeits- und Lebenssituationen – genau das führt zu dieser Kompliziertheit.

Funktioniert das – und wie steht es um die Ehrlichkeit?

Fischer: Wir als Steuerberater haben schon das Gefühl, dass die Steuerehrlichkeit zunimmt. Zumal die Schweiz und Luxemburg jetzt die Daten freigeben – was dem Grundsatz der Gleichbehandlung entspricht. Ein großes Thema in der EU – das merke ich auf internationalen Kongressen immer wieder – ist zurzeit, dass die Besteuerung von Unternehmen dort erfolgen soll, wo sie ihre Einnahmen erzielen. Aber weil das steuerrechtlich alles andere als einfach ist, könnte sich der Dschungel womöglich noch verdichten. Das bleibt abzuwarten.

Kalte Progression – können Sie diesen Begriff in einem Satz für Laien erklären?

Fischer: Das wird ein langer Satz (lacht). Nehmen wir als Beispiel eine Inflation, also Geldentwertung, von zwei Prozent und bekommt ein Arbeitnehmer auch zwei Prozent mehr Lohn, wäre seine Kaufkraft eigentlich ausgeglichen – wenn er nicht wegen seines progressiven Tarifs (mit steigendem Einkommen steigt die Steuerbelastung ja überproportional) am Ende trotzdem weniger Kaufkraft besitzt.

Finanzminister Wolfgang Schäuble will die kalte Progression abschaffen – doch Wirtschaftsfachleute kritisieren, dass Arbeitnehmer mit einem „Taschengeld“ abgespeist werden. Wie bewerten Sie das?

Fischer: Die Abschaffung der kalten Progression ist sinnvoll, weil sie nicht gerecht ist. Es geht darum, eine Steuererhöhung aufgrund fehlender Kaufkraftstärke zu vermeiden. Das heißt: Steuerbelastungen müssen an die Inflationsrate angepasst werden.

Sie ist in der EU heftig umstritten, weil sie deutsche Steuerzahler entlasten soll: Wie bewerten Sie, Herr Fischer, die Einführung der Kfz-Maut und die angekündigte Klage der EU?

Fischer: Die Maut ist kein steuerspezifisches, sondern in erster Linie ein politisches Thema. Fakt ist, dass wir ein Transitland sind und ausländische Verkehrsteilnehmer unsere Straßen in Mitleidenschaft ziehen. Es ist sicherlich gerechter, wenn alle Benutzer die Beseitigung von Straßenschäden zahlen. Die Kraftfahrzeugsteuer war in Deutschland früher als Straßenbenutzungsabgabe gedacht. Nach mehreren Reformen ist sie heute mehr eine Besteuerung nach Schadstoffbelastung. Die Vignette könnte aber von vielen Haushalten, gerade mit geringem Einkommen, als ungerecht empfunden werden – vor allem, wenn sie Autobahnen nur selten benutzen. Vielfahrer wären klar im Vorteil. Ich glaube, dass die Einführung der Maut mit gleichzeitiger Senkung der Kfz-Steuer eine Benachteiligung ausländischer Autofahrer darstellen könnte. Deshalb könnte das durchaus nicht EU-konform sein.

Mehr zum Thema:

Lätare-Spende in Verden

Lätare-Spende in Verden

Bargfrede und Eilers arbeiten individuell

Bargfrede und Eilers arbeiten individuell

In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen

In diese 10 Berufsgruppen haben die Deutschen Vertrauen

Frau stirbt bei schwerem Unfall in Bassen 

Frau stirbt bei schwerem Unfall in Bassen 

Meistgelesene Artikel

Frühlingsmarkt lockt Besucher

Frühlingsmarkt lockt Besucher

Polizei ermittelt gegen Bassumer Jugendtrainer

Polizei ermittelt gegen Bassumer Jugendtrainer

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

24-Jähriger bei Unfall schwer verletzt

Brummi-Fahrer pinkelt an Tankstelle 

Brummi-Fahrer pinkelt an Tankstelle 

Kommentare