Syker gedenken mit Trauerfeier ihres Ehrenbürgers Edgar Deichmann

Abschied von einem Freund

Etwa 50 Syker nahmen gestern Vormittag an der Trauerfeier für Edgar Deichmann im Rathaus teil. - Foto: Heinfried Husmann

Syke - Von Michael Walter. Operettenmelodien, Schlager und Filmmusik – normalerweise nicht die passende musikalische Untermalung für eine Trauerfeier. Gestern im Rathaus war das anders. Denn gestern im Rathaus – da nahm Syke Abschied von seinem Ehrenbürger Edgar Deichmann, der am 5. Juli im Alter von 102 Jahren in Brasilien verstorben ist.

„Das ist die Musik, die er gemocht hat, und ihm hätte das gefallen“, sagte Bürgermeisterin Suse Laue. Und so bekam diese Feierstunde zumindest musikalisch einen heiteren Rahmen, der dieses freundlichen, positiv denkenden und schelmischen Menschen sehr wohl würdig war. Etwa 50 Gäste nahmen daran teil.

Edgar Deichmann - Foto: Archiv

In ihrer Ansprache ließ die Bürgermeisterin Edgar Deichmanns selbst auf seine Lebensgeschichte zurückblicken, indem sie einige Passagen aus Briefen von ihm zitierte. Darin war durchaus auch Verbitterung zu spüren über die Ungerechtigkeit, die seinen Eltern nach dem Ersten Weltkrieg widerfahren ist. Edgar Deichmann wurde in Elsaß-Lothringen geboren, sein Vater diente im Krieg in der Deutschen Armee. Als der Krieg verloren war und Deutschland Elsaß-Lothringen an Frankreich abtreten musste, weigerte er sich, französischer Staatsbürger zu werden – und siedelte um. „Der Dank des Vaterlandes war ihm ja gewiss“, zitierte Laue Edgar Deichmann. Doch dieser Dank habe sich dann in Form einer Notunterkunft ohne Strom und Wasser und einer untergeordneten Stellung am Syker Finanzamt gezeigt, für ein Gehalt, das nicht ausgereicht habe, die Familie zu ernähren.

Also machte der Vater sich selbstständig, und mit der Zeit konnte die Familie zu einem bescheidenen Wohlstand gelangen. Damit war es vorbei, als 1933 die Nazis an die Macht kamen. Denn die Deichmanns waren Juden.

1937 floh Edgar Deichmann vor der zunehmenden Judenverfolgung zu seinem Bruder nach Brasilien, der schon Jahre vorher dorthin ausgewandert war. Kurz bevor Deutschland die Grenzen endgültig zumachte, gelang es ihnen noch, die Eltern nachzuholen. So entkamen sie der planmäßigen Judenvernichtung, der praktisch alle anderen jüdischen Familien in Syke zum Opfer fielen.

In den folgenden Jahrzehnten baute sich Edgar Deichmann eine eigene Existenz in Brasilien auf, „ohne meine Heimat zu vergessen, die es zugelassen hat, dass Unschuldige ermordet wurden“, zitiert Laue weiter. Kontakt hielt er per Brief zu wenigen persönlichen Freunden, die ihn und die elterliche Familie auch in der Nazi-Zeit stets unterstützt hatten.

Das Mahnmahl, das seit den 90er Jahren bei der Christuskirche an die ermordete jüdische Gemeinde erinnert, sei Deichmann eine späte Genugtuung gewesen, betonte Laue. Zu dieser Zeit besuchte er seine alte Heimat bereits wieder häufiger, sprach an Schulen über die Judenverfolgung und den Holocaust, wirkte etwa an der KGS Brinkum im preisgekrönten Projekt „Spurensuche“ mit, das die aus Syke stammende Lehrerin Ilse Zelle initiierte, und bot den Sykern die Hand zur Versöhnung. Vielen Begegnungen aus dieser Zeit schlossen sich langjährige Brieffreundschaften an. 2006 verlieh der Rat Edgar Deichman die Ehrenbürgerschaft.

Suse Laue hat Deichmann im Herbst 2014 an seinem 101. Geburtstag kennengelernt. Sie habe ihn als freundlichen, charmanten Gastgeber erlebt, der vielseitig interessiert war und eine unbändige Lebensfreude ausgestrahlt habe. „Ich bin unendlich froh, ihn in Sao Paulo besucht zu haben. Syke verliert mit ihm einen Freund und Partner, der sich mit seinem Engagement für die Versöhnung stark gemacht hat.“

„Ich glaube, ich muss jetzt gehen“

Freunde kann man sich aussuchen – Verwandte nicht. Edgar Deichmann hat es trotzdem getan: Mit Ilse-Marie Voges verband ihn eine Wahlverwandschaft im besten Sinne. „Meine Deutschlandtochter“, hat er sie immer genannt – und auch genau so in seiner Familie aufgenommen. „Vor vier Monaten haben wir noch zusammengesessen und Musik gehört“, sagte sie bei der Trauerfeier. Besonders habe Deichmann das Lied „Irgendwo auf der Welt“ gemocht, das vor allem durch die Comedian Harmonists bekannt geworden ist. „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück, und ich träum’ davon in jedem Augenblick“, heißt es darin. Dieses bisschen Glück habe er in Brasilien gefunden.

„Papa war ein humorvoller Mann“, sagte Voges und erzählte von den Besuchen Deichmanns in Syke und den Begegnungen mit Freunden und Klassenkameraden von früher. Von Ilse Zelle und der Projektarbeit mit den Schülern. Und von ihren eigenen Gegenbesuchen bei Edgar Deichmann in Brasilien. Sie und ihr Mann „haben erfahren, wie großartig es ist, angenommen zu werden.“

Am 1. Juli, vier Tage vor seinem Tod, hätten sie das letzte Mal miteinander telefoniert, so Voges. Da lag er bereits im Krankenhaus. „Ich glaube, ich muss jetzt gehen“, habe er ihr da gesagt. „Sei nicht traurig. Ich werde immer bei Dir sein.“

Die letzten Minuten dieser Gedenkfeier gehörten dann der Pianistin Hauke Kranz, die am Klavier noch ein paar von Deichmanns Lieblingsliedern vortrug: „Zwei in einer großen Stadt“ von Willi Kollo aus dem gleichnamigen UFA-Spielfilm von 1942, „Nach jedem Abschied gibt's ein Wiedersehen“ von Ludwig Schmidseder aus dem Film „Herzensfreud, Herzensleid“ von 1941 und „Leise, ganz leise klingt's durch den Raum“ aus der Oscar-Straus-Operette „Ein Walzertraum“. Edgar Deichmann hat's bestimmt gehört und mit dem Fuß dazu gewippt. Irgendwo – da oben auf seiner Wolke.

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