Hebamme und Gleichstellungsbeauftragte klären auf

Hausgeburt – eine wundervolle Erfahrung

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Was klimpert denn da? Hebamme Angela Rieser (rechts) weiß genau, wie sie den kleinen Taliesie beruhigen kann. Sie hat seine Mama, Anne Lambertus, während der Schwangerschaft betreut.

Landkreis Diepholz - Von Julia Kreykenbohm. Wenn es um den Ort geht, an dem ihr Kind geboren wird, haben wohl alle Frauen ähnliche Wünsche: Sie wollen sich wohl, sicher und gut betreut fühlen. Für die einen ist dieser Ort das Krankenhaus. Doch nicht für alle. Vielleicht, weil sie schon mal schlechte Erfahrungen gemacht haben. Wohin gehen solche Frauen im Landkreis Diepholz? Vor dieser Frage stand auch Anne Lambertus aus Syke.

Sie zog erst vor Kurzem aus Tübingen zu und hat ihre drei Kinder zuhause geboren. „Schon beim ersten stand für mich fest, dass ich eine Hausgeburt möchte. Ich muss den Menschen um mich herum vertrauen, mich auf sie einlassen können. Außerdem möchte ich weitestgehend selbstbestimmt bleiben. Das wäre in einer Klinik für mich nicht möglich gewesen“, berichtet Lambertus.

Die Hausgeburten seien eine wundervolle Erfahrung für sie gewesen, so dass klar war, dass auch ihr viertes Kind so zur Welt kommen soll. Lambertus erkundigte sich bei den Behörden nach einer freien Hebamme, im Internet – Fehlanzeige. Mehr durch Zufall bekam sie die Adresse von Angela Rieser aus Riede. Rieser ist seit 30 Jahren freie Hebamme, hatte früher ein Geburtshaus, das mittlerweile geschlossen wurde. Nun bietet sie Kurse und Hausgeburten im Landkreis Verden an, kommt aber auch in den Kreis Diepholz. Ein Glück für Lambertus: Rieser begleitete sie durch ihre vierte Schwangerschaft hindurch.

Die freie Hebamme liebt und lebt ihren Beruf – doch er ist mittlerweile für sie auch zum Überlebenskampf geworden. Die hohe Berufshaftpflichtversicherung frisst über zehn Prozent ihres Brutto-Lohnes. Kolleginnen hat sie keine, weswegen sie kaum Urlaub nehmen möchte, um keine Frau im Stich zu lassen. Menschen mit geringem Geldbeutel können sich ihre Hilfe wie die Rufbereitschaft kaum leisten. Rufbereitschaft heißt, dass sie vier Wochen vor und zwei Wochen nach der Geburt jederzeit für die Frauen auf Abruf bereitsteht. „Das heißt, für sechs Wochen liegt mein Privatleben brach“, so Rieser.

Die wirtschaftlichen Faktoren, die im Gesundheitswesen immer mehr Einfluss gewinnen, erzeugen eine Zwei-Klassen-Gesellschaft, meint Rieser, die auch schon mal auf ihre Entlohnung für die Rufbereitschaft verzichtet. „Ich will ja nicht den Leuten das Geld aus der Tasche ziehen, die eh schon nichts haben.“ Hinzu kommen die Ausschlusskriterien, die seit September 2015 für Hausgeburten gelten. Eine Frau, die drei Tage über dem errechneten Geburtstermin liegt, muss einen Arzt aufsuchen, der dann für sie entscheidet, ob sie ins Krankenhaus geht. „Ich habe manchmal Frauen, die ich zuvor wochenlang betreut habe, nach ihrer Entbindung im Krankenhaus traumatisiert zurückbekommen, weil dort so unsensibel mit ihnen umgegangen wurde“, so Rieser.

Sie zeigt sich erschüttert über die Entwicklung. „Die Frauen haben doch praktisch keine Wahl mehr, wenn es darum geht, wo ihr Kind zur Welt kommen soll. Eine Frau, die sagte, dass sie eine Hausgeburt will, bekam von ihrem Arzt zu hören: ,Gut, wenn sie das Kind umbringen wollen‘. Das darf doch nicht sein. Es ist erwiesen, dass Hausgeburten kein höheres Risiko bergen.“ Diese Situation sehen auch die Gleichstellungsbeauftragten Kathrin Stern (Syke) und Christine Gaumann (Bassum) kritisch. „Laut Gesetz hat jede Frau das Recht, den Geburtsort frei zu wählen, aber diese Wahl ist massiv eingeschränkt. Nicht nur, weil es im Kreis Diepholz keine Hebamme gibt, die Hausgeburten anbietet.“

Auch das Kind in der Nähe des Wohnortes zu bekommen, sei fast unmöglich. Es habe Geburtskliniken in Sulingen und Bassum gegeben, die nun geschlossen haben. Die Auswirkungen zeigen sich in Zahlen, die Gaumann vorlegt: „In Bassum hatten wir im vergangenen Jahr 121 Neugeborene. 56 Prozent wurden in Bremen entbunden.“ Von 222 Kindern aus Syke wurden 170 in Bremen geboren.

Es gehe gar nicht darum, die Geburt im Krankenhaus zu verteufeln. „Unser Ziel ist es, dass jede Frau tatsächlich dort gebären kann, wo sie es möchte, ohne Einflussnahme von außen“, konkretisiert Stern. Die Wünsche der Frauen müssten im Vordergrund stehen und entsprechend Möglichkeiten geschaffen werden. „Frauen wissen selber, wo sie sich am wohlsten fühlen und was ihnen gut tut. Nur müssen sie so selbstbewusst sein, und es auch einfordern. Sie haben ein Recht darauf.“ Die Gleichstellungsbeauftragten haben einen Wunsch an den Landkreis: „Wir möchten, dass er sich mit den Hebammen zusammensetzt und neue Möglichkeiten für Schwangere entwickelt. Es würde schon reichen, wenn er die freien Hebammen finanziell entlastet, vielleicht einen Teil der Haftpflichtversicherung übernimmt“, sagt Stern.

Michael Albers, Vorsitzender des Kreis-Gesundheitsausschusses, weiß um die schwierige Situation. „Damit kann niemand zufrieden sein.“ Die Geburtshilfeabteilungen Sulingen und Bassum seien geschlossen worden, weil die werdenden Mütter Krankenhäuser mit Kinderklinik vorgezogen hätten. Die Anregung der Gleichstellungsbeauftragten nimmt er jedoch gerne auf. „Es ist sicherlich sinnvoll, sich noch einmal zusammenzusetzen und zu schauen, was die Politik tun kann, um die Geburtenrate in diesem, doch recht großen Landkreis zu heben.“

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