„Nenn mich ja nicht Drahtesel“

70 Jahre altes DDR-Fahrrad mit Ruhesitz in einem Syker Keller erzählt seine Geschichte

Komplett aus Originalteilen steht das 1952er Möve-Fahrrad aus dem volkseigenen Betrieb der DDR in Mühlhausen heute in Syke.
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Komplett aus Originalteilen steht das 1952er Möve-Fahrrad aus dem volkseigenen Betrieb der DDR in Mühlhausen heute in Syke.

Das alte Möve-Fahrrad, das um 1952 im volkseigenen Betrieb (VEB) in Mühlhausen in der damaligen DDR gebaut wurde, hat in einem Syker Keller nahe der Steimker Straße seinen Ruhesitz gefunden. Obwohl es ab und an von seinem Besitzer Fred (65) geputzt wird, ist unübersehbar, dass der Zahn der Zeit an ihm genagt hat. Trotzdem, von der Klingel bis zum Lenker, von der Luftpumpe bis zum Sattel und von den Rädern bis zur Beleuchtung, alles noch original wie vom VEB-Werk Möve geliefert.

Syke – Der Gepäckträger ist eine Spezialanfertigung Made in DDR. Besitzer Fred augenzwinkernd: „Damit ein Bierkasten transportiert werden kann.“ Sogar eine Sturmklingel gibt es am Rad.

Es hat eine wechselvolle Lebensgeschichte zu erzählen. Sie reicht von Mühlhausen über Potsdam bis nach Barrien und Syke. Überlassen wir doch das Erzählen dem Möve-Rad selber.

Der Gepäckträger, eine Spezialanfertigung, kann auch einen Bierkasten tragen.

Ach so, liebe Leserinnen und Leser, Sie glauben ein Fahrrad kann nicht erzählen. Stimmt nicht so ganz. Beispiel ist das Taschenbuch „Ein Fahrrad erzählt seine Geschichte“ (Ernst Reinhardt Verlag) in dem die Autoren Ute Kattmann und Peter Krollmann ein Fahrrad 50 Geschichten erzählen lassen. Und so war auch das alte DDR-Fahrrad bereit mit dem Verfasser dieser Zeilen über sein Leben zu plaudern. Bevor der Austausch startete, machte es klar: „Nenne mich in dem Bericht aber ja nicht Drahtesel. Ich bin nämlich weder aus Draht noch ein Esel. Habe ich etwa Ohren am Lenker?“ Okay, versprochen.

Zunächst wollen wir wissen, wie es denn so vor rund 70 Jahren mit seinem ersten Besitzer war.

„Na ja, ich hätte auch in China oder Russland landen können, zu meinem Glück bin ich in heimischen Gefilden geblieben. Mein erster Besitzer fuhr mit mir nach Luckenwalde zur Arbeit und ließ mich sitzen, als er in Rente ging. Da stand ich lange Zeit einsam und verlassen auf einem Hof.“

„Sag mal Fahrrad, wie und wann hast denn Fred kennengelernt?“

Nach kurzem Schweigen die Antwort: „Fred war schon als junger Mann Berufskraftfahrer. Er brachte Waren nach Luckenwalde, Dabei entdeckte er mich auf dem Hof. Ich gefiel ihm wohl. Es war um 1980, als Fred mich geschenkt bekam. Es wusste wohl kein anderer etwas mit mir anzufangen.“

Und wie war das denn so mit Fred am Anfang?

„Ich war ihm nützlich. Er fuhr mit mir über die holprigen Straßen Potsdams zur Arbeit nach Babelsberg Dort musste ich warten bis er von seinen Touren zurückkam und ab ging es mit mir nach Hause. Manchmal begab er sich mit mir auf Herrentouren oder zu Einkäufen. Er hat mich gut gepflegt. Probleme, von wegen Reparaturen, habe ich ihm nicht gemacht.“

Nana! Ihn auch nicht ein einziges Mal aus dem Sattel geworfen?

Es ist, als hätte die Lampe am Lenker grinsend aufgeleuchtet. Das alte Rad: „Bin ich ein Pferd, das Reiter aus dem Sattel wirft? Na ja, einmal hat er sich an meinem Schutzblech geschnitten, da bekam er eine Blutvergiftung. Die Schutzbleche waren sehr scharf. Ein anderes mal ist er, ohne mein Zutun, bei einer Herrentour tatsächlich aus dem Sattel gestürzt.“

Und wie war es, als es 1990 in den Westen ging?

Dazu das Fahrrad: „Fred und seine Familie wollten aus Potsdam weg. Irgendwie war es damals plötzlich so unruhig. Als Fred die Koffer packte, bekam ich es mit der Angst zu tun. Ich wollte nicht wieder irgendwo vergessen in einer Ecke stehen. Aber als Fred mich ins Auto packte, wusste ich, ich darf mit westwärts. Da habe ich aufgeatmet. Ich gehörte dazu“.

Wo landeten Fred und Familie und das Rad?

„Mein neues Zuhause war in einem Ort namens Barrien. War gar nicht so schlecht in meiner neuen Unterkunft.“

Irgendwann war für Fred, seine Familie und das DDR-Fahrrad die Endstation in Syke erreicht. Etwa vor 30 Jahren war das. „Ich durfte wieder mit. Leider wurden von da an keine Touren mehr mit mir gemacht. Ich stehe im Fahrradkeller, aber nicht einsam. Es stehen hier mit mir moderne West-Räder. Zwei Kinderfahrräder haben ihren Platz fast unmittelbar neben mir. Ich glaube, für die bin ich Opa-Möve“.

Gebraucht wird er wie der Dynamo heute nicht mehr, da das Rad nur noch im Keller steht.

Und was bedeutet das im 70. Lebensjahr stehende Fahrrad aus der Heimat für Fred?

Er betont unserer Zeitung gegenüber: „Das Fahrrad ist für mich eine wichtige wertvolle Erinnerung an meine Heimat Potsdam.“ Und dazu meint das alte Möve-Fahrrad am Ende der Plauderei: „Das macht mich stolz und froh. Er hat mich in diesen Tagen geputzt und von allen Seiten fotografiert. „Sollst in die Zeitung, alter Schinken“ hat er gesagt. Na ja, er darf alter Schinken zu mir sagen.“

Und dann die Frage des Möve-Herrenrades an den Schreiber: „Lesen Damenfahrräder eigentlich Zeitung?“ – Wer weiß?

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