Vor 100 Jahren

1922 erlebt Syke eine tödliche Pandemie und eine Wirtschaftskrise

Das Überlandwerk Syke gab es auch vor 100 Jahren schon. An den fortgesetzten Stromausfällen Anfang 1922 sei aber allein das Kraftwerk in Dörverden schuld, beteuerte damals die Leitung. Das Foto zeigt das 1924 errichtete Verwaltungsgebäude. Heute ist es der Altbau-Kern des Avacon-Gebäudes.
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Das Überlandwerk Syke gab es auch vor 100 Jahren schon. An den fortgesetzten Stromausfällen Anfang 1922 sei aber allein das Kraftwerk in Dörverden schuld, beteuerte damals die Leitung. Das Foto zeigt das 1924 errichtete Verwaltungsgebäude. Heute ist es der Altbau-Kern des Avacon-Gebäudes.

Sibirische Kälte, immer wieder Stromausfälle und eine potenziell tödliche Epidemie – das waren die Themen, die vor 100 Jahren die Menschen in Syke bewegt haben. Auch wirtschaftlich war 1922 kein leichtes Jahr. Stadtarchivar Hermann Greve hat uns dazu ein bisschen Material zusammengestellt.

  • Hochwasser und Vereisung sorgen in Syke 1922 für einen bitterkalten Jahresstart
  • Die Spanische Grippe erreicht Syke erneut, Schulen werden zeitweise geschlossen
  • Die Inflation trifft die Menschen hart.

Syke – Die Stromversorgung steckte vor 100 Jahren noch immer in den Kinderschuhen: Syke wurde bis 1933 vom Mühlenbesitzer Schmidt mit Strom versorgt. Der Generator war seit 1903 in seiner Wassermühle an der Ecke Mühlendamm/Hauptstraße. Auch die Nachbardörfer – die heutigen Syker Ortsteile waren bis 1974 alle noch selbstständige Kommunen – bezogen ihren Strom aus örtlichen Mühlen, die meist mit Dampf, selten mit Gas betrieben wurden. Jardinghausen erhielt überhaupt erst 1920 Strom, als der Ort an die Stromleitung aus dem Wasserkraftwerk bei Dörverden angeschlossen wurde.

Weser-Hochwasser beeinträchtigt die Arbeit des Wasserwerks mit fatalen Folgen

Dieses Wasserkraftwerk hatte eine Schlüsselfunktion im regionalen Stromversorgungsnetz und war auch entscheidend an der Stromversorgungskrise Anfang 1922 beteiligt: Die Jahreswende 1921/22 war extrem verregnet. Die Weser führte Hochwasser. Und das beeinträchtigte das Wasserkraftwerk stark. Die Leistung musste heruntergefahren werden. „Schärfste Einschränkung des Stromverbrauchs“ titelte die Syker Zeitung am 5. Januar 1922. Und am 17. Januar: „Die Weser steigt weiter.“ 22. Januar: „Dörverden ‚streikt‘. Wieder blieb stundenlang der elektrische Strom aus.“ Die auf Dörverden angewiesenen Verbraucher reagierten auf die „ewigen Störungen, die sich allmählich zu einem Dauerzustande auswachsen, mit Galgenhumor.“

Ende Januar war das Hochwasser zwar vorbei, dafür wurde es aber lausig kalt. Und das Kraftwerk lief schon wieder nicht. „Das jetzige Versagen wird nun auf Vereisung der Wasserturbinenanlage zurückgeführt“, schrieb die Zeitung am 24. Januar. „Es hängt also völlig von der Intaktheit des Werkes in Hemelingen ab, ob und wann die sämtlichen Kreise d.h. Verden, Syke, Sulingen, Hoya, Neustadt, Nienburg und Stolzenau, Strom bekommen oder nicht.“

Die Lösung des Energieproblems? Hochspannungsleitungen.

Bei der Suche nach einem Sündenbock wirft Theodor Greve, der Direktor des Überlandwerks Syke, in einem Leserbrief seinem Hauptlieferanten Dörverden relativ offen Missmanagement vor. „Die Zustände beim Kraftwerk Dörverden sind zum Gegenstand einer kleinen Anfrage im Preußischen Landtag gemacht, die in nächster Zeit beantwortet werden wird. Die beteiligten Kreise werden nicht ruhen, bis der Staat das wirklich erfüllt hat, was er vertraglich versprochen hat“. Nämlich zuverlässig Strom zu liefern.

Die Lösung des Problems kommt nur langfristig: Indem die Kraftwerke miteinander durch Hochspannungsleitungen verbunden werden und dadurch Leistungsschwankungen und Bedarfsspitzen untereinander ausgleichen können. Ein Prinzip, das bis heute Bestand hat.

Mühlenbetreiber Schmidt versorgte Syke ab 1903 mit Strom. Das Foto entstand um 1920. Es zeigt den Generator, der sich in der Wassermühle an der heutigen Ecke Hauptstraße/Mühlendamm befand.

Das strenge Winterwetter hält indes an: Im Februar werden die Schulen geschlossen: „Wegen der strengen Kälte und der knappen Kohlenvorräte.“ Und man kommt nicht weg: Die Eisenbahner streiken. „Auf der Strecke Osnabrück-Bremen ruht der Verkehr.“ Auch für die Syker Zeitung selbst ein echtes Problem: „Infolge des Eisenbahnerstreiks blieb die gesamte Post und somit unser Nachrichtenmaterial aus. Da auch der Versand der Zeitungen nicht erfolgen wird, so können wir leider die regelmäßige Lieferung der Zeitung nicht durchführen; vielmehr wird in Zukunft bei Weiterstreik der Eisenbahner die Syker Zeitung nur nach Bedarf erscheinen.“

Der Streik endete Mitte Februar. Doch es sollte noch Tage dauern, bis die Züge wieder fuhren, „da in dieser Zeit des starken Frostes die nicht benutzten Maschinen gelitten haben und erst wieder fahrbereit gemacht werden müssen; auch bedarf es noch größerer Kohlenzufuhren“. Ob und wann Züge fahren, darüber „erkundigt man sich am besten auf dem Bahnhof“.

1922 erreicht eine neue Welle der Spanischen Grippe Syke

Ab 1918 erlebte die Welt eine Pandemie, gegen die Corona ein Klacks ist: die Spanische Grippe. Ein irreführender Name. Amerikanische Soldaten hatten das Virus 1917 mit nach Europa gebracht. Vom Kriegsschauplatz Frankreich aus verbreitete es sich auf beiden Seiten der Front rasend und die Menschen starben wie die Fliegen. Weil die Presse auf beiden Seiten der Front damals zensiert war, berichteten Zeitungen im neutralen Spanien zuerst über die Seuche. Daher die Bezeichnung. Von den ersten Symptomen bis zum Tod vergehen meist nur wenige Tage, manchmal sogar nur Stunden. Weltweit sterben etwa 50 bis 100 Millionen Menschen. Heute wird die Spanische Grippe als „die Mutter aller Pandemien“ bezeichnet.

Anfang 1922 war die Spanische Grippe zurück, und die Angst ist groß. Zum Glück verläuft diese Welle deutlich milder als in den Jahren zuvor. Die Syker Zeitung meldet im Januar: „Die Grippe tritt hier in Syke auch in den Nachbarorten noch ziemlich heftig auf, fast in jedem Hause sind Erkrankte.“ Die Schulen werden vorübergehend geschlossen.

So sah die Hauptstraße in den 1920er-Jahren aus. Heute würde der Fotograf mitten auf der Z-Kreuzung stehen: Anhaltspunkt dafür ist das Gebäude rechts. Im Hintergrund wiederzuerkennen: das heutige Haus Schlossweide 1.

Von Viren wusste die Wissenschaft damals noch nichts, deshalb blieb auch der Krankheitserreger unbekannt. Kontaktbeschränkungen waren auch damals schon ein Thema. Am 15. Januar schrieb die Syker Zeitung: „Wollen wir also […] eine Verbreitung auf andere Familienmitglieder verhüten, so müssen wir den Kranken von der Familie trennen und seine Ausscheidungen auffangen und unschädlich machen. […] Daneben muß natürlich der engste Familienverkehr zwischen Kranken und Gesunden aufhören. Die Mutter, die das kranke Kind pflegt, darf dies nicht küssen und nachher die gesunden Kinder mit ihren Lippen anstecken.“

Der verlorene Erste Weltkrieg, die hohen Kriegsschulden im Inland und die enormen Reparationszahlungen, zu denen Deutschland im Friedensvertrag von Versailles verpflichtet worden war, wirkten sich bis nach Syke aus. Die Wirtschaft ging auf dem Zahnfleisch, um seine Schulden zu bezahlen, erhöhte der Staat ständig die Geldmenge – und kurbelte die Entwertung dadurch zusätzlich an. Das Geld wurde immer schneller immer weniger wert.

Frauenverein und Kirche sammeln in Wirtschaftskrise „für das notleidende Alter“

In der Chronik der Volksschule Osterholz notierte Lehrer Henze: „1919/20 sinkt die Kaufkraft unserer Mark auf 1/20 des Friedenswertes. Mitte 1921 stiegen die Kosten für die Lebenshaltung mindestens um das 15-fache gegenüber der Vorkriegszeit. Beamte, Angestellte u. Arbeiter haben unter der Geldentwertung schwer zu leiden, da Gehalt u. Löhne nicht im entferntesten den Preisen für die Lebenshaltung entsprechen.“

Besonders traf das die Alten. „Ihre mühsam zusammengesparten Notgroschen sind zusammengeschmolzen und zum Teil schon verschwunden. Hier ist Hilfe dringend notwendig, um diese alten Leute vor dem Hungertode zu retten“, schrieb die Syker Zeitung im März 1922. Eine „Volkssammlung für das notleidende Alter“ wurde initiiert. In Syke sammelten der Frauenverein und die Kirche. Die Konfirmanden verkauften „Notgeld“-Scheine. Die Fleckengemeinde – Syke war noch nicht „Stadt“ – bildete einen Ausschuss, der sich um die Verteilung der Spendeneinnahmen kümmerte.

Am Problem änderte das nichts: Im Oktober 1921 wies die Mark noch ein Hundertstel ihres Werts vom August 1914 auf, im Oktober 1922 nur mehr ein Tausendstel. Und dass ihnen 1923 ein Jahr mit Hyperinflation bevorstehen würde, ahnten die Syker da noch nicht: Im November 1923 entsprach der Kurs für einen US-Dollar 4,2 Billionen Mark.

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