Kultusminister lädt Schülerinnen zum Gespräch ein

„Wollen ernst genommen werden“

Die Schülerinnen und Schüler sind wieder allesamt in den Schulen. Das Symbolfoto zeigt einen Blick in eine Klasse. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne empfing zwei Schülerinnen aus dem Südkreis zum persönlichen Gespräch in Hannover, nachdem sie ihrem Unmut über diese Zeitung Luft gemacht hatten.
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Die Schülerinnen und Schüler sind wieder allesamt in den Schulen. Das Symbolfoto zeigt einen Blick in eine Klasse. Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne empfing zwei Schülerinnen aus dem Südkreis zum persönlichen Gespräch in Hannover, nachdem sie ihrem Unmut über diese Zeitung Luft gemacht hatten.

Sulingen – Wechselszenario, Distanzlernen, Präsenzunterricht, Onlineunterricht, Vikos: Kaum ein Bereich, der so viele Lösungsoptionen bekam in den zurückliegenden Pandemie-Monaten, wie Schule. Und die Schülerinnen und Schüler selbst? In einem Interview mit der Kreiszeitung (Ausgabe vom 23. April) gaben zwei 17- und 18-jährige Schülerinnen ganz offen ihre Gedanken preis. Einer der Leser: Kultusminister Grant Hendrik Tonne.

„Der Minister würde die Schülerinnen gerne treffen“, heißt die Anfrage aus dem Niedersächsischen Kultusministerium Hannover an die Redaktion. Denn: Die Verunsicherung der beiden Schülerinnen zum Thema Präsenz-Unterricht war klar und deutlich formuliert. Dass Schulen geöffnet seien, liege weniger an der Bildung, sondern vielmehr an der Wirtschaft. „Die Schüler gehen zur Schule, damit die Eltern arbeiten gehen können. Unsere Gesundheit finde ich wichtiger“, monierte die 17-jährige Gymnasiastin aus dem Südkreis.

Über die Redaktion werden die Kontakte weitergereicht, die Schülerinnen freuen sich über die Einladung nach Hannover. Ein Termin wird gefunden, vom Gespräch zwischen Minister und Schülerinnen möchten die jungen Damen gerne berichten. Und auch der Minister verspricht ein Fazit.

„Im September dürfen wir wählen“

Deshalb forderte die 17-jährige Schülerin: „Ich wünsche mir, dass auf die Schüler gehört wird, dass man auch mal mit uns redet. Unser Jahrgang darf im September wählen und viele werden das tun. Wir möchten ernst genommen werden. Wir fühlen uns, als würde man uns vergessen.“

Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne nahm die Schülerinnen ernst, reservierte Zeit. Die Schülerinnen hat diese Einladung sehr gefreut, „weil wir gehört wurden.“ Beide möchten auch weiterhin anonym bleiben.

Vorbereitet auf das Gespräch mit dem Minister

Mit welchen Erwartungen sind sie nach Hannover gefahren? „Um ihm unsere Probleme mitzuteilen, sprich: Dinge, mit denen wir nicht einverstanden sind oder die wir nicht direkt verstanden haben, wie sie umgesetzt werden sollten. Wir wollten ihm Lösungsvorschläge bieten, da wir wissen, dass es nicht einfach ist, sich um alle Schulen gleichmäßig zu informieren. Wir sind allerdings nicht mit großen Erwartungen hingefahren, da wir erst dachten, dass er uns zwar anhört, aber nicht gewillt ist, etwas umzusetzen.“ Es sollte anders kommen.

„Als wir da waren, haben wir auf Augenhöhe miteinander gesprochen, wurden verstanden und es wurde nicht nur so hingenommen. Sie wollten etwas ändern, um auch auf der Höhe der Schüler zu agieren“, berichten die beiden Schülerinnen.

Kommunikationsvorschlag: Warum nicht über Instagram?

Vorgeschlagen hatten sie, Nachrichten aus dem Ministerium direkt über die Online-Plattform „Instagram“ zu senden. Da sei ihre Generation sehr aktiv: „Und somit könnten viele Dinge, die wichtig sind, geteilt werden. Durch Instagram kann eine bessere Präsenz gezeigt werden und die Kommunikation zwischen Herrn Tonne, Lehrern und Schülern oder auch unter den Lehrern, aber auch unter Schülern verschiedener Schulen gestärkt werden, damit auch die Schüler wissen, wo sie stehen und was sie verlangen dürfen.“

Schülerinnen „mit Courage“

Dieses Auftreten beeindruckte Grant Hendrik Tonne: „Es ist nicht selbstverständlich, dass Schülerinnen, die mitten im Abi stecken, sich auf den Weg machen, um dem Kultusminister von ihren Erfahrungen zu berichten und zu diskutieren. Die beiden waren sehr couragiert in ihren Einlassungen.“

Tonne freute sich über die konkreten Hinweise der Schülerinnen aus dem Landkreis Diepholz: „Sie haben sich äußerst differenziert mit der belastenden Lage der letzten Corona-Monate beschäftigt. Sie waren sehr gut vorbereitet und haben ihre Punkte sehr klar und strukturiert vorgetragen. Ich konnte deutlich spüren, wie sehr ihnen die eigene Schule und das Wohlergehen der Mitschülerinnen und Mitschüler nahe gehen. Mich treibt insbesondere um, dass sich die jungen Menschen oftmals nicht gehört fühlen. Man muss nicht mit jeder und jedem einer Meinung sein, aber wir müssen jedem Gehör schenken. Das Signal – doch, Euch wird zugehört, Eure Meinung ist wichtig – ist dringend notwendig. Dafür brauchen die Erwachsenen, die Politik, alle Entscheiderinnen und Entscheider, auch möglichst viel O-Ton der Kinder und Jugendlichen.“

Kritik: „Wir haben Lernrückstände“

Die beiden Schülerinnen sparten damit nicht. Denn tatsächlich habe der Unterricht gelitten: „Ich fühle mich nur teilweise gut vorbereitet auf das Abi, da wir letztes Jahr echt viel Ausfall wegen Corona hatten und viele Lehrer erst nach einigen Wochen oder Monaten auf die Idee gekommen sind, online Unterricht zu machen. Teilweise haben wir zu unseren Aufgaben gar keine Rückmeldung bekommen. Was dann ziemlich schwierig ist, da keiner wusste, ob wir die jetzt richtig bearbeitet haben oder nicht.“

Die Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrgangs seien fast als letztes zurück in die Schule geholt worden. Ihre Vermutung: Es sei kein „wichtiger“ Jahrgang, da kein Abschluss bevorstand. In der Konsequenz habe ihnen zum Anfang der 12. Klasse etwas Stoff gefehlt.

Kritik an den Schnelltests

Und dann das anfängliche Hin und her wegen der Schnelltests: Nur getestet in die Schule oder auch ohne? Zwischenzeitlich gab es nicht genügend Tests für alle. Gemäß Vorgabe sollten alle Schülerinnen und Schüler mit zwei Antigen-Schnelltests wöchentlich nachweisen, dass sie nicht an Covid-19 erkrankt sind.

Zwischendurch stehen Klausuren an, für die gelernt werden muss.

Die Noten sind nicht unwichtig, aber konzentriertes Lernen geht anders. Das frustriert: Durch Corona habe der damalige 11. Jahrgang bereits die Oberstufenvorbereitung anpassen müssen. Das zwölfte Schuljahr sei durch Lockdown, unvollständigen Unterricht und Homeschooling geprägt. „Und nächstes Jahr sollen wir Abitur schreiben. Wir fühlen uns nicht vorbereitet“, sagen die beiden Schülerinnen.

Vorschlag: Unangekündigte Schulbesuche

Ein weiterer Vorschlag, den sie dem Minister in Hannover gemacht haben: „Unangekündigte Schulbesuche, um die Realität in den Schulen zu sehen.“

Die Schülerinnen betonen, es müsse „unangekündigt“ sein, um zu sehen, wie die Regeln umgesetzt werden. Ihre Kritik: Die seien nicht immer so umgesetzt worden, wie es angekündigt gewesen sei. Ihr Wunsch: Dass die Vorgaben umgesetzt werden, wie angekündigt und nicht einzelne Schulen „es so machen, wie sie gerade wollen und wie es ihnen gerade passt.“

Die Regeln sollten umsetzbar und realitätsnah sein, fordern die Schülerinnen aus dem Süden des Landkreises Diepholz.

Konkrete Hinweise, die Grant Hendrik Tonne schätzt: „Ich persönlich und die Politik insgesamt können davon profitieren. So habe ich aus dem Gespräch mit den Schülerinnen ganz viel mitgenommen, was die Organisation des Distanzlernens anbelangt.

Aber auch, was das Unwohlsein mit der Corona-Lage angeht. Diese Erfahrungen sind sehr wertvoll für die akute Krisenbewältigung, aber mehr noch bei der Frage, welche Ableitungen für die Zukunft zu ziehen sind.“

Tonne: „Dialog, Austausch, zuhören sind wichtige Bausteine“

Laut Tonne fließen solche Gespräche in die Entwicklung konkreter Angebote ein. Er verwies auf das niedersächsische Kinder- und Jugendprogramm, das derzeit entwickelt werde. „Dialog, Austausch, zuhören – das wird ein ganz wichtiger Baustein in dem Umsetzungskonzept. „Auch deshalb danke ich den beiden für das sehr offene und konstruktive Gespräch, das einfach auch Spaß gemacht hat und in richtig guter Atmosphäre stattfand“, sagt der Kultusminister.

Von Sylvia Wendt

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