„Es wird mehr gesiebt“

Förderschule Geistige Entwicklung: Lebenshilfe vermisst inklusiven Ansatz

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Sprechen über die Zukunft der Tagesbildungsstätten: Karsten Bonke, Annette Lüneburg, Karin Knoop-Herrmann, Tanja Günnemann, Torsten Freyer und Christoph Kamin (von links).

Sulingen – Vorstand und Geschäftsführung der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz befürchten bei der möglichen Einführung einer Förderschule Geistige Entwicklung an der Sulinger Lindenschule eine Schwächung ihrer Tagesbildungsstätten – und eine Abkehr von der nach wie vor vom Kultusministerium verfolgten Zielsetzung Inklusion.

Geschäftsführerin Annette Lüneburg: „Im Grundsatz begrüßen wir den Ansatz, Eltern von Kindern mit Beeinträchtigungen mehrere Wahlmöglichkeiten anzubieten.“ Die Zielsetzung Inklusion im eigentlichen Sinne sei für sie, wie für stellvertretenden Vorsitzenden Torsten Freyer und Vorstandsmitglied Tanja Günnemann, bei den Planungen allerdings nicht erkennbar.

Freyer: „Im Gegenteil. Es wird mehr ‚gesiebt‘.“ Der stellvertretende Vorsitzende spricht von „Restebeschulung“. Stellvertretender Geschäftsführer Karsten Bonke nickt: „Die Gefahr, dass an unseren Einrichtungen nur noch Schwerstmehrfachbehinderte und Menschen mit Störungen im emotional-sozialen Bereich betreut werden, liegt nahe.“ Erfahrungen aus anderen Landkreisen würden diese These stützen.

Der Schulausschuss des Landkreises Diepholz hatte Ende vergangenen Monats empfohlen, eine Förderschule Geistige Entwicklung als Ganztagsangebot auf den Weg zu bringen. Freier Träger könnte Bethel im Norden mit seinem Schulverbund Freistatt werden.

Laut Karsten Bonke sei das Angebot, dass die Lebenshilfe mit ihren Paul-Moor-Schulen in Sulingen und Diepholz als staatlich anerkannte Tagesbildungsstätten vorhalte, durchaus vergleichbar mit dem der geplanten Förderschule Geistige Entwicklung. „Wir arbeiten nach den gleichen Kerncurricula.“ Seit nunmehr 40 Jahre bewege sich die Lebenshilfe Grafschaft Diepholz auf diesem Feld. Auch die Ausbildung der Lehrkräfte sei vergleichbar mit der der Förderschullehrer. Karin Knoop-Herrmann, Leitung der Paul-Moor-Schule in Sulingen, und Christoph Kamin, Leitung der Paul-Moor-Schule in Diepholz, sprechen von Sozial- und Heilpädagogen, die an den Tagesbildungsstätten tätig seien und alle über Zusatzausbildungen verfügen würden; etwa in den Bereichen Methodik und Didaktik.

Karsten Bonke: „Das alles ist in der Öffentlichkeit leider weniger bekannt.“ Schon 2013 habe die Lebenshilfe Grafschaft Diepholz selbst Überlegungen angestellt, den Status einer Förderschule anzustreben.

Wegen Veränderungen in der politischen Landschaft habe man das Vorhaben zunächst zurückgestellt. Wohl auch aus Kostengründen: „Als freier Träger hätten wir für drei Jahre die Personalkosten vorstrecken müssen. Das war für uns nicht zu leisten.“

Annette Lüneburg: „Wir bauen bei uns auch nicht den ganzen Tag Sandburgen.“ Sie persönlich vermisse in dem Vorhaben des Landkreises den inklusiven Ansatz, den sich die Lebenshilfe auf die Fahnen geschrieben habe. Exemplarisch nennt sie das Wohnprojekt, das derzeit am Schwafördener Weg in Sulingen umgesetzt wird, die integrativen Kindertagesstätten unter der Federführung der Lebenshilfe Grafschaft Diepholz oder die von der Tagesbildungsstätte in Diepholz ausgelagerte Klasse, die „jetzt im sechsten Jahr mit der Oberschule in Wagenfeld kooperiert. Da sind wir auf einem guten Weg.“

Torsten Freyer: „Kultusminister Grant Hendrik Tonne sagte erst vor zwei Wochen wieder, dass Inklusion nicht verhandelbar ist. Der Landkreis geht einen anderen Weg.“  

oti

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