Weniger Fische – mehr Insekten

Zustand der Allerbeeke bei Sulingen gibt den Experten Rätsel auf

Untersuchung an der Allerbeeke: Biologin Sophie Andrä (NLWKN Sulingen), Elektrofischer Ralf Schroeder (NLWKN Lüneburg) und Gewässerkoordinatorin Vanessa Held (ULV Große Aue) entlassen die Fische nach Zählung und Vermessung wieder in das Gewässer.
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Untersuchung an der Allerbeeke: Biologin Sophie Andrä (NLWKN Sulingen), Elektrofischer Ralf Schroeder (NLWKN Lüneburg) und Gewässerkoordinatorin Vanessa Held (ULV Große Aue) entlassen die Fische nach Zählung und Vermessung wieder in das Gewässer.

Sulingen – Seit 2015 steht die Allerbeeke bei Sulingen unter besonderer Beobachtung: Sie zählt zu den Schwerpunktgewässern der Gewässerallianz Niedersachsen, und bislang zeigten die Maßnahmen zur ökologischen Aufwertung einige Erfolge. In diesem Jahr scheint es jedoch einen Rückschlag gegeben zu haben: Laut Sascha Nickel, Projektkoordinator Gewässerallianz des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Lüneburg, fanden die Experten bei der jüngsten Untersuchung des Fischbestandes weniger als 25 Prozent der Fische, die bei der Überprüfung zuvor ermittelt worden waren.

Die Allerbeeke ist ein etwa zwölf Kilometer langer Bach, der bei Thiermann nördlich von Sulingen entspringt und zwischen Barenburg und Voigtei in die Große Aue mündet. Sie gilt als erheblich veränderter Gewässerkörper, wird aber wegen ihres außerordentlich hohen Potenzials zur Wiederbesiedlung durch Pflanzen und Tiere als sogenanntes Schwerpunktgewässer der Gewässerallianz geführt. Dabei handelt es sich um ein 2015 vom Niedersächsischen Umweltministerium ins Leben gerufenes Pilotprojekt, in dem mittlerweile in 14 Projektgebieten die Unterhaltungsverbände vor Ort an der ökologischen Aufwertung der Gewässer arbeiten. Im Sulinger Land ist der Unterhaltungs- und Landschaftspflegeverband (ULV) Große Aue mit Sitz in Mellinghausen beteiligt, und die Projektleitung liegt beim NLWKN.

Die Allerbeeke war gleich im Gründungsjahr der Gewässerallianz Gegenstand von Aufwertungsmaßnahmen. Auf einer Länge von rund 150 Metern, etwa zweieinhalb Kilometer vor der Mündung in die Große Aue, trugen die Beteiligten Erdreich ab und schufen so eine Sekundäraue. Gleichzeitig erfolgte eine kleine Verlegung des Bachlaufs, in den zudem Strömungshindernisse wie Kies und Totholz eingebracht wurden. Dieser Bereich wurde zuvor schon vom ULV nur noch beobachtend unterhalten, ohne den Einsatz großer Maschinen.

Struktur der Allerbeeke hat sich positiv entwickelt

In diesem Bereich hätten sich die wesentlichen gewässermorphologischen, also strukturellen Aspekte positiv entwickelt, beispielsweise durch Erlen, die sich dort angesiedelt hätten, sagt Nickel. Das lasse über die Ursache für das Untersuchungsergebnis rätseln: Die Allerbeeke zähle fischbiologisch zur „Hasel-Gründlingsregion“, aber von dem naturgemäß zu erwartenden Fischartenspektrum seien im September dieses Jahres im Vergleich zu den Vorjahren nur geringere Anzahlen an Arten und Individuen in der angelegten Maßnahmenstrecke festgestellt worden: „Hasel als Namensgeber der Fischregion tauchten neben Döbeln gar nicht im Fang auf, auf der Untersuchungsstrecke wurden lediglich 13 Gründlinge, fünf Rotaugen oder Plötzen, drei Flussbarsche, zwei Alande, zwei Bitterlinge sowie ein Dreistachliger Stichling gefangen. Der Gesamtfang betrug mit 26 Fischen auf derselben Strecke somit weniger als 25 Prozent gegenüber der Befischung im September 2018.“

Ein möglicher Grund für den Rückgang könne die anhaltende Niedrigwassersituation bereits im dritten Jahr in Folge sein. „Viele Fischarten reagieren empfindlich und gegebenenfalls mit ausweichenden Wanderbewegungen auf veränderten Wasserstand, Strömungsgeschwindigkeit und Temperatur“, führt Nickel aus. „Bereiche, die vorher von vielen Fischen besiedelt wurden, wie zum Beispiel tiefere, strömungsdurchflutete und für gewöhnlich sauerstoffreiche Stellen im Bach, sogenannte Kolke, waren im Sommer 2020 stark mit Pflanzen bewachsen, der Wasserstand dadurch angestaut und die Fließgeschwindigkeit stark verlangsamt.“

Fische sind möglicherweise dem Niedrigwasser ausgewichen

Denkbar sei, dass einige Fischarten infolge des erneuten „Dürresommers“ ausgewandert sind, um stärker beschattete und kühlere Bereiche zu erreichen. „Die Ermöglichung ,barrierefreier Wanderungen‘ ist also auch gerade jetzt in Zeiten wahrnehmbarer Klimaveränderungen von hoher Relevanz, damit Fische sich bei Extremereignissen in Bezug auf Temperatur oder Wasserstand in passendere Lebensraumbedingungen zurückziehen können, wenn es einmal brenzlig werden sollte.“

Das sei generell wichtig für die Fische, um beispielsweise ihre Laichgründe in speziellen Gewässerregionen überhaupt erst erreichen zu können. „Ein solches ,Wanderhindernis‘ besteht noch unterhalb der Maßnahmenstrecke im Sulinger Bruch, in Form eines alten Kulturstaues.“ Es sei anzunehmen, dass die Überreste dieses Querbauwerks besonders in Niedrigwasserperioden die Endstation – besonders für schwimmschwächere Kleinfischarten – darstellt, die stromaufwärts in die Allerbeeke wollen. Darum arbeite Vanessa Held als Gewässerkoordinatorin der „Gewässerallianz Große Aue“ beim ULV auch schon an weiteren Maßnahmen der Gewässerentwicklung an der Allerbeeke, die zum Beispiel durch Umgestaltung dieses ehemaligen Kulturstaues den Anschluss und den Fischwechsel an die Große Aue weiter verbessern sollen.

Mehr und seltenere Arten von Köcherfliegenlarven entdeckt

Ein anderes Bild als bei den Fischen bietet sich den Experten dagegen bei den Wirbellosen, etwa Insekten. So teilt Bettina Dörr, Pressesprecherin des Landesbetriebes, mit, dass nach Aussage der Sulinger NLWKN-Biologin Sophie Andrä seit 2015 noch kein eindeutiger Trend bei den Makrozoobenthos feststellbar sei. „Positiv zeichnet sich aber bereits ein verstärktes Aufkommen von Köcherfliegenlarven ab, die, stellvertretend für viele weitere Insekten, einen Teil ihres Lebenszyklus unter Wasser vollbringen; darunter auch seltene Arten, wie Notidobia ciliaris oder Polycentropus irroratus.“

Andrä sehe ebenfalls noch Bedarf für weitere Maßnahmen an der Allerbeeke: „Nach Bewertung gemäß Europäischer Wasserrahmenrichtlinie wird die Allerbeeke in ihrem ökologischen Potenzial derzeit mit ,mäßig‘ eingestuft. Um die Zielvorgaben zu erreichen, ist jedoch mindestens ein ,gutes‘ ökologisches Potenzial erforderlich. Aufgrund der durchgeführten Maßnahmen und der künftig geplanten Anstrengungen ist längerfristig eine Verbesserung beziehungsweise Stabilisierung des ökologischen Potenzials zu erwarten.“ Weiterführende Erkenntnisse seien nach den Probenentnahmen im kommenden Jahr zu erwarten.

Die Sekundäraue an der Allerbeeke kurz nach Fertigstellung im Jahr 2015.
Bereits zwei Jahre später ist die Aue deutlich bewachsen.
Aktuell ist im dichten Bewuchs die Aue kaum noch zu erahnen.

Zu diesen Maßnahmen zähle nahezu immer der Einbau von Hartsubstraten wie Kies oder Totholz, ergänzt Nickel. Sie würden im Idealfall sowohl von den Fischen als auch von den Wirbellosen wie Insekten, die den Fischen als Nahrung dienen, dankend angenommen. Entscheidend sei am Ende der Abwechslungsreichtum im Lebensraum für eine hohe Artenvielfalt, also ein möglichst „unaufgeräumtes“ Gewässer mit einer möglichst vielfältigen Tiefenstruktur, Strömungsdiversität und vielen Unterschlupfmöglichkeiten. „Wenn wir das umgesetzt haben, ist schon viel geschafft, aber auch erst mal nur der Weg bereitet: Ob die Maßnahme wirklich von der Tier- und Pflanzenwelt angenommen wird, hängt ganz entscheidend von den weiteren Belastungen im Gewässereinzugsgebiet ab“, erläutert Sascha Nickel. Gerade bei den anspruchsvolleren Arten könne es viele Jahre dauern, bis sie wieder zurückkommen. Auch aus diesem Grund sei es wichtig, abgeschlossene Maßnahmen nicht einfach ad acta zu legen, sondern von Zeit zu Zeit in ihrer Entwicklung zu beobachten. „Oft entstehen dabei erst die besten Ideen für möglichen Anpassungsbedarf und künftige Planungen.“

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