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Perspektivwechsel: Mein Tag mit Benjamin Blümchen

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Von: Harald Bartels

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Beteiligt am „Schichtwechsel“ in Sulingen: Zeitungsredakteur Harald Bartels, Abteilungsleiter Carsten Schlaak und Beschäftigte Christiane aus der Verpackung (von links).
Beteiligt am „Schichtwechsel“ in Sulingen: Zeitungsredakteur Harald Bartels, Abteilungsleiter Carsten Schlaak und Beschäftigte Christiane aus der Verpackung (von links). © Ute Stollreiter

Sulingen – Die Delme-Werkstätten in Sulingen sind mir als Redakteur wohlvertraut – diverse Male war ich hier zu Gesprächen oder bei Veranstaltungen. Heute bin ich jedoch in anderer Rolle vor Ort: Im Rahmen der bundesweiten Aktion „Schichtwechsel“ tausche ich für einen Tag meinen gewohnten Stuhl am Schreibtisch in der Redaktion mit einem Arbeitsplatz im Standort Sulingen der Delme-Werkstätten, um neue Einblicke zu erhalten.

Und dieser Tag beginnt für meine Verhältnisse ungewohnt früh: Bereits um 7.45 Uhr stellt mich Stefan Volkmann, Produktionsleiter der Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) und der Werkstatt für Industrie und Dienstleistung (wid) in Sulingen, den Abteilungsleitern vor, bevor mich Carsten Schlaak mitnimmt, der für die Bereiche Tischlerei und Verpackung zuständig ist.

Hier betreut er derzeit zwölf Beschäftigte mit geistigen und / oder körperlichen Einschränkungen und einen Produktionshelfer in der Tischlerei sowie 13 Beschäftigte und eine Gruppenleitung in der Verpackung. Insgesamt 160 Beschäftigte zählt der Standort Sulingen, und rund 1 400 sind es insgesamt in der „Delme“.

Gründlich kontrolliert Christiane die fertigen Döschen, die Sabrina und ich in den Karton packen.
Gründlich kontrolliert Christiane die fertigen Döschen, die Sabrina und ich in den Karton packen. © Bartels

Weil ich keine Sicherheitsschuhe dabei habe, wird mein handwerkliches Geschick nicht in der Tischlerei auf die Probe gestellt, sondern ich bekomme einen Platz in der Verpackung zugewiesen, wo sonst meine „Tauschpartnerinnen“ Heike Trautmann und Heike Schünemann beschäftigt sind. Hier haben es die Beschäftigten mit ganz unterschiedlichen Artikeln zu tun, zählt Daniela (39) aus Varrel auf: Oft sind es Keile für Türstopper, Schrauben, Teile für Fahrzeugstoßdämpfer oder Gummimatten für Möbelfüße – aber in dieser Woche dreht sich alles um Benjamin Blümchen. Genauer gesagt: um die entsprechende Torte. Zu der gehört nämlich, wie ich erfahre, ein kleines Döschen mit einer Figur des Elefanten. Dieses Döschen muss jeweils auf Beschädigungen kontrolliert und mit einem Aufkleber auf dem Deckel versehen werden, erklärt mir Christiane (37) aus Sulingen. Insgesamt 576 Döschen enthält ein Karton, und 16 solcher Kartons sind zur Bearbeitung angeliefert worden.

Noch bevor ich mich an meinen Platz setzen kann, drückt mir Daniela ein Haarnetz in die Hand – schließlich geht es um Artikel, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, und alle in der Gruppe achten darauf, dass die „Bekleber“ ihr Netz tragen und niemand seinen Arbeitsplatz verlässt, ohne die FFP2-Maske aufzusetzen.

Sorgfältig müssen die Aufkleber auf dem Deckel platziert werden.
Sorgfältig müssen die Aufkleber auf dem Deckel platziert werden. © Ute Stollreiter

Aufkleber auf Dose klingt einfach, doch auf dem glatten Tisch rutscht das Plastikbehältnis hin und her, als ich den Sticker auf den Deckel setzen will. Abhilfe schafft meine Nachbarin Sabrina (23) aus Barnstorf, die mir rasch die richtigen Handgriffe zeigt. Mit etwas Üben gelingt mir das auch, und ich bewundere mein Gegenüber Manfred (65), der das alles mit nur einer Hand schafft.

Eine enge Betreuung ist offensichtlich nicht nötig: Alle kennen ihre Aufgaben und arbeiten sie ab, dabei wird locker geflachst.

Bundesweiter Aktionstag für Teilhabe

Christiane hat ihre Tätigkeit zunächst im Bereich Metallbau begonnen, doch nach der Elternzeit wechselte die Mutter zweier Kinder in die Verpackung: „Das gefällt mir besser“, sagt sie. Daniela kam dagegen zunächst in Ganderkesee von der Wäscherei in die Verpackung und ist seit zwei Jahren in Sulingen tätig. „Die Gruppengemeinschaft ist richtig schön, und wir halten alle zusammen.“

Im Rahmen des Aktionstags am 22. September tauschen in diesem Jahr Beschäftigte aus rund 100 Werkstätten in 15 Bundesländern für einen Tag ihren Arbeitsplatz mit Menschen aus anderen Unternehmen, um so Teilhabe und Arbeit aus einer neuen Perspektive zu erleben. Organisiert wird der Tag von der Bundesarbeitsgemeinschaft der WfbM.

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